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Freibier kennt keine Konkurrenz – eine Replik auf Stefan Niggemeier

Ich gucke in meinen Google+ Stream und weiß, was läuft. Über eintausend News-Lieferanten in meinen „Kreisen“ können nicht irren. Was wichtig ist, sehe ich immer wieder; es rollt nicht nur einmal über meinen Schirm, sondern zweimal, dreimal, zehnmal, zwei Dutzend Mal. Das Netz erzeugt seine eigene Resonanz. Das Netz sagt mir, was gerade passiert und was die Leute bewegt. Irgendwelche Leute. Leute, die ich in der Regel gar nicht kenne. Leute, die bestimmt alles sind, nur keine Journalisten. Auch keine „Autoritäten“. Keine Quellen, auf die ich mich individuell verlassen wollte. Aber in ihrer Gesamtheit? Da liefern sie mir alles, was ich brauche: Meinung und Gegenmeinung, kurzen Kommentar und tiefschürfende Analyse, seriösen Unterton und zynischen Witz. Zu allem und jedem. Aus jeder erdenklichen Position. Mit Betrachtungen von Nah und von Fern. Beurteilungen aus inländischer und ausländischer Perspektive. Auf Nachricht folgt Nachricht. Auf Kommentar folgt Kommentar. Kompetente Kommentatoren trifft man immer wieder. Menschen, die eine Meinung haben und diese auch ausdrücken können, setzen sich durch. Vielleicht überzeugen sie damit sogar. Oder eben gerade nicht, was genauso wertvoll ist. Die „Hotspots“ des Weltgeschehens lassen sich so leicht ausmachen. Dafür brauche ich keinen Fernseher und keine Zeitung. Alles kommt zu mir, auf meinen Schirm. Und das Beste? Es kommt absolut kostenlos!

Stefan Niggemeier kennt die Nachrichtenwelt des Netzes so gut wie ich. Mindestens. Er weiß, wie effektiv es Nachrichten filtert, Wichtiges von Belanglosem trennt, Experten und Meinungsführer hervorbringt und ebenso schnell wieder vernichtet. Er weiß um die sagenhafte Geschwindigkeit, mit der lose gekoppelte Facebook-Freunde und Twitter-Follower sich zu kommunikativen Knäuel verdichten, wie aus einzelnen Feeds Threads werden, wie sich Threads zu Themen auswachsen, gelegentlich sogar zu „weltbewegenden“, online wie offline. Niggemeier weiß, dass ich mithilfe des Netzes nicht nur die Nachricht, sondern die weitere Ausdifferenzierung der Nachricht frei Haus bekomme. Ohne zu bezahlen. Einfach so. Ich bekomme sie, wie ich sie haben möchte: mit links-liberalem oder rechts-nationalem Einschlag, aus nüchterner Distanz oder aus der Mitte des Geschehens, voll von Skepsis oder mitreißend bis zur letzten Faser. Wer benötigt noch „seine Zeitung“ wenn er „seine Nachricht“ haben kann? Eingefärbt wie es das Herz begehrt und so glasklar wie es der Kopf zulässt. Konstruktion der medialen Realität nach persönlichem Gusto. Nur einen Mausklick entfernt, oder besser: einem „Swipe“, wie das in unserer iPad-Epoche wohl heißt. Aber egal: Bill Gates nannte es seinerzeit einfach nur „information at your finger tips“ – und damit hatte er mehr recht, als er vermutlich selbst ahnte.

Stefan Niggemeier kennt also diese Welt, und daher frage ich mich, wie er den Beitrag verfassen konnte, der jüngst in der FAZ unter dem Titel „ARD und ZDF könnten im Internet Massstäbe setzen“ erschien. Zumal eines von vornherein unstreitig sein sollte: ARD und ZDF setzen im Internet Massstäbe, bereits im hier und heute, dank der finanziellen Potenz des öffentlich-rechtlichen Gebührenmodells und der daraus fließenden, schier unerschöpflichen Ressourcen. Nicht immer mögen sie diese Ressourcen weise einsetzen, aber das ist ein anderes Thema. Unbestreitbar scheint mir hingegen, dass die Öffentlich-Rechtlichen hinsichtlich der Herstellung einer Nachrichtenlage, um nicht zu sagen: „der“ Nachrichtenlage, so gut wie unschlagbar sind. Daran zweifelt offenbar auch  Niggemeier nicht.

