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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Wir sind die Guten!

| 25 Lesermeinungen

Der Kommentar in der heutigen Ausgabe der FAZ hat recht: Mit der Erschießung Bin Ladins schließt sich der Kreis; die Ereigniskette, die mit dem 11. September begann, findet einen (vorläufigen) Abschluss. Anders kann man das Ganze eigentlich gar nicht deuten. Eine mächtige Symbolik will es so, der ewige Kampf des Guten mit dem Bösen verlangt klare Ansagen und eindeutige Ergebnisse; keine lauwarmen Kompromißformeln, keine Verfahren vor Militärgerichten, keine Berufung auf Menschenrechte und ähnlichen Kinderkram.

Der Kommentar in der heutigen Ausgabe der FAZ hat recht: Mit der Erschießung Bin Ladins schließt sich der Kreis; die Ereigniskette, die mit dem 11. September begann, findet einen (vorläufigen) Abschluss. Anders kann man das Ganze eigentlich gar nicht deuten. Eine mächtige Symbolik will es so, der ewige Kampf des Guten mit dem Bösen verlangt klare Ansagen und eindeutige Ergebnisse; keine lauwarmen Kompromißformeln, keine Verfahren vor Militärgerichten, keine Berufung auf Menschenrechte und ähnlichen Kinderkram. Ein Großteil der Populärkultur funktioniert nach exakt diesem Schema, und das nicht nur in den USA, ausnahmslos jeder Blockbuster der letzten Jahre endete mit der Vernichtung des Superschurken, damit der Superheld umso heller strahlen konnte. Ob Superman, Batman, Ironman, Rambo oder Will Smith in Independence Day: Der Plot mag in den Einzelheiten variieren, aber das Ende ist immer das gleiche. Auch die Western-Filme früherer Tage lassen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig, ob Rothaut oder Bleichgesicht: Wer böse ist, für den ist auf der Welt kein Platz. Darüber muss man nicht traurig sein, darüber darf man sich sehr wohl freuen. Immer vorausgesetzt natürlich, man zählt zu den Guten. Das ist ganz wichtig. Den Guten ist alles erlaubt, die Schlechten hingegen dürfen nur eins: sterben. 

Und weil das so ist, kostet es unsere amerikanischen Freunde natürlich nur einen Lacher, wenn wir jetzt lautstark darüber sinnieren, ob man sich über das freuen darf, was heute sehr konstruiert als „Tod des gesuchten Terroristen unter nicht restlos geklärten Umständen“ firmiert und wozu man früher schlicht „Liquidation“ gesagt hätte. Natürlich darf man sich darüber freuen, warum denn nicht? Im Gegenteil: das ist nur konsequent. Man kann nicht einerseits ein Monster konstruieren und sich auf die Jagd nach ihm machen, mit allem was die moderne Kriegstechnik zu bieten hat; und dann Rotz und Wasser heulen, wenn man es schließlich zur Strecke bringt. Wollte man sich im Kino den neuen James Bond angucken, wenn der damit endet, dass der Superschurke vor Gericht gestellt und dann ins Gefängnis gesteckt wird? Natürlich nicht: das wäre der Flop des Jahrhunderts. Und ja: das ist grausam. Aber so und nicht anders kann man es bereits in Nietzsches Genealogie der Moral nachlesen: Die Äquivalenz zwischen Tat und Strafe wird durch das Wohlgefühl erzeugt, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen; in der „Wollust »de faire le mal pour le plaisir de le faire«, der Genuß in der Vergewaltigung“. Der Ausgleich, die Wiedergutmachung besteht also geradezu in einem Anrecht auf die Zufügung von Grausamkeit, bis hin zur Ermordung. 

Ergo sollten wir jetzt nicht groß über Rechtsfragen brüten und moralische Skrupel wälzen, sondern uns gemeinsam mit der Kanzlerin freuen.

Wir sind schließlich die Guten!


25 Lesermeinungen

  1. Jeeves sagt:

    "Liquidation"?
    In Deutschland...

    „Liquidation“?
    In Deutschland hieß das früher: „Auf der Flucht erschossen“.

  2. stroblt sagt:

    @Jeeves
    .
    Mag sein, aber das...

    @Jeeves
    .
    Mag sein, aber das klingt dann gleich wieder nach Nazis und DDR usw, das verdirbt das strahlende Bild. Die Guten erschießen niemanden auf der Flucht, das machen nur die Bösen.

  3. ppp sagt:

    Naja, früher hat man das...
    Naja, früher hat man das abgeschlagene Haupt des Feindes noch gerne herumgeschickt oder die Leiche öffentlich verwesen lassen. Heute wird der Rest scheu ins Meer gekippt…
    Also, ein Hoch auf den zivilisatorischen Fortschritt!

