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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Mein Kampf und Breiviks Manifest

| 12 Lesermeinungen

Ich hatte ja in der Vergangenheit stets argumentiert, dass ich das Massaker von Utoya auch und insbesondere aus der Sicht des breivikschen Manifests als "sinnlos" erachte. Nun lese ich gerade eine Stelle in Reinhart Kosellecks "Zeitschichten", die mich noch einmal nachdenken lassen, ob diese meine These haltbar ist. Koselleck ist zwar 2006 gestorben und konnte daher nicht mehr Zeuge des Geschehens werden; aber was er über einen sehr prominenten Vorläufer schreibt, scheint mir analog durchaus anwendbar.

Ich hatte ja in der Vergangenheit stets argumentiert, dass ich das Massaker von Utoya auch und insbesondere aus der Sicht des breivikschen Manifests als „sinnlos“ erachte. Nun lese ich gerade eine Stelle in Reinhart Kosellecks „Zeitschichten“, die mich diese Ansicht nochmals überdenken lässt. Koselleck ist zwar 2006 gestorben und konnte daher nicht mehr Zeuge des Geschehens werden; aber was er über einen sehr prominenten Vorläufer schreibt, scheint mir analog durchaus anwendbar:

„Sprachlicher Unsinn lässt sich sprachlich aufdecken. Aber Unsinn, der mit Hilfe von Sprache aus Motiven und Zwängen herrührt, die sich der Sprache entziehen, der kann nur durch einen zusätzlichen Übersetzungsvorgang in den Umkreis rationaler Betrachtung eingeschleust werden. Damit werden die Grenzen der Sinnlosigkeit erreicht, aber nicht überschreitbar.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern. Es gibt einen berüchtigten, mehr oder weniger bekannten Text, Hitlers Mein Kampf. Von seiner sprachlichen Aussage her lässt sich diesem Text entnehmen, dass die Vernichtung der Juden eine mögliche Handlungsmaxime kommender Politik war. Worte, beim wortgetreuen Sinn genommen, lassen darüber keinen Zweifel aufkommen, auch wenn der Text als ein antisemitisches Pamphlet nicht wirklich ernstgenommen wurde. Zunächst.

Nun, die folgende Geschichte, die nach Auschwitz führt, lässt sich nicht zwangsläufig aus Mein Kampf ableiten. Es hätte immer noch anders kommen können. Aber dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist, ist keine Frage mehr des Textes und der Textexegese. Die Wirklichkeit, die sich eingestellt hat, indem die Menschen sie produziert haben, im wörtlichen Sinne produziert haben, den fabrikförmigen Massentod, diese Geschichte ist stärker als alle textuelle Ableitung oder textuelle Dokumentation ex post.

Nach Auschwitz ändert sich damit auch der Status von Mein Kampf. Was Hitler geschrieben hat, ist durch die Taten unermesslich überboten worden, und damit gewinnt seine Rede einen neuen Sinn, einen Sinn, der so zuvor noch gar nicht wahrgenommen werden konnte.“ (aus: Koselleck, Reinhart, „Zeitschichten“, Suhrkamp, S. 116f)

Der Leser möge sich vom Passen der Parallele überzeugen, indem er Täter, Opfer und Schauplätze entsprechend umbenennt und sich hernach die zitierte Textstelle nochmals durchliest. Ich denke, dass wir ein sehr ähnliches Phänomen beobachten, dass Breiviks Manifest erst durch die Tat von Utoya seinen Sinn erfuhr, zumindest für uns alle, die wir Text und Tat aus der ex post Perspektive beobachten und mit Breivik zuvor nicht in Berührung geraten sind. Daher auch die massenhafte, weltweite Rezeption, mit allerhand Versuchen der Ausdeutung. Hätten wir Breiviks Text gelesen, vor der Tat oder ohne dass sie jemals geschehen wäre, wir hätten uns unseren Teil gedacht, und das Ganze vermutlich als Spinnerei abgetan. So aber, mit über 77 Toten, lesen wir den Text tatsächlich mit anderen Augen. Gut möglich, dass Breivik genau das antizipiert, ja vielleicht sogar die Tat aus keinem anderen Grund begangen hat, um damit seinem Manifest einen Sinn und eine Wirkungsgeschichte zu verleihen. Teuflisch, wenn es so war. Teuflisch, aber erfolgreich.


12 Lesermeinungen

  1. Wenn Sie das Epitheton...
    Wenn Sie das Epitheton „teuflisch“ benutzen, dann müßten Sie auch stillschweigend voraussetzen, daß es genauso gut eines für „göttlich“ gibt. Den das erste ist ja der Antagonist für das letztere. Vermutlich werden wir somit nicht umhinkommen unsere Postitionen neu zu verorten, aber dieses galt schon seit längerem, schon weit vor der Tat. Das gilt vor Allem in der Verwendung der Worte und deren Aufladung mit Bedeutung. Sinn kann und will ich dennoch, in des Wortes wahrer Bedeutung, dieser unseligen, grässlichen Tat nicht verleihen wollen.

