Formfrei

Formfrei

An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Geschirrspülen mit Bohr und Heisenberg

| 7 Lesermeinungen

Es regnet hier in Hamburg. Und Regentage sind Mathematiktage, das war schon immer so bei mir: Mit Mathe beschäftige ich mich vorwiegend dann, wenn sich der Himmel eintrübt und die Schleusen öffnet. Das war schon zu meiner Gymnasialzeit so, da fanden die Mathe-Klausuren meiner Erinnerung stets an Regentagen statt. Das schlug damals aufs Gemüt, und entsprechend waren die Noten. Aber heute lese ich Bücher über Mathematik mit Vergnügen, auch und vor allem an Regentagen. Zum Beispiel das von Rudolf Taschner "Der Zahlen gigantische Schatten - Die fantastische Welt der Mathematik".

Es regnet hier in Hamburg. Und Regentage sind Mathematiktage, das war schon immer so bei mir: Mit Mathe beschäftige ich mich vorwiegend dann, wenn sich der Himmel eintrübt und die Schleusen öffnet. Das war schon zu meiner Gymnasialzeit so, da fanden die Mathe-Klausuren meiner Erinnerung stets an Regentagen statt. Das schlug damals aufs Gemüt, und entsprechend waren die Noten. Aber heute lese ich Bücher über Mathematik mit Vergnügen, auch und vor allem an Regentagen.

Wie zum Beispiel das von Rudolf Taschner „Der Zahlen gigantische Schatten – Die fantastische Welt der Mathematik“. Da steckt wirklich alles drinnen, was fasziniert und begeistert; noch dazu ist es locker und leicht verständlich geschrieben – wofür man angesichts der Schwere des Stoffs dankbar ist. Fans des Genres werden darin auf vieles stoßen, was schon anderweitig ausgerollt wurde: die Zahlenbeziehungen in den Kompositionen von Bach zum Beispiel, die kennt man natürlich schon von Douglas R. Hofstadter. Dessen „Gödel, Escher, Bach“ ist aber auch eine ganz andere Baustelle, fällt alleine schon von Umfang und Tiefe her in eine ganz andere Gattung von Lektüre. Im Vergleich dient Taschners Werk mit seinen schlanken 200 Seiten wohl eher der Einführung und seine Tour d’Horizon durch die Wunderwelt der Zahlen gestaltet sich als Kurztrip mit leichtem Gepäck.

Eine Stelle gefiel mir ganz besonders gut, an sich auch nicht neu aber immer wieder gerne gelesen, vor allem in Post-Fukushima-Zeiten. Die Passage gibt eine Anekdote über Niels Bohr wieder, die Werner Heisenberg über einen gemeinsamen Aufenthalt im Gebirge erzählt:

Nach dem Essen [in einer Berghütte] ergab sich bei der Verteilung der Pflichten, dass Niels [Bohr] das Geschirr waschen wollte, während ich den Herd sauber machte, andere Holz hackten oder sonst Ordnung schafften. Dass in einer solchen Almküche die hygienischen Anforderungen nicht denen der Stadt entsprechen können, bedarf keiner Erwähnung. Niels kommentierte diesen Sachverhalt, indem er sagte: „Mit dem Geschirrwaschen ist es doch genau wie mit der Sprache [der Physik]: Wir haben schmutziges Spülwasser und schmutzige Küchentücher, und doch gelingt es, damit die Teller und Gläser schließlich sauberzumachen.“

Taschner verweist mit diesem Zitat auf den Umstand, dass bei der Entwicklung der Quantentheorie einige idealisierende Annahmen getroffen werden mussten; dass die Theorie aber im Großen und Ganzen trotzdem „funktioniert“. Da freut man sich natürlich drüber, dass die Physik im Großen und Ganzen funktioniert, nur halt in den wenigen Ausnahmefällen nicht, wo die Realität von den getroffenen Annahmen abweicht. Und dann halt plötzlich gar nix mehr funktioniert. Noch nicht mal das strunzdoofe Dieselaggregat, das die Kühlung besorgen soll.


