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An dieser Stelle bloggt Publizist und FAZ-Autor Thomas Strobl über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Mal kurz und knapp. Mal mit vielen

Goldmund in der Odenwaldschule

| 29 Lesermeinungen

Lese gerade zum x-ten Mal "Narziss und Goldmund", eines meiner Lieblingsbücher von Hermann Hesse. Und ich muss sagen, dass ich nach Odenwaldschule und diversen kirchlichen Missbrauchsskandalen die ersten 25 oder so Seiten anders aufnehme als früher. Nun ist natürlich in diesem Werk viel von "Liebe" unter Männern die Rede, in einem platonischen Sinn, keine Frage; aber die Grenze zum Homoerotischen scheint mir fließend. Und dann gibt's da natürlich auch noch Passagen wie die hier, in der Narziss den Finger in die Wunde legt:

Lese gerade zum x-ten Mal „Narziss und Goldmund“, eines meiner Lieblingsbücher von Hermann Hesse. Und ich muss sagen, dass ich nach Odenwaldschule und diversen kirchlichen Missbrauchsskandalen die ersten 25 oder so Seiten anders aufnehme als früher. Nun ist natürlich in diesem Werk viel von „Liebe“ unter Männern die Rede, in einem platonischen Sinn, keine Frage; aber die Grenze zum Homoerotischen scheint mir fließend. Und dann gibt’s da natürlich auch noch Passagen wie die hier, in der Narziss den Finger in die Wunde legt:

„Viel mehr, als der Knabe ahnte, waren Narzissens Gedanken mit ihm beschäftigt. Er wünschte sich diesen hübschen, hellen, lieben Jungen zum Freunde, er ahnte in ihm seinen Gegenpol und seine Ergänzung, er hätte ihn an sich nehmen mögen, ihn führen, aufklären, steigern und zur Blüte bringen. Aber er hielt sich zurück. Er tat es aus vielen Beweggründen, und sie waren ihm beinahe alle bewusst. Vor allem band und hemmte ihn der Abscheu, den er gegen jene nicht seltenen Lehrer und Mönche fühlte, welche sich in Schüler und Novizen verliebten. Oft genug hatte er selbst mit Widerwillen die begehrenden Augen älterer Männer auf sich ruhen gefühlt, oft genug war er ihren Freundlichkeiten und Hätscheleien mit stummer Abwehr begegnet.“

Nun kenne ich Hesses persönlichen Hintergrund zu wenig, um beurteilen zu können, wieviel Realität er selbst meinte, in sein Werk eingeflochten zu haben. Angeblich verarbeitet er darin ja seine Zeit im Evangelischen Seminar des Klosters Maulbronn, eine Erfahrung, die ihn „traumatisiert“ hat, wie es heißt. 

Wie auch immer, Narziss und Goldmund deutet mehr als deutlich an, was wir in den letzten Jahren an Abscheulichkeiten mitbekommen haben, und das wie gesagt bereits auf den Einführungsseiten. Danach entwickelt sich die Geschichte ja eher zu einem Wechselbad der Gefühle, dem die beiden Protagonisten jeweils für sich ausgesetzt sind; doch mit seinen Auftaktzeilen, in denen Hesse das Terrain absteckt und die Charaktere einführt, liefert er gleichsam Hinweise, warum in derartigen Gemeinschaften der sexuelle Missbrauch zumindest latent stets präsent ist, ja präsent sein muss. Und das nicht wegen grundsätzlich „böser“ Menschen, die bei der ersten Gelegenheit lüstern ihren Schutzbefohlenen hinterherstellen; sondern wegen der spezifischen Atmosphäre, der sich auch ein vorbildlicher Asket wie Narziss kaum entziehen kann, worauf etwa diese Stelle hindeutet:

„Auch er sah eine Verlockung darin, den hübschen Goldmund liebzuhaben, sein holdes Lachen hervorzurufen, mit zärtlicher Hand durch sein hellblondes Haar zu streichen. Aber nie würde er das tun, niemals.“

Im Roman klingt das noch unschuldig, in der Realität war es das längst nicht mehr.


