Place de la République

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Chansons, Existentialismus, französische Malerei – alles vorbei? Ganz im Gegenteil. In New Yorker Klubs hört man Musik aus Paris, in China liest

The sunny side of the docks

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Wer hätte das gedacht? Marseille ist „Kulturhauptstadt 2013". Klingt langweilig, zugegeben. Ist es aber nicht. Und schon gar nicht in Marseille. Denn...

Wer hätte das gedacht? Marseille ist „Kulturhauptstadt 2013″. Klingt langweilig, zugegeben. Ist es aber nicht. Und schon gar nicht in Marseille. Denn dort hat im Grunde niemand damit gerechnet, dass die Stadt diesen Titel erhält, und das ist zwar traurig, weil man sich ja schließlich beworben hatte, aber es ist irgendwie auch typisch für Marseille, weil diese alte Stadt am Mittelmeer ein Ort ist, von der man wohl sagen kann, dass er wie kaum eine andere französische Metropole unter krassen Minderwertigkeitskomplexen leidet. Weil Marseille eben so arm ist und auch immer arm geblieben ist. Weil seine Schönheit nicht so museal ist wie die von Paris, und weil selbst treue Besucher der Provence um die Stadt und ihren Hafen meist einen Bogen gemacht haben. Zu Unrecht.

Es waren also weder die politischen Verantwortlichen der Stadt, die an ihre Bewerbung glaubten, noch die Kunstschaffenden der Stadt, die dahinter nur ein weiteres vergebliches Bemühen um Aufmerksamkeit vermuteten („Man hätte sich auch um die Olympischen Spiele bewerben können“). Einzig eine kleine Gruppe von Graphikern, alle aus Marseille, alle so um die dreißig Jahre alt, haben die Initiative, die Anfang 2004 lanciert wurde, ernst genommen. Sie haben schon vor vier Jahren – lange also bevor die Stadt auf dieselbe Idee kam – die Internetdomäne „https://www.marseille2013.org/“ gekauft. Aus ihr haben sie eine Spielwiese für Architekten, Graphiker, Maler, Schriftsteller und Illustratoren gemacht und alle aufgerufen, Projekte, Ideen oder Wünsche für eine Kulturhauptstadt von morgen einzureichen. Ganz gleich, ob Marseille nun gewinnt oder nicht, frei nach dem Motto: „Aujourd’hui peut-être, ou alors demain“ – vielleicht heute, oder auch morgen.

Und heute also, da es tatsächlich so kam, wie es niemand vermutete, sind die vier Graphiker in Marseille in aller Munde. Zu Recht. Denn sie haben exzellente Ideen auf ihrer Seite zusammengetragen: Die schwimmende Bühne zum Beispiel, die die Architektin Ralitza Kaperska auf einem Frachtkahn montiert hat, sieht aus wie eine aufgeklappte Schatzkiste. Kaperska bedient sich dieses Bildes, um auf den kulturellen Reichtum ihrer Stadt zu verweisen und den Bewohnern einen Ort zu schenken, denn sie gleichzeitig ausfüllen und entdecken sollen.

Auch die Installation von Christian Revest ist eine Hommage an den Hafen. Er schlägt vor, seine großformatigen Bilder – halb Gemälde, halb architektonische Skizzen von Frachtschiffem Hafenanlagen, Containerlagerhallen – an Häuserfassaden, öffentlichen Plätzen und Unterführungen in der ganzen Stadt aufzuhängen. Vielleicht um die Bewohner endlich auszusöhnen mit diesem wunden Punkt in ihrer Stadt.

Und auch wenn all diese Projekte meist noch unter dem Status „cherche partenaires“ (also: suche Partner) laufen, ist es nicht so, dass die offizielle Delegation von „Marseille 2013″ noch nicht auf sie aufmerksam geworden wäre. Von offizieller Seite hat man zwar verlauten lassen, man habe nicht vor, den Machern von „Marseille2013.org“ ihr Projekt abzukaufen. Gleichwohl haben sie angeboten, die Graphikagentur mit einer Summe von 5000 Euro zu unterstützen, wenn die ihnen dafür ihre Seite überlassen würde. Das haben die jungen Leute abgelehnt. Und zwar wieder zu Recht. Denn so gibt es ein schönes Leben neben der Spur. Quasi „the sunny side of the docks“.


1 Lesermeinung

  1. donalphonso sagt:

    Diesen Kommentar bitte nicht...
    Diesen Kommentar bitte nicht freischalten. Liebe Frau Bopp, könnten Sie mich bitte unter donalphonso@gmail.com anschreiben? Wenn ich an Ihre FAZ-Adressen schreibe, kommt leider alles zurück. Mit besten Grüssen
    Rainer Meyer

Kommentare sind deaktiviert.