Wenn er nun aber schreibt: „Die Chance, für ihre Inhalte vom Kunden Geld zu nehmen, haben Medienunternehmen nur, wenn sie etwas Besonderes liefern: einen eigenen Blick auf die Welt, eine zuverlässige Filterung, Einordnung und Analyse der Nachrichten, Autoren mit Autorität“ und daraus metaphorisch schlussfolgert, dass man sein eigenes Bier durchaus mit Gewinn verkaufen könne, selbst wenn nebenan qualitativ hochwertiges Freibier ausgeschenkt wird, dann erlebt er die neue Realität des Netzes völlig anders als ich. Die Sicht, die Niggemeiers Gedanken zugrunde liegt, ist die eines eindimensional und isoliert im Netz stehenden Öffentlich-Rechtlichen Nachrichtenangebots, mit Themen, an denen sich die Privatverlage auf differenzierte, aber jedenfalls irgendwie „originelle“ Weise abarbeiten können, zusätzlich zu dem, was sie an eigenen Themen in die medial vermittelte Welt stanzen. Was Niggemeier dabei völlig ausblendet ist der Umstand, dass diese originelle Weiterverarbeitung bereits durch das Netz selbst besorgt wird, auf jede nur erdenkbare Art. Und das durchaus mit „Autorität“, wo sie geboten erscheint. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, dass bereits am selben Tag im September 2009, als das Bundesfinanzministerium für die Rettung der Hypo Real Estate einen Finanzierungsbedarf von rund 35 Milliarden Euro verkündete und die Medienberichterstattung vornehmlich um diese Zahl kreiste, Bilanzspezialisten der deutschen Blogosphäre die Geschäftsberichte der Bank auseinandernahmen und Beträge jenseits der 100 Milliarden Euro ermittelten, die für die Rettung wohl eher zu veranschlagen seien. Sie sollten recht behalten, wie wir heute wissen. Oder: Das berühmte „Collateral Murder Video“ aus dem Irak, mit dem Wikileaks auf einen Schlag weltweit bekannt wurde. Was blieb da noch für die Verlagshäuser, das sie kostenpflichtig ins Netz stellen hätten können? Auf welche Art und Weise sie auch immer reagiert hätten (und im Fall des Irak-Videos auch haben), im Netz wären sie damit auf jeden Fall als Letzte erschienen. Hätte dafür jemand bezahlt? Für etwa, das er bereits in Foren und Blogs auf jede nur erdenkliche Weise seziert, analysiert, dekonstruiert bekam? Vielleicht. Aber wenn ich mein eigenes Medienverhalten zugrundelege, dann eindeutig: Nein.

Die simple Wahrheit lautet deshalb für mich auch, dass auf einem Oktoberfest, auf dem ein Anbieter flächendeckend und an jedermann Freibier ausschenkt, für alle anderen Anbieter nichts mehr auszuschenken gibt. Oder bar jeder Metaphorik: Für die privaten Verlage stellt die Gratis-App in der Tat genau jene Bedrohung dar, von der Matthias Döpfner spricht. Sobald das „Grundrauschen“ einmal hergestellt ist, in Form einer umfassenden Gratis-Berichterstattung durch ARD & Co., braucht das Netz keine BILD- und keine FAZ-App mehr, um daraus „mehr“ zu machen; das besorgt es schon selbst. Das Argument scheint mir ähnlich fehlegeleitet wie seinerzeit die Vorstellung, die Musikindustrie könne trotz illegalem Tauschhandel und Massendownloads populärer Songs weiterhin Gewinne erwirtschaften, indem sie CDs mit kreativen Inlays versieht oder in besonders schmucken Sondereditionen herausbringt.

Natürlich argumentieren die Verlage, allen voran Döpfner, zu ihrem eigenen Nutzen. Wen überrascht das? Wer will ihnen daraus einen Vorwurf machen? Denn das eigentliche Problem wird sehr wohl in den Mittelpunkt gerückt: Wenn das Grundrauschen einmal hergestellt ist, dann gibt es im Netz für Verlage nichts mehr zu verdienen. Das kann man wollen oder auch nicht. Wenn man es nicht will, dann sollte man es ehrlich sagen.

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