29 Lesermeinungen

  1. Was die herrschende...
    Was die herrschende Sexualmoral betrifft, sehe ich eine zirkuläre Entwicklung, die uns inzwischen wieder zur klassischen Ehe zurückführt.
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    Bestes Beispiel ist die neue Gesetzgebung im stets als ganz besonders fortschrittlich, links, aufgeklärt und emanzipiert geltenden Schweden: Dort sind inzwischen alle sexuellen Verhältnisse zwischen Partnern, die einen ungleichen sozialen Status haben, irgendwie kriminalisierbar.
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    Ausser natürlich, wenn sich die ungleichen Partner zuvor geheiratet haben. (Und solche Ehen sind, soweit ich weiß, selbst in Schweden noch erlaubt).
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    Unterm Strich sehen wir in Schweden nichts anderes als die Reaktivierung des uralten christlich-abendlänsichen Verbots von „Unzucht“: Sexualität ist demnach prinzipiell verboten, und nur unter ganz bestimmten Einschränkungen (der Eheschließung) erlaubt.
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    Der Unterschied ist nur, dass das Verbot früher religiös und patriarchalischm heute aber mit der Emanzipation der Schwachen begründet wird (geschützt werden nicht die Ansprüche der patriarchalen Clans („Ehre“), sondern die schwachen Individuen (Frauen und Kinder).
    Wobei man sich als guter Reaktionär natürlich fragen kann, ob beides wirklich Gegensätze sind. Vielleicht ist es einfach nur so, dass der Patriarch als Beschützer heute vom modernen Staatswesen mit seiner Jugendamtsbürokratie, Sozialarbeitern und Jugendrichtern abgelöst wurde.

  2. Nachhaltige...
    Nachhaltige Watschen
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    @Guignol: Sie wissen nicht wovon Sie reden, oder? Ich hingegen schon. Ich war Zeuge. Im Alter von etwa 9 oder 10 durfte ich dabei zuschauen, wie der Schulleiter im Wechsel mit dem Dorfpfarrer die zur Prügel freigegebenen Mitschüler – gleichen Alters – regelrecht zusammen schlug. Mir tat man nichts. Meinen Brüdern auch nicht. Mein Vater hatte beiden überzeugend klar gemacht, dass er dieses Privileg weder an den Lehrer noch an den Pfarrer delegiere. Sie sollten es nicht wagen…Meinem Vater glaubte man das. Mit einem Faustschlag konnte der einen Ochsen niederstrecken. Schikaniert wurde ich dann von den Mitschülern, die solche Privilegien für verdächtig hielten. Doch ich wiederhole: verantwortlich sind die Eltern. Denn erstens haben die ihre Kinder genauso brutal misshandelt und zweitens haben sie die Prügelorgien in der Schule nicht unterbunden. Und auch mein Vater konnte nur durch seine eigene Gewalt überzeugen. Denn überzeugend waren seine Argumente nicht. Er behielt sich das Recht auf Prügel selber vor. Nur das beeindruckte.
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    Und von wegen Watschen. Das waren nachhaltige Watschen. Um hier mal diesen Begriff ganz anders zu verwenden. Der eine von denen, der war schon mit 6 Jahren ein berüchtigter Schläger, diesbezüglich von den eigenen Eltern zugerichtet, konnte sich davon nie wieder erholen. Er erlag mit 50 einem Motorradunfall, der durch nicht enden wollende Alkoholexzesse verursacht worden war. Sein 2 Jahre älterer Bruder starb nur kurz davor. Ich glaube an einem Herzinfarkt – in Verbindung mit Alkohol.