  2. @Dietmar Klose
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    Klar, aber...

    @Dietmar Klose
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    Klar, aber das Problem ist nunmal: „Sinn“ verleihen nicht Sie oder ich, sondern die Kommunikation verleiht ihn sich selbst. Die Frage ist dann nur noch, wie wir ihn konnotieren, vor allem natürlich moralisch.

  3. Das gilt aber für jeden Text....
    Das gilt aber für jeden Text. Man liest auch Wagners antisemitsche Schriften anders.
    Und nicht nur der Sinn von Texten verändert sich. Auch die Bedeutung von Wörtern verschiebt sich ständig.
    Ruge konnte in einem Beitrag aus den USA noch sagen: „Kennedy spricht zu den Negern.“ Das klang in den Ohren der Zuschauer in den 60ern völlig anders als heute.

  4. Thomas Strobl@: Lieber Herr...
    Thomas Strobl@: Lieber Herr Strobl, mag sein, daß ich entweder begriffsstutzig oder störrisch, vielleicht sogar beides bin. Kommunikation ist m. E. kein selbständiges Wesen. Natürlich verleihen wir, Sie, die Anderen und meine Wenigkeit
    den Sinn der einem Ereignis zukommt oder eben nicht zukommt. Andernfalls landen wir unversehens in einem Relativismus, in der Beliebigkeit des konformen Nihilismus. Genau dahin, wo wir nicht hin wollen. Wobei ich „betonen möchte“, daß ich hier nicht als der besserwisserische Moralist in der Diskussion mit erhobenem Zeigefinger erscheine. Den praecaeptor mögen Andere, Berufenere geben.
    ..
    Gewiss verschieben sich permanent die Bedeutungen der Wörter, das ist aber etwas anderes als der Sinn. Wenn ich das Grimm´sche Wörterbuch aufschlage, kann ich den Bedeutungswandel von vielen Wörtern unserer Sprache von der beginnenden Neuzeit bis in die Moderne verfolgen. Das Perfide unserer Zeit ist, das ich nicht mehr
    die Worte „Volk“ oder eben das, wie vom Pseudonym alfredbenz erwähnte, Wort „Neger“ unbefangen ohne weiteres verwenden soll, nicht mehr darf. Das ist schlicht verlogen. Diese Verlogenheit bahnte sich in unserem Land seit 1933, wahrscheinlich schon zu Wagners Zeiten, im 19. Jhdt. an. Diese Verquastheit haftete gerade auch der hohltönenden Sprache A. H. in „Mein Kampf“ an und setzte sich wohl vermutlich in den Pamphleten des Unseligen fort. Oder man nehme nur das Wort „Volksdemokratische Republik“. Dreimal das ehrliche Wort „Republik“ in unsäglicher Weise verhunzt und zurechtgebogen. Will sagen, für den Sinn bürgt „Jedermann“ und damit ist es unversehens eine eminent politische Angelegenheit wie wir mit der Sprache umgehen, davor drücken sich die Politiker, genau das wird ihnen im Volke krumm genommen. Denken Sie an diese unsäg-liche „Brückentechnologie“, die schon wieder aus dem Vokabular verschwunden ist.
    MfG

  5. Anhand zahlloser Beispiele...
    Anhand zahlloser Beispiele lässt sich durchaus beweisen, dass die frühen Schriften einer Person bereits den Kern späterer Handlungen vorausdeuten. Ich nenne nur Henry Kissinger, der mit 29 Jahren — es ist kaum zu glauben — eine brilliante Harvard-Dissertation ausgerechnet über Metternich verfasste.