7 Lesermeinungen

  1. Falls Sie irgendwann mal...
    Falls Sie irgendwann mal wieder an einem Regentag etwas mathematisches für Ihre Stimmung tun möchten – mir hat „Das Primzahlkreuz“ von Peter Plichta viel Vergnügen bereitet. Der ist zwar sehr schlau und macht in seinen Büchern auch gar keinen Hehl daraus, daß ihm das bewußt und wichtig ist. Vieles, was er schreibt, ist zudem recht esoterisch angehaucht … aber der Gedanke, daß diese vertrackten Primzahlen, die sich irgend jemand bei der Festlegung der Naturgesetze ausgedacht haben muß, um Leuten wie mir mit meinen Betonfünfen in Mathe und Physik diese Fächer noch zusätzlich zu verleiden, am Ende doch einem verstehbaren, festen System folgen sollen … das war dann, irgendwie, selbst für einen mathematisch Minderbegabten wie mich faszinierend.
    Alternativ kann man sich auch im kriegszerstörten Sarajevo in eine Frau verlieben, die an einem verregneten Herbsttag geboren ist: Manches hat keine Zukunft, und doch bleibt am Ende, daß Regen plötzlich jeden düsteren Gedanken wegspülen kann, wenn man erst einmal gelernt hat, ihn mit liebevollen Erinnerungen zu verknüpfen. Bei Ihnen hat das mit Büchern über Mathematik funktioniert, aber es gibt offensichtlich auch für Leute wie mich eine Lösung für Regentage … für jemanden, der in einer Klausur ein von einer Bachschleife eingeschlossenes Grundstück mittels der Integralrechnung als 632 Quadratzentimeter groß bestimmen kann und dabei nicht einmal von einer Ahnung befallen wird, daß da irgendwo ein Rechenfehler vorliegen könnte.

  2. Welches Dieselaggregat? Welche...
    Welches Dieselaggregat? Welche Kühlung? (Überschwemmung? Fukushima? -In der Tat hätte man dort wohl wirklich besser Unterwasser-Dieselaggregate verwendet.)

  3. Ich habe schlechte Erfahrung...
    Ich habe schlechte Erfahrung gemacht mit deutschen Männern in meiner Küche.
    Die Miele-Herren, meine ich. My new dishwasher is not as user-friendly as my old Miele and the „clean“ dishes don’t „smell“ clean now. Is „dirty“ water being recycled during the washing process and is there only one final rinse with clean water now?

  4. Geschirrspüler recyclen...
    Geschirrspüler recyclen grundsätzlich das Spülwasser und mit klarem Wasser wird nicht nachgespült. Das Spülwasser wird nur stark erhitzt und Klarspüler hinzugefügt. Das Wasser „perlt“ dann rückstandsfrei ab. Resultat: Wasserverbrauch unter 10l.
    Zurück zur Physik: das mit der Physik und der Theorie hat den grundsätzliche Haken, dass man etwas in einer Theorie beschreiben möchte, basierend auf Daten, die immer mit einem Fehler versehen sind. Die Kunst besteht darin, zu erkennen, daß es Meßfehler gibt. Dann kommt der handwerkliche Teil, nämlich deren Quantifizierung und Abtrennung mittels geeigneter Methoden. Bei dreckigen Tellern reicht Spülwasser, bei Daten muss die Regression und Statistik ran.
    Bei Fukushima geht es eher um das Problem der Festlegung des GAUs. Es gibt einige Beispiele in anderen Bereichen, wo man doch eher staunt. Im Flugzeugen gibt nach wie vor Schwimmwesten, obwohl Rauchmasken sinnvoller wären, wenn überhaupt. Das Herstellen technischer Sicherheit, besser gesagt Zuverlässigkeit, hat nur begrenzt mit Physik zu tun.

  5. @tradewind12:

    Esoterisch...
    @tradewind12:
    Esoterisch angehaucht. Soso. Plichta ist ein sogenannter „Crank“ oder auch „Crackpot“. Allein schon der Satz
    „Die geheimnisvollen Primzahlen, über die man glaubt alles zu wissen“
    disqualifiziert den Autor. Das Machwerk hat mit Mathematik so viel zu tun die Bild Zeitung mit Journalismus.

  6. So wird der Crackpot-Index...
    So wird der Crackpot-Index berechnet:
    https://math.ucr.edu/home/baez/crackpot.html
    In diesem Thread hat sich mal jemand die Mühe gemacht:
    https://matheplanet.com/matheplanet/nuke/html/viewtopic.php?topic=41574

  7. Nils Bohr ist fast 50 Jahre...
    Nils Bohr ist fast 50 Jahre tot. Die Geschichte könnte auch heute spielen. Oder morgen, übermorgen. Berghütten sind noch heute so. Und Mathematik verändert sich nicht. Für mich nicht. Mir eine verschlossene Hütte im böhmischen Dorf 😉

Hinterlasse eine Lesermeinung