  3. Nachschlag: Was ist...
    Nachschlag: Was ist Missbrauch, zitiert nach:
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    https://www.wildwasser.de/info_hilfe/was_ist/definition.shtml
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    Sexueller Missbrauch ist jede sexuelle Handlung eines Erwachsenen (Jugendlichen), die an oder vor einem Kind passiert
    • gegen den Willen des Kindes
    • aufgrund körperlicher, psychischer, oder sprachlicher Unterlegenheit
    Aufgrund des Entwicklungsstandes kann ein Kind nicht frei und überlegt zustimmen bzw. die Missbrauchshandlungen ablehnen. In der Regel kennt es den Erwachsenen gut, vertraut ihm und erwartet deshalb von ihm nichts Böses.
    Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.
    Heute wird die Bezeichnung „Sexueller Missbrauch“ häufig durch den Begriff „Sexualisierte Gewalt“ ersetzt, um deutlich zu machen, dass es sich um Gewalt und nicht um Sexualität handelt.

  4. @Grand Guignol
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    "A Watschn in...

    @Grand Guignol
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    „A Watschn in Bayern, das ist kein Mißbrauch“.
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    Nach den Maßstäben vieler Afrikaner ist auch die Genitalverstümmelung kleiner Mädchen kein Mißbrauch.
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    Aber früher oder später kommt immer ein Missionar oder Entwicklungshelfer vorbei, der das dann nach seinen eigenen „zivilisierten“ oder „aufgeklärten“ Maßstäben beurteilt und auch schon seinen fertigen Begriffsapparat mitbringt.

  5. "Wobei man sich als guter...
    „Wobei man sich als guter Reaktionär natürlich fragen kann, ob beides wirklich Gegensätze sind. Vielleicht ist es einfach nur so, dass der Patriarch als Beschützer heute vom modernen Staatswesen mit seiner Jugendamtsbürokratie, Sozialarbeitern und Jugendrichtern abgelöst wurde.“
    Sicher! Die Bürokraten haben sich den zweithöchsten Menschheitstraum erfüllt (Fürst zu sein) und mussten dafür nicht einmal mit dem Blut der ursprünglichen Fürstenfamilien zahlen. Sie dürfen sich beim Fürstspielen auch noch moralisch überlegen fühlen.
    Wis sind schon lange auf dem Weg, dass alles verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt wird. Nur kommt der Druck diesmal aus Souialbürokratien, ist häufig gesellschaftlich (und nicht gesetzlich) und verbirgt sich unter dem Schleier der „Fürsorge“.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  6. Goldmund war mir vorher ein...
    Goldmund war mir vorher ein Unbekannter doch auf Lernender.ch habe ich ihn und Narzissus gefunden. Btw, the ancient Greeks were specifically interested in
    Techni (art), Unsterblichkeit, Agape (love without sex) and Erota (love with sex).

  7. @ThorHa
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    Wobei man gerade als...

    @ThorHa
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    Wobei man gerade als guter Reaktionär die schwedische Entwicklung durchaus positiv sehen kann, jedenfalls die Ächtung von Prostitution, Pornographie und auch eine funktionierende Struktur der Sozialkontrolle als solche.
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    Die neu aufgekommene Sozialbürokratie mußte die Aufgabe ja an sich ziehen, weil sonst keiner mehr da war. Die traditionellen Patriarchen (Gutsherren, Pfarrer, Schuldirektoren, Familienoberhäupter) sind ja längst alle desertiert, geschieden oder machen Urlaub in Thailand.
    Aber irgendjemand muß die Unzucht ja bekämpfen. Wenn die Pfarrersfrauen das nicht mehr packen, dann muss halt der Gleichstellungsbeauftragte ran.

  8. @HM 555:
    Eränzen Sie...

    @HM 555:
    Eränzen Sie sinngemäss:
    Immer dann, wenn Handwerk durch Industrie abgelöst wird …
    Immer dann, wenn Individuen durch Sozialbürokratien abgelöst werden …

    Und für´s Protokoll: Ich bin für Pornographie. Sie soll nur gefälligst offiziell verboten werden. Damit sie selten bleibt. Und mehr Spass macht.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  9. Sind wir jetzt autoritär...
    Sind wir jetzt autoritär geworden, wo wir die Weltherrschaft mittels NLP anstreben, Herr Weissgarnix 😀

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