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Goldmund in der Odenwaldschule

Lese gerade zum x-ten Mal „Narziss und Goldmund“, eines meiner Lieblingsbücher von Hermann Hesse. Und ich muss sagen, dass ich nach Odenwaldschule und diversen kirchlichen Missbrauchsskandalen die ersten 25 oder so Seiten anders aufnehme als früher. Nun ist natürlich in diesem Werk viel von „Liebe“ unter Männern die Rede, in einem platonischen Sinn, keine Frage; aber die Grenze zum Homoerotischen scheint mir fließend. Und dann gibt’s da natürlich auch noch Passagen wie die hier, in der Narziss den Finger in die Wunde legt:

„Viel mehr, als der Knabe ahnte, waren Narzissens Gedanken mit ihm beschäftigt. Er wünschte sich diesen hübschen, hellen, lieben Jungen zum Freunde, er ahnte in ihm seinen Gegenpol und seine Ergänzung, er hätte ihn an sich nehmen mögen, ihn führen, aufklären, steigern und zur Blüte bringen. Aber er hielt sich zurück. Er tat es aus vielen Beweggründen, und sie waren ihm beinahe alle bewusst. Vor allem band und hemmte ihn der Abscheu, den er gegen jene nicht seltenen Lehrer und Mönche fühlte, welche sich in Schüler und Novizen verliebten. Oft genug hatte er selbst mit Widerwillen die begehrenden Augen älterer Männer auf sich ruhen gefühlt, oft genug war er ihren Freundlichkeiten und Hätscheleien mit stummer Abwehr begegnet.“

Nun kenne ich Hesses persönlichen Hintergrund zu wenig, um beurteilen zu können, wieviel Realität er selbst meinte, in sein Werk eingeflochten zu haben. Angeblich verarbeitet er darin ja seine Zeit im Evangelischen Seminar des Klosters Maulbronn, eine Erfahrung, die ihn „traumatisiert“ hat, wie es heißt. 

Wie auch immer, Narziss und Goldmund deutet mehr als deutlich an, was wir in den letzten Jahren an Abscheulichkeiten mitbekommen haben, und das wie gesagt bereits auf den Einführungsseiten. Danach entwickelt sich die Geschichte ja eher zu einem Wechselbad der Gefühle, dem die beiden Protagonisten jeweils für sich ausgesetzt sind; doch mit seinen Auftaktzeilen, in denen Hesse das Terrain absteckt und die Charaktere einführt, liefert er gleichsam Hinweise, warum in derartigen Gemeinschaften der sexuelle Missbrauch zumindest latent stets präsent ist, ja präsent sein muss. Und das nicht wegen grundsätzlich „böser“ Menschen, die bei der ersten Gelegenheit lüstern ihren Schutzbefohlenen hinterherstellen; sondern wegen der spezifischen Atmosphäre, der sich auch ein vorbildlicher Asket wie Narziss kaum entziehen kann, worauf etwa diese Stelle hindeutet:

„Auch er sah eine Verlockung darin, den hübschen Goldmund liebzuhaben, sein holdes Lachen hervorzurufen, mit zärtlicher Hand durch sein hellblondes Haar zu streichen. Aber nie würde er das tun, niemals.“

Im Roman klingt das noch unschuldig, in der Realität war es das längst nicht mehr.

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