  6. Das Wesen des...
    Das Wesen des Teuflischen
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    Das ist ein sehr guter Text, der deutlich macht, dass alles was geschieht, geschehen muss(te). Nicht im dem Sinne des Glaubens an ein Schicksal, sondern in dem Sinne, dass Tatenlosigkeit sehr wohl Geschichte machen kann. Dann aber eine teuflische. Dazwischen gibt es nämlich eine Lücke. Eine mehr oder weniger kleine. Die wir aber nur erkennen, wenn wir diese hier solchermaßen konstruierte Konvergenz etwas kritischer betrachten. So wie sich das Wesen der Dinge nur in den konkreten Erscheinungen zeigt (ein anderes Wesen gibt es nicht!), so zeigt sich auch in den Erscheinungen, dass jede Konvergenz eine nachträglich eingefügte ist. Es ist dies gleich der „Verdoppelung der Lücke“, wie sie Zizek https://blog.herold-binsack.eu/?p=1745 beschreibt. Dadurch dass diese Verdoppelung sich aber dann als Teil der Erscheinung (nicht als Teil des Wesens) präsentiert, wird nämlich die Konstruiert dieser Konvergenz deutlich. Eine andere Erscheinung wäre möglich gewesen und damit ein anderes Wesen.
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    Der Moment der Freiheit stellt sich nur solange als Moment dar, als „Lücke“, solange diese Freiheit nur als Möglichkeit auftaucht. Und darin als Teil des nachträglich konstruierten Wesens. Wird die Freiheit aber genutzt, verändert dies zugleich die Erscheinung wie auch den Begriff von derselbigen, also das Wesen und entzieht diesem Wesen die Macht über die Freiheit.
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    Wenn Hitlers Mein Kampf nicht so entsetzlich umgesetzt worden wäre, wenn die Massen nicht auf ihre Freiheit verzichtet hätten, wäre dieses Buch nur von seinen esoterischen Jüngern als Geschichtswerk verklärt worden. So müssen wir, also auch die, dieses Werk als Absonderlichkeit erkennen, der Geschichte selber anlasten, es der Erscheinung also zufügen. Und damit verändern wir auch unseren vermutlich zunächst positiven Begriff von Geschichte.
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    Wir lernen, dass die Dialektik auch als eine böse, als „negative Dialektik“ (Adorno u. A.) gesehen werden kann/muss. Und lassen uns in diesem Moment aber dazu verführen, eben diese Dialektik nicht als Menschenwerk, sondern als göttliche oder teuflische Einmischung also als metaphysisches Wesen gleich jeder historischen Erscheinung misszuverstehen. Wo es doch nur eine Möglichkeit ist.
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    In Wahrheit gibt es keine negative Dialektik (bis auf den Begriff der „Negation“, welcher aber nicht ethisch misszuverstehen ist), sondern nur Menschen, die negativ oder positiv agieren, oder eben gar nicht. Und je nachdem, so stellt sich dann die Geschichte mal so, mal so dar.
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    Im Falle Hitlers ist fast alles gesagt, bis auf den Umstand vielleicht, dass auch dessen Dämonisierung eben den Dämonen in denen zur Freiheit nicht bereiten Menschen verleugnet. Also des Menschen Selbstrechtfertigung höchstselbst darstellt und eben nicht eine gewisse Einsicht in das Wesen von Geschichte. Und darin liegt übrigens die Mitverantwortung des Volkes der Deutschen. Also in dessen späteren Rechtfertigung. Aber ich bin sicher, irgendjemand hat das wohl schon so gesagt.
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    Im Falle Breivik wiederholt sich diese Geschichte doch nur, weil wir die Verantwortung für eben genau diesen Dämonen in uns immer noch so beharrlich leugnen.
    Wir nehmen doch dessen „Werk“ nicht deshalb nicht wahr, jedenfalls nicht in unserer Mehrheit, weil wir die darin geäußerten Meinungen teilten. Nein, wir nehmen es nicht wahr, weil wir weder an die Macht der Worte, aber noch weniger an die Macht der Taten glauben. Nicht an die Macht unserer Taten. Weil wir nämlich glauben, dass die Dinge sich von alleine einstellen. Die bösen wie die guten.

  7. korrektur: Im ersten Absatz...
    korrektur: Im ersten Absatz mus es natürlich heißen: „Dadurch dass diese Verdoppelung sich aber dann als Teil der Erscheinung (nicht als Teil des Wesens) präsentiert, wird nämlich die Konstruktion dieser Konvergenz deutlich.“

  8. der attentäter hätte nach...
    der attentäter hätte nach belieben ’seinem Manifest einen Sinn und eine Wirkungsgeschichte zu verleihen‘ wollen können. ohne den zugang zu entsprechenden mengen an zutaten für sprengstoff sowie zu waffen und munition hätten seine absichten und taten zumindest nicht diesen verlauf nehmen können. es ist nichts teuflisches daran, daß ein bestimmter prozentsatz der menschheit zu gewalttaten neigt, sondern leider normal. es ist vielmehr unverständlich, daß der besitz von waffen für zivilisten in einem zivilisierten land einzelnen oder gruppen als notwendig erscheint und deshalb auch möglich ist.

  9. Aha, wir leben in einer...
    Aha, wir leben in einer linguistischen Krise. Gut zu wissen. Hier, wie in u. a. Link, wie auch bei Mr. devin wird die Welt, das Wesen der Erscheinungen (Epiphanie?), Gut & Böse ganz famos erklärt. Beruhigt können wir uns verdoppelt den Tagesgeschäften zuwenden…und Mut zur Lücke beweisen. So oder mal so.
    https://nachrichten.t-online.de/auf-der-suche-nach-wahrheit-wahrheit-und-meinung/id_48807932/index

  10. Koselleck hat da ganz recht...
    Koselleck hat da ganz recht mit „diese Geschichte ist stärker als alle textuelle Ableitung oder textuelle Dokumentation ex post.“
    Noch sitzen wir herum und können Texte produzieren, aber so wie das ganze Wirtschaftssystem herunterspiralt und keinerlei Auffangspunkt für das Weiterbestehen finanzierbarer, überlebensfähiger Staatsformen in Sicht ist, wird das Überleben immer enger, der Horizont immer kürzer und der Zerfall immer stärker.

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