Formfrei

Heinrich Heine war ein Grieche

»Der Kurs der Staatspapiere und des Diskontos ist freilich ein politischer Thermometer, aber man würde sich irren, wenn man glaubte, dieser Thermometer zeige den Siegesgrad der einen oder der anderen großen Fragen, die jetzt die Menschheit bewegen. Das Steigen und Fallen der Kurse beweist nicht das Steigen oder Fallen der liberalen oder servilen Partei, sondern die größere oder geringere Hoffnung, die man hegt für die Pazifikation Europas, für die Erhaltung des Bestehenden oder vielmehr für die Sicherung der Verhältnisse, wovon die Auszahlung der Staatsschuldzinsen abhängt.«

Es war kein Politiker und kein Bankier, der mit diesen Worten seine tiefe Einsicht in die Problematik der Staatsschulden zum Audruck brachte, im Mai des Jahres 1832, sondern der deutsche Dichter Heinrich Heine. Heine war fasziniert vom »Staatspapierensystem«, wie er es nannte; in ihm erblickte er etwas aus seiner Sicht durchwegs Positives, nämlich den letzten Sargnagel der verhassten europäischen Aristokratie: Die Oberherrschaft des Bodens fände ihr Ende, wenn Vermögen erst einmal mobilisiert und in liquiden Staatstiteln angelegt sei. Ein neuer Menschenschlag müsse dann nicht mehr ortsgebundenen Geschäften nachgehen, sondern könne fortan von Zinseinkünften leben. Und würde dadurch erst wirklich »frei«. In den Metropolen könnten sich diese freien Menschen ansiedeln, miteinander politisch und kulturell verkehren und so die »eigentliche Macht der Hauptstädte« bilden, lässt der Dichter sich von Baron James Rothschild erzählen, während sie gemeinsam durch die Straßen von Paris flanieren. Natürlich würde dadurch gleichsam eine neue Aristokratie geschaffen, aber diese gründete dann nicht mehr auf dem Besitz an Boden, sondern nur noch auf dem an Geld. Und da dieses vergänglich sei – flüssiger als Wasser und windiger als Luft -, müsse man eine Zementierung neuer feudalistischer Strukturen nicht fürchten: Die neuen Geldadeligen würden vielmehr das Schicksal des Mediums teilen, das sie hervorgebracht hat, sie würden kommen und wieder vergehen.

Eine Einschätzung, der sich die Geldanleger unserer Tage mit großer Besorgnis anschließen werden. Insbesondere die Halter von Griechenland-Titel, die vom Regen des Kursverfalls in die Traufe der Umschuldung („sanft“ oder „hart“, wie auch immer) zu fallen drohen. Die Angst vor dem »Haircut« geht um, zudem dämmert es auch dem letzten Ökonomie-Blödie, dass mit endlosen Sparappellen und schön gerechneten Privatisierungserlösen der Lage nicht beizukommen sein wird.

Während Überdichter Heine dem Rentier-Dasein also durchaus positive Seiten abgewinnen konnte, mochten sich spätere Autoren dieser Auffassung nicht mehr anschließen, und stempelten die Geldbesitzer vorzugsweise zu Wirtschaftsschädlingen. Allen voran Keynes, er sprach gar von psychisch Kranken, die sich nicht an ihrer Katze erfreuen könnten, sondern nur an den Kätzchen der Katze, eigentlich aber den Kätzchen der Kätzchen und so weiter und so fort, bis zum Ende der Katzenheit. Keynes – von der Freudschen Psychoanalyse tief beeindruckt – erblickte im Geldhorter einen Perversen, der den gesellschaftlichen Austausch unterbindet; indem er das Geld zurückhält, das die in ihm verkörperten sozialen Beziehungen belebt. Der »sanfte Tod des Rentiers« sei deshalb nicht bloß eine Option – sondern vielmehr eine Frage der öffentlichen Sicherheit. Den Strick, den sich die Marxisten für derartige Fälle in der Schublade vorrätig hielten, könne gleichwohl ungenutzt darin verbleiben, denn effektiver Nullzins und chronische Zahlungsausfälle würden den Job auch so erledigen. Die Trias aus Zinstief, Zahlungsausfall und Inflation müsse schließlich auch den dümmsten Rentier zur Einsicht bringen, dass er größeren Nutzen daraus zieht, wenn er sein Geld im Konsum verjubelt.

Heute wissen wir: Keynes lag falsch. Sparen ist populär wie eh und je, Sparen ist politisch erwünscht. Und damit das so bleibt gilt die Maxime: Marmor, Stein und Eisen bricht, aber griechische Staatstitel bestimmt nicht! Falsch lagen aber auch Heine und sein Kumpel Rothschild, denn die Geldadeligen unserer Tage teilen damit keineswegs das Schicksal ihrer bodengebundenen Vorfahren: Ihre Kurzsichtigkeit bleibt ungestraft, ihre Unfähigkeit wird zementiert.

Die mobile Version verlassen