  4. Navigator42 sagt:

    Happy End durch Mord...
    Happy End durch Mord funktioniert gut im Western,
    nach dem Film geht die kompliziertere Realität rücksichtslos weiter.

  5. perfekt!57 sagt:

    Danke!
    .
    Und früher war es...

    Danke!
    .
    Und früher war es wohl so: Von angelsächsischer Seite aus wurde schon seit Jahrzehnten regelmässig bemängelt, dass wir deutschen Spießer von Haus aus fast alle erst mal „nein“ sagten, wenn wir „nein“ meinten. (Die meisten jedenfalls.)
    .
    Und vielfach ist das heute noch immer so, wenn sich auch viel getan hat, wir Deutsche durchs Mitleben in der Weltkultur und als Exportweltmeister vielfach gelernt haben „yes, but …“ zu sagen, höflich und klug wie sich das international und wenigstens leidlich distinguierter Weise gehört, statt anstatt wie früher eben plump-germanisch „nein“ zu sagen wenn wir „nein“ meinten.
    .
    Und nun dieses: Ein Bin Laden wird hingerichtet, durchaus unter aus unserer Sicht rechtsstaatlich fragwürdigen Umdständen – und was sagt das Deutsche Volk? Sagt in Summa? Es sagt, jedenfalls die überwiegende Mehrheit tut es, „yes, but…“: „Ja, wir verstehen, aber wir hätten Bin Laden lieber in Den Haag gesehen“.
    .
    Und man freut sich über dies Deutsche Volk: Es ist gar nicht so schlecht, bzw. hat in diesem Falleanscheinend ungefähr alles dazugelernt, was immer wünschenswert war.
    Und klar wünschte man sich u.a. auch eine Kanzlerin, die das anerkennen könnte, das/dies Volk genau da abholte: „Ich finde es prima, dass das Deutsche Volk in seiner großen Mehrheit heute und in diesem Falle und überhaupt „ja, aber…“ sagt, wenn eben auch in diesem Falle Verständnis für und Zuneigung zu unserem Verbündeten im Moment die höhere Bürgerpflicht sind. Und selbstverständlich freue ich mich als Kanzlerin aller Deutschen vor allem auch über dies klug wägende „ja, aber“, und ich würde mich sehr glücklich sein, wenn das Deutsche Volk genau diese Haltung richtigerweise und wie selbstverständlich auch in Zukunft beibehalten würde, wenn auch in diesem Einzelfalle die Sachlage anders ist und unsere Freundschaft zu Amerika anders verlangt …“
    .
    Ungefähr so könnte man es sich vorstellen. Ziemlich viele möglicherweise jedenfalls, die von klein auf eng mit ihren Engländern und Amerikanern in der Nachbarschaft aufgewachsen sind.

  6. egghat sagt:

    "EKIA" heisst das jetzt. Enemy...
    „EKIA“ heisst das jetzt. Enemy killed in action.
    „Liquidation“. Altmodisch.
    @Navigator42:
    Die Realität interessiert den großen Teil der Wähler aber nicht …

  7. konradi sagt:

    Wow ich bin beeindruckt:...
    Wow ich bin beeindruckt: Nietsches „Herrenmoral“ hier bei Weissgarnix ? – Na wenn das mal keinen Ärger gibt …;)
    Also @ morph – falls Du hier gerade mitliest – lockerer – und zugleich präziser – als Thomas Strobl hätte ich meine Antwort zu Deiner Entgegnung im F-Lübberding-Thread nicht formulieren können ! Gruß ! 🙂

  8. navigator42 sagt:

    @egghat

    stimmte bisher, aber...
    @egghat
    stimmte bisher, aber manchmal kommt die Einsicht heftig und mit unberechenbaren Folgen

  9. Morph sagt:

    @konradi

    sorry, ich muss da...
    @konradi
    sorry, ich muss da zuviel inerpolieren, um aus Strobls Kommentar zu verstehen, was DU mir entgegnen willst. Etwas deutlicher bitte!
    @strobl: Das moralisch Signifikante an der Causa ist doch, dass Merkels Freude-Statement eben NICHT funktioniert hat und sie zurückrudern musste, isn’t it? DAS wäre aufzuschlüsseln!

  10. stroblt sagt:

    @Morph
    .
    Um ehrlich zu sein:...

    @Morph
    .
    Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Natürlich lese ich Schirrmacher & Co und verstehe, worauf sie hinauswollen; aber alle, alle, alle, die ich kenne, drücken es so aus wie ich oben: Hurra, das Gute hat gewonnen! Bei meinen amerikanischen Freunden durch die Bank, bei Nicht-Amerikanern zumindest mehrheitlich. Ich selber würde Merkel zuneigen, wenn ich mir dieses ganze „War on terror“-Dingens zu eigen machte. Dann ist es meiner Ansicht nach wirklich nur konsequent.

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