Formfrei

Recht als Theater?

Sehr interessante Betrachtung von Harald Staun in der FAZ zum Fall Kachelmann:

„Der Prozess sei nur noch Theater, beklagten selbst jene Beobachter, die darin längst eine Hauptrolle spielten, eine Groteske, reiner Klamauk.“

„Die Kritik an einer solchen Show übersieht die wesentliche Verwandtschaft von Gericht und Theater. In ihrem Anfang Juni erscheinenden Buch „Medien der Rechtsprechung“ (S. Fischer) analysiert Cornelia Vismann, die bis zu ihrem Tod im August 2010 als Professorin für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken an der Bauhaus-Universität Weimar arbeitete, diese „unhintergehbare theatrale Dimension des Rechtsprechens“. „Gerichthalten heißt Theater veranstalten“, schreibt Vismann, was keinesfalls abwertend gemeint ist.

„Bei jedem Prozess, erst recht natürlich bei einem derart prominenten, geht es um mehr als um die Entscheidung am Ende, den letzten Akt: Es geht darum, der Gerechtigkeit bei der Arbeit zuzusehen.“

Ich frage mich: Stimmt das?

Zunächst einmal hätte ich den letzten Satz umformuliert: Es geht nicht darum, der Gerechtigkeit bei der Arbeit zuzusehen, sondern um den Versuch, eine Illusion von Gerechtigkeit zu erzeugen. Es wird Recht gesprochen, aber nicht Gerechtigkeit, und speziell im Fall Kachelmann wird das in den Augen vieler auf Ungerechtigkeit hinauslaufen, egal wie das Urteil lautet. Das ist zwar tragisch, aber nicht zu ändern, und zeigt jedenfalls einmal mehr, wie unbefriedigend es sein kann, wenn ein Funktionssystem (hier: das Rechtssystem, aber analog zB auch Wirtschaft oder Politik) nur nach seinen eigenen Prämissen operiert; dass es andererseits genau daraus seine Leistungsfähigkeit erzielt, wird nach der Urteilsverkündung ja kaum irgendwo erwähnt.

Das aber nur am Rande.  In der Hauptsache zweifle ich am Vergleich mit dem Theaterstück. Nota bene: Mit dem ganzen Theaterstück, in sich abgeschlossen, mit einem Anfang und einem Ende. Meines Erachtens liegt vielmehr tatsächlich nur ein „letzter“ Akt vor, und das hat Konsequenzen: Der letzte Akt hat keinen x-beliebigen Anfang und kein x-beliebiges Ende, sondern wird in seinem Zustandekommen durch seine Vorgeschichte determiniert. Jedem Gerichtsprozess läuft ein Verfahren voraus, das nur dann zur Prozesseröffnung führt, wenn der übernächste Schritt: die Verurteilung, hinreichend wahrscheinlich ist. Das Rechtsverfahren ist so betrachtet tatsächlich ein teleologischer Prozess, bei dem das nächste Ereignis unter Berücksichtigung des übernächsten stattfindet. 

Während man also grundsätzlich die vier Fälle „schuldig/verurteilt“, „unschuldig/nicht verurteilt“, „schuldig/nicht verurteilt“ und „unschuldig/verurteilt“ unterscheiden kann, wovon logischerweise die beiden letzten als „Fehlurteile“ vermieden werden sollen, führt der Prozess bereits bei Anbruch des letzten Aktes, der Gerichtsverhandlung, eine Vorgeschichte mit sich, die kommunikativ auf „schuldig/verurteilt“ hinausläuft. Alle anderen Fälle kämen nämlich gar nicht erst zur Aufführung. Nota bene: Von Kommunikation ist hier die Rede, nicht von „echten“ Fakten; natürlich kann man auch einen Unschuldigen bewusst vor Gericht stellen, um ihn zu verurteilen – man wird es nur klarerweise nicht so kommunizieren. In der Kommunikation ist ein solches Gerichtsverfahren durch den Umstand seiner reinen Existenz bereits determiniert. Es ist zwar nach wie vor ergebnisoffen, klare Sache, aber dennoch rollt der Ball sozusagen auf einer schiefen Ebene, und wer als Angeklagter vor Gericht steht kämpft eine „uphill battle“.

Das Theaterstück, das man in einem Gerichtsprozess zu sehen bekommt, ähnelt damit der Figur nach der antiken Heldensage: Von der Ausgangslage her ist der Protagonist des Stücks zwar eindeutig im Nachteil – aber hey: Manchmal schafft er es ja doch.

 

 

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