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Die blauen Tränen der Prinzessin

Und es begab sich, dass sich die Prinzessin in einen armen Hirtenjungen verliebte. Eine heimliche Liebe, denn natürlich konnte der König der Sieben Städte (Sete Cidades) nicht dulden, dass seine Tochter durch einen Angehörigen der niedrigen Stände gefreit wurde. Daher trafen sich die Prinzessin und der Hirte jahrelang an ein- und derselben Stelle in den grünen Wäldern des Tals, das sich zwischen den mächtigen Kraterwänden gebildet hatte. 

Eines Tages aber kam von weither ein junger Prinz zum König der Sieben Städte, und hielt um die Hand der Prinzessin an. Bereitwillig gab der Vater sein Einverständnis, gegen den Willen seiner Tochter. Sie bettelte den Vater an, sie warf sich ihm zu Füßen und bat ihn, von seinem Vorhaben abzusehen. Doch umsonst: Schon bald würde der junge Prinz zurückkommen, um sie in seines Vaters Reich mitzunehmen und dort zu ehelichen.

Ein letztes Mal trafen sich die Prinzessin und der Hirtenjunge, um sich voneinander zu verabschieden. Beide weinten bitterlich. Und aus den blauen Augen der Prinzessin flossen dabei so viele Tränen, dass sie einen ganzen See füllten, dessen Wasser fortan blau schimmerte. Der Hirtenjunge, dessen Augen grün gefärbt waren, vergoss in seiner Trauer nicht minder viele Tränen – und aus ihnen bildete sich ein grüner See. Die beiden Gewässer sind an der Stelle, an der sich die unglücklichen Liebenden ein letztes Mal umarmten, durch einen schmalen Landstrich verbunden, auf dem später eine Brücke errichtet wurde. Wer auf ihr steht und konzentriert den Wellen lauscht, kann die Prinzessin und den jungen Hirten auch heute noch weinen hören… (ein Märchen aus der Region Sete Cidades, Sao Miguel/Azoren).

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