Formfrei

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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Günter Grass im Gespräch

| 9 Lesermeinungen

In Ergänzung meines gestrigen Berichts in der FAZ, hier ein Videomitschnitt des Auftritts von Günter Grass am AKW Krümmel.

In Ergänzung meines gestrigen Berichts in der FAZ, hier ein Video des Auftritts von Günter Grass am AKW Krümmel, roh und ungeschnitten. Die Qualität ist leider nicht besonders gut, an Equipment hatte ich nur mein iPhone zur Verfügung, das als Erklärung. Zudem ging gleich zu Beginn der eigentlichen Lesung die Batterie zu Neige, weshalb ich diesen Teil der Veranstaltung nur für einige wenige Sekunden filmen konnte. Die sind es aber wert, man erhält zumindest ein paar Eindrücke, daher soll der Clip trotz seines abrupten Endes hier zum Einsatz kommen:

[View:https://www.youtube.com/watch?v=bMDsina8q7U:530:302]

In seiner trotz Schwere des Anlasses amüsanten Lesung trug Grass zunächst aus seinem Band „Mein Jahrhundert“ vor; und zwar eine kuriose kleine Geschichte, „1955“, über „Papa“, der im Garten einen privaten Atombunker ausheben will, dabei verschüttet wird und stirbt. Sein Sohn, der die Geschichte erzählt, wird durch den Unfall und den Verlust des Vaters zum entschiedenen Gegner der Atomkraft, und ist fortan bei allen Protestveranstaltungen mit dabei. Und das, obwohl weder er noch sein Vater noch sonst irgendjemand in der Familie vor dem Unfall größere Vorbehalte gegen die Atomenergie hatte. Ein irrationales Element, ein Nexus, der nicht recht einleuchten will, und ich frage mich, ob das Publikum im Zelt wirklich verstanden hat, dass eine solche Erzählung die Position der Atomkraftgegner gerade nicht untermauert, vielmehr die diffuse Gemengelange und die Widersprüche in den Motivlagen sowohl der Anti-AKW- als auch der Ökofront generell unterstreicht. 

Im Anschluss las Grass eine Passage aus „Grimms Wörter“, seinem neuen Buch. Ein Werk, dass er „aus Liebe zur deutschen Sprache“ verfasst habe, wie er nochmals betont. Daraus auch der Satz, den ich als Opener meines Berichts wählte: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“

Unmittelbar an die Lesung schloss sich eine Diskussion mit Rainer Burchardt an, dem langjährigen Chefredakteur des Deutschlandfunks. Dieses Gespräch in voller Länge in den nachfolgenden beiden Clips. Im ersten geht es konkret um Atomkraft, um den Einfluss der Lobbies im deutschen Bundestag und demzufolge um die „Machtfrage“; Burchardt kritisiert Medienversagen allenthalben und fordert die Bürger, sich Stéphane Hessels Kampfruf „Empört Euch!“ zu Herzen zu nehmen. 

[View:https://www.youtube.com/watch?v=6bYCZnOgSNc:530:302]

Im zweiten Clip sehnt sich Grass nach Habermas und verdammt … äh, wie heißt er jetzt noch mal gleich? … dieser Philosoph … im Fernsehen … wie heißt der noch gleich? … ach, ja: Sloterdijk! Er sehnt sich also zurück zu Habermas und verdammt Sloterdijk, der durch die Feuilletons geistere und Unsinn verbreite, abwechselnd mit Sarrazin. Zudem gibt es eine Rundreise durch die Probleme der Welt, eine paar Takte zur deutschen und internationalen Politik sowie die Selbsterklärung von Grass, dass er sich trotz SPD-Austritt noch immer als Sozialdemokrat fühlt. Und zuguterletzt die Feststellung, dass Helmut Schmidt der eigentliche Gründer der Grünen war.

Mein Fazit daher: Atomprotest kann ja sooo unterhaltsam sein…

[View:https://www.youtube.com/watch?v=WvGj3gAm8VA:530:302]

 


