Place de la République

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Chansons, Existentialismus, französische Malerei – alles vorbei? Ganz im Gegenteil. In New Yorker Klubs hört man Musik aus Paris, in China liest

Warum tragen alle Deutschen Isabel Marant?

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Über die Kleider von Isabel Marant hat einmal jemand gesagt, sie seien wie gute alte Freunde, die man schon immer in seinem Schrank habe. Das hat ihr...

Bild zu: Warum tragen alle Deutschen Isabel Marant?Über die Kleider von Isabel Marant hat einmal jemand gesagt, sie seien wie gute alte Freunde, die man schon immer in seinem Schrank habe. Das hat ihr gefallen.

Isabel Marant, 42 Jahre alt, ist eine der bekanntesten Modedesignerinnen Frankreichs. Sie ist in Paris aufgewachsen; als sie neun Jahre alt war, fing sie an, die alten, gebrauchten Pullover aus der Mülltonne zu fischen, die ihr Vater dort entsorgt hatte. Aus ihnen hat sie sich Röcke gefertigt. Sie hat die Kleidung, die sie von ihren Eltern bekam, umgenäht, abgeschnitten und gefärbt. Dann hat sie Kleider für ihre Mitschüler entworfen, denen ihr Stil gefiel, und irgendwann ließ sie sich dafür bezahlen.

Nach dem Abitur besuchte sie eine Modeschule, jobbte als Telefonistin und Babysitter und entwarf Schmuck, um ihre ersten Kollektionen zu finanzieren. Heute unterhält sie drei eigene Boutiquen in Paris, die schönste liegt in der Rue Jacob, Rive gauche. Eine kleine Kopfsteinpflasterstraße, ein winziger Platz an einer Kreuzung, der Laden von Isabel Marant an der Ecke. So schnell kann das gehen.

Ihr Atelier in Paris liegt aber gleich in der Nähe der Place de la République, und es ist das, was man sich landläufig unter einem Atelier so vorstellt: Es sieht aus wie ein großes Labyrinth, die nicht tragenden Mauern sind durchbrochen, damit mehr Platz da ist. Überall türmen sich Berge von Papier, Zeichnungen, Schaufensterpuppen, Kleidern, Stoffen und Schmuck, in allen Ecken sitzen Mitarbeiter und basteln, nähen, messen aus, testen, tüfteln. Und in der Mitte sitzt Isabel Marant rauchend in einem lässigen braunem Top und kakigrüner Hose an einem Holztisch, der umrahmt ist von lauter Kleiderständern, die aussehen wie wogende Wände. Durch das verglaste Dach scheint die Sonne.

In Deutschland hat man sie jetzt auch entdeckt. Zwar kann man ihre Sachen hierzulande seltsamerweise nur in drei Läden in Hamburg und Berlin kaufen. Aber das hindert nur wenige Frauen daran, nach Paris zu fahren, um auch bei ihr persönlich vorbei zu schauen. Das steht auch nicht im Gegensatz zu unserer Krise. Denn die Kleider von Isabel Marant sind relativ günstig, kein Vergleich jedenfalls zu Dior, Chanel oder Yves Saint Laurent. Isabel Marant bewegt sich sowohl preislich als auch stilistisch weit unterhalb der Extravaganz dieser Granden der französischen Mode. Und gerade deswegen gehört sie zu denen, die von dieser schwierigen Zeit profitieren.

„Ich will, dass man sich traut, meine Sachen anzuziehen und sie nicht aus Angst, sie könnten abnutzen, nur vorsichtig in den Schrank hängt“, sagt sie. „Ich will, dass man sie nach dem Tragen in die Waschmaschine wirft und in die Ecke knüllt.“ Das ist das eine. Das andere ist die „zeitlose Mode“, von der sie spricht. Man soll ihre Sachen möglichst in diesem, aber auch noch im nächsten Jahr tragen können (wieder Geld gespart).
Die Kollektionen, die Isabel Marant entwirft, sind deswegen oft als „tragbar“ bezeichnet worden, und das war mal als Kompliment, mal aber auch als Kritik zu verstehen. Es stimmt, dass ihren Kleidern oft schlichte, konservative Schnitte zugrunde liegen, die nicht selten geeignet sind, die ein oder andere körperliche Unförmigkeit zu vergeben. Ihre Farben sind gedeckt, der Stoff sieht oft irgendwie zerknittert aus und ein bisschen abgenutzt, als kämen die Sachen aus einem Second-Hand-Shop. Darin sehen die Frauen deswegen selten „over-dressed“ aus, aber auch nie so wie ein britisches Mädchen aus London-Hackney. Isabel Marant bezeichnet diesen Stil als eine Kombination aus „Schick und Nachlässigkeit“. Bild zu: Warum tragen alle Deutschen Isabel Marant?

Und genau deswegen passt ihre Mode auch so gut in diese Stadt. Denn wer einen Tag in Paris verbringt, der muss sich am Abend den Schmutz von der Haut duschen, weil Paris einfach immer auch dreckig ist. In den Kleidern von Isabel Marant wird trotzdem alles möglich sein – sich um neun Uhr in die volle Metro schlängeln genauso wie des Nachts in der „Panic Room Bar“ versacken. Die Frauen werden überall so aussehen, als hätten sie wirklich Besseres zu tun, als sich Gedanken um ihre Kleidung zu machen. Sie werden weiblich sein und sexy und gleichzeitig den Eindruck erwecken, als würden sie sich der Mode generell verweigern.

Und genau so schließt sich der Kreis zu eben jenen Persönlichkeiten, die auch Isabel Marant (wie so viele andere) als ihre Inspirationsquellen bezeichnet: zu Simone de Beauvoir und zu Serge Gainsbourg, dem Mann, dessen Stil den Franzosen immer ein Mysterium geblieben ist und den sie vermutlich aus diesem Grund so sehr lieben. Und wir hätten in Berlin, in Hamburg und in Frankfurt künftig gerne auch etwas mehr davon.


1 Lesermeinung

  1. wessinger sagt:

    Jetzt tragen grade mal zehn...
    Jetzt tragen grade mal zehn Deutsche Isabel wie heisst sie jetzt gleich noch mal, und Sie sagen: Alle Deutschen! Da könnte man mit grösserem Recht behaupten:
    Alle Deutschen tragen Gamsbärte, nämlich sicher ein paar Hundert an einem schönen Sonntag morgen in einer bayrischen Kirche.

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