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Liebe als Passion

Dass die Liebe eine ziemlich komplizierte Angelegenheit sein kann, darf als trivial gelten. Müßig daher eigentlich, darüber ein Buch zu wälzen, noch dazu ein ebenfalls ziemlich kompliziertes. Doch geben mir Regen und Atlantikfrost, von denen ich seit Tagen auf den Azoren heimgesucht werde, die Gelegenheit, endlich die Lektüre von Luhmanns „Liebe als Passion“ zum Ende zu bringen; ein Unterfangen, dem ich mich bereits seit Monaten in einer Art „on-off“-Beziehung widme.

Was ist die Liebe eigentlich? Wann ist man verliebt? Und wen oder was liebt man da genau? Von unserem heutigen Standpunkt aus natürlich überaus banale Fragen. Und selbst wem dazu nichts Konkretes einfällt, dem bleibt immer noch die Aushilfsantwort: Man weiß, dass man verliebt ist, wenn man es ist. Man fühlt es.

Und während uns das heute so vorkommt, als könne es nur so und gar nicht anders sein, zumal wenn von „wahrer Liebe“ die Rede ist, von der Liebe, bei der man wirklich liebt und nicht nur so tut, kraft Konvention, Tradition, materiellem Streben oder welchem Motiv auch immer, dann machen wir uns etwas vor: Andere Epochen hatten selbstredend ihre ganz eigenen Liebessemantiken, in denen die wahre, die echte und einzige Liebe mit Schmetterlingen im Bauch ziemlich wenig am Hut hatte. Liebe war vielmehr vernünftig, Liebe diente der Reproduktion, nicht des Individuums sondern der Familie, und damit hatte die Liebesheirat aus individuellen, spontanen Gefühlslagen heraus, natürlich ganz schlechte Karten.

Genaugenommen ist die Liebe als Gefühl, namentlich die „romantische“ Liebe, eine ziemlich junge Erfindung, popularisiert zeitgleich mit dem Kapitalismus so um die Mitte des 19. Jahrhunderts, und das keineswegs zufällig: eine sich von Familie und Haushalt lösende und andere Strukturen bildende Wirtschaft machte es nicht mehr erforderlich, die Familie als ökonomische Einheit zu betrachten und für ihre Reproduktion über Generationsgrenzen hinweg zu sorgen; im Gegenteil: Zufällig zusammengewürfelte Ehepartner und damit einhergehende Familienneugründungen kamen dem neuen Wirtschaftssystem in dessen eigener funktionaler Ausdifferenzierung eher entgegen, verliehen ihm seine Dynamik, wo feudale Clangesellschaften in unproduktiver Statik verharrten. Oberschichtenfamilien machten eine ähnliche Erfahrung schon früher, als eine zunehmend autonome Politik dazu führte, dass sie immer weniger „staatstragend“ wurden.

Der „Zufall“ kam insgesamt erst sehr spät ins Spiel, ihm fällt aber logischerweise die entscheidende Rolle zu, wenn jegliche Art von Fremdarrangement entfallen und die individuelle Partnerwahl aus wahrer Liebe im Vordergrund stehen soll. Der Zufall sorgt natürlich auch für den Schuss Paradoxie sowie die Antwort auf viele ansonsten offene Fragen, zum Beispiel der: Was genau liebt man eigentlich, wenn man liebt? Sind es bestimmte Eigenschaften, die der Partner aufweist? Sind es hohe Moral und edle Tugenden, wie man in England lange meinte? Oder gar niedere, animalische Qualitäten, sexuelle Attraktivität und dergleichen? Und wenn es bestimmte Eigenschaften sind, die man am anderen liebt: Warum sollte man sie dann an anderen, die diese Eigenschaften ebenfalls aufweisen, nicht lieben? Spät setzte sich die Auffassung von Jean Paul durch: Man liebt den anderen, weil man von ihm geliebt wird. Und damit wurde die Liebe zu dem, was wir heute darunter verstehen, eine durch und durch selbstreferentielle Angelegenheit, die nichts Äußeres will und nichts Äußeres braucht, sondern sich eine eigene Welt schafft, in der sich die Liebenden ihrer Liebe hingeben können.

Dass diese künstliche, schöne, romantische Liebeswelt natürlich an allen Ecken und Enden mit der realen Welt und deren kalten Zwängen und Einschränkungen kollidiert, versteht sich von selbst. Der romantischen Liebe fehlt damit ein wesentliches Element, um ein fiktionales Happy End zum tatsächlichen „bis dass der Tod Euch scheidet“ zu bringen, nämlich Stabilität. Das macht sie zur Erscheinung für den Augenblick und nicht zur Angelegenheit auf Dauer, stetig steigende Scheidungsraten geben davon Zeugnis. Worin besteht der Ausweg? Nicht in der romantischen Liebe sondern der „Liebe als Passion“, womit zumindest der Titel des luhmannschen Oeuvres erklärt wäre.

Ein überaus lehrreiches Buch, wie ich finde, dessen Lektüre auch die eine oder andere aktuelle Debatte in einem anderen Licht erscheinen lässt, etwa die der Zwangsverheiratung im Islam und anderen archaischen Kulturen. So „unmodern“ und ablehnungswürdig uns das erscheinen mag, so sehr weist Luhmanns Buch einmal mehr auf das Schild hin, das auch in Liebesdingen über der Tür zur Moderne angebracht ist, und auf dem steht: Betreten auf eigene Gefahr!

 

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