9 Lesermeinungen

  1. Ein Spezialist der...
    Ein Spezialist der Verführung
    .
    Von Grass stammt ja auch das Bekenntnis, dass er sich vor allem vor einer Öko-Diktatur fürchte. Nun wie auch immer er das gemeint haben mag, er hat es nicht wirklich sauber begründet. So bleibt dies ein aphoristisches Bonmot unter vielen. So vielen, dass man wahrlich ein „ganzes Jahrhundert“ damit füllen kann. Wichtiger wäre mir aber die Beantwortung der Frage, wo sein Problem mit der Ökodiktatur liegt. Ganz sicherlich nicht in einer allgemeinen Furcht vor einer jeden Diktatur. Weil dann müsste er sich auch gegen die Kapitalsdiktatur zur Wehr setzen. Was er als Sozialdemokrat – mit oder ohne Parteibuch – definitiv nicht tut. Hätte er nur ein Wort über die Klassenstrukturen dieser oder jener Diktatur verloren, dann wäre das Thema vielleicht diskussionswürdig. Auch die Nazis wurzeln in Teilen in einer esoterisch angehauchten Ökobewegung. Hitler war gar Vegetarier. All das und vieles mehr hätte man diskutieren können und eben auch den Zusammenhang zwischen Kapitalsmacht – der Diktatur der Bourgeoisie – und der Rolle der kleinbürgerlichen Massen. Dem Verhältnis von „Bonapartismus“ und dem Mob – dem kleinbürgerlichen -, wie auch am Beispiel des „Bürgerkriegs in Frankreich“ von Karl Marx so prägnant beschrieben. Was sind die Sarrazins, was ist ein Sloterdijk? Während die einen die Massen verführen, bezirzt der andere die „Philosophen“. Es ist müßig darüber zu streiten, wer der größere Spezialist der Verführung ist. Grass jedenfalls ist ein Meister darin. Seine Bonmots sind niemals mehr gewürzt, als ein mittelmäßiger Gaumen zu ertragen vermag. Und niemals weniger als er benötigt um seinen schlechten Geschmack dabei los zu werden. „Beim Häuten der Zwiebel“ mag stellvertretend dafür stehen. Denn das Absondern von Tränen, von „Krokodilstränen“ gar, die beim Häuten von Zwiebeln vor allem entstehen, gehört zu den niederträchtigsten Methoden der Empathieergaunerung und damit der Verführungstechnik schlechthin.

  2. @Devin08
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    Ich kann sehr gut...

    @Devin08
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    Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Grass damit meint; so nichtig das Beispiel sein mag, ist für mich das Glühbirnenverbot in der EU ein erster Schritt in eine solche Ökodiktatur. Und es ist absehbar, dass das Verfeuern von Holz demnächst unter Strafe gestellt wird; in einigen Jahren das unkontrollierte, öffentliche Pupsen vielleicht auch, wer weiß – CO2 ist ja immerhin Klimakiller Nummer 1.
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    Was mich wundert ist, dass Grass den Begriff im Rahmen einer Anti-Atom-Debatte verwendet, wo er notwendigerweise zu Irritationen führen muss. Meine These lautet, dass er darauf hinauswollte, potenzielle Umweltgefahren wie die Atomkraft aus der Welt zu schaffen, bevor die Bewältigung ihrer negativen Folgen Anlass zu einer Ökodiktatur geben könnte. Das ist aber natürlich eine komplexe argumentative Figur von geradezu faustischen Dimensionen; denn damit läuft er Gefahr, genau das zu provozieren, was er eigentlich vermeiden wollte. Oder anders gesagt: Zum Geist zu werden, der stets Gutes will und Böses schafft. Ein Phänomen, das in Sozialistenkreisen ja nicht unbekannt sein dürfte…

  3. Was Grass wohl meint ist der...
    Was Grass wohl meint ist der permanente Ausnahmezustand wahrscheinnlich hat er noch nicht begriffen das die Banken damit wunderbar durch gekommen sind… und faktisch in Rechtsfreien Räumen agieren.
    Das tun Flutwellen und Radioaktive Strahlung und Viren im übrigen auch… weil Texte selten gegen Flutwellen helfen aber die Japaner beweisen ja gerade das man Dinge auch ohne Ausnahmen regeln kann. Die tiefe Skepsis gegenüber den Japanern ihrer Regierung usw ist wohl eher eine tiefe Skepsis gegenüber unsere eigenen…

  4. @Hr. Strobl
    ähm beim Pupsen...

    @Hr. Strobl
    ähm beim Pupsen entweicht Methan, der CO2 Gehalt ist dabei vernachlässigbar. CO2 wird ausgeatmet. Aber es ist richtig, dass Methan mehr Infrarot Strahlung absorbiert als CO2 und damit stärker zur Aufheizung der Atmosphäre beiträgt.

  5. @Malachit
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    Danke. Ich geb's...

    @Malachit
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    Danke. Ich geb’s zu: Ich hätt’s nicht gewusst. Verbieten wir also das Pupsen des Methans wegen; und wegen des CO2-Ausstoßes das Rülpsen.

  6. Pupsen bereits...
    Pupsen bereits verboten
    .
    @Strobl: Es gibt da eine kleine Insel an der südostafrikanischen Küste, sie heißt Malawi. Dort ist das öffentliche Pupsen bereits verboten. Das ist kein Witz!
    Das Gesetz geht allerdings auf koloniale Zeiten zurück und wird mit Geruchsbelästigung = menschengemachte Umweltverschmutzung begründet. Es bedarf also keiner postmodernen Ökodiktatur, die Wiederbelebung frühmoderner bzw. moderner = kolonialer Diktaturen scheint zu reichen.
    Doch das Gesetz wurde unter britischer Herrschaft nie angewendet. Nun scheint man das nachholen zu wollen (https://www.n-tv.de/panorama/Malawi-prueft-Furz-Verbot-article2532101.html).

  7. Ja, Grass. Der ewige...
    Ja, Grass. Der ewige Proletarier.
    Und dann verdammt er auch noch Sloterdijk.
    Wie will das zusammen passen? Der Schulabrecher Grass kritisiert den steuerlich subventionierten Nietzsche Nachfolger Sloterdijk!
    Wer will das zusammen denken?
    Der Aufklärer und Anhänger der dt. Romantik Grass kritisiert den Bismarck Verehrer Sloterdijk!
    Ja, da kommt man in’s Schlingern!

  8. Ich war auch dort.
    Hab...

    Ich war auch dort.
    Hab vielleicht schon graue Haare (geht schon ab 30 – Ihre „Haarpracht“ ist ja leider nicht zu identifizieren), kann aber noch gut sehen und hören. Und wenn einer „Chic“ zu beklagen hätte, dann lediglich Strobl über sich selbst.
    Das nachfolgende Zitat von Strobl: „Man erlebt einen der Höhepunkte der diesjährigen Hamburger Lesetage. Das Kuriose daran: Die werden just vom Atomkonzern Vattenfall ausgerichtet und damit dem Unternehmen, das im Zelt am AKW Krümmel nur in einer Form präsent ist: als Feindbild.“ manipuliert gleich zu Beginn mit einer Falschinformation und suggeriert, Grass wäre von Vattenfall gesponsort oder eingeladen. Diese Veranstaltung war selbstorganisiert GEGEN Vattenfall und von engagierten Schriftstellern und Musikern unterstützt – und hat in Hamburg auch bereits Tradition.
    Lieber Herr Strobl – schlecht berichtet, unlauter zusammengebastelt – oder besser gesagt „zusammengelabert“ – eine österreichische Unart net woar – und wohl auch ein Problem der 68er geborenen – oder? Mit Sloterdijk hat Grass übrigens ausnahmslos recht – auch so ein endlos Gelaber als Phlisophie getarnt – und gut subventioniert an der Hochschule f Gestaltung in Karlsruhe, die vor allem dazu benutzt wird, auf Kosten der Steuerzahler die persönlichen Preziosen zu finanzieren.
    Grass – als einer der wenigen – problematisiert schon seit Jahren die Einflussnahme der Wirtschaftslobby – (deren geneigter Profiteur Sie ja sind Herr Strobl) über diese Politik-Verzerrung ist leider bei Ihnen nichts zu lesen. Grass engagiert u.v.a. sich auch mit eigenem Vermögen für die Situation der Sinti und Roma – wie steht es da mit Ihnen? Und seit es jetzt endlich deutlicher wird, welchen Anteil auch Österreich an der Katastrophe des Nationalsozialismus hat, wird man wohl auch von Ihnen Herr Strobl aus der scheinbar sicheren Distanz im österreichischem Neunkirchen ein paar neue Töne lesen – oder?
    Dann könnte Ihr überhebliches „ich versuch [euch] mal fertig zu machen-Chic“ vielleicht doch noch eine Wende hinbekommen zu „Ich will [euch] mal mit Empathie etwas ernst nehmen-Chic“ – das wäre mal was in der F.A.Z

  9. @sangje
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    Das sehe ich anders:...

    @sangje
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    Das sehe ich anders: In meinen Augen war das natürlich einer der Höhepunkte wenn nicht der Höhepunkt der diesjährigen Hamburger Lesetage; nur eben nicht dem von Vattenfall organisierten Teil, sondern der Gegenveranstaltung. Also eine Art „Hijacking“, wie schon neulich bei den Pro-Guttenberg-Demonstrationen, von denen ja auch nicht das hängenblieb, was die Veranstalter auf die Beine stellten, sondern die Aktionen der Gegenseite.
    .
    Darauf läuft’s hinaus und nichts anderes beschreibe ich in meinem Artikel. Dass Grass nicht im Rahmen des Vattenfall-Programms auftrat, ergibt sich sowohl aus meinem Text als auch den Begleitmaterialien. Wie Sie daher auf Ihren Vorwurf kommen, ich würde irgendwas irgendwem unterstellen, erschließt sich mir nicht.

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