Place de la République

So schön ist die Zeit!

Es gibt diesen Satz, den einmal ein französischer Professor für Phonetik gesagt hat. Es muss etwa sechs oder sieben Jahre her sein und es hatte nichts, aber auch gar nichts mit dem Unterricht zu tun, den der Professor eigentlich gab. Er sagte diesen Satz einfach in einem der kurzen Momente, in denen Lehrer manchmal vergessen, dass sie Lehrer sind und zu Privatpersonen werden, die zu bestimmten Dingen eine bestimmte Meinung haben. Er sagte: „Die Franzosen haben eine andere Wahrnehmung von Raum und Zeit als die Deutschen. Deswegen funktionieren übrigens auch deutsch-französische Ehen nicht.“

Im Laufe eines Schüler- und Studentenlebens hört man ja viele solcher privater Sätze und die meisten von ihnen vergisst man schnell wieder. Diesen einen aber nicht. Denn als ich Frankreich und die Franzosen später etwas besser kennenlernte, da entstanden immer wieder Situationen, in denen ich an den alten Professor denken musste. Zum Beispiel eines Montagmorgens, als ich eine sehr nette französische Kommilitonin fragte, was sie am Wochenende gemacht hatte. Die Kommilitonin holte tief Luft und erzählte dann eine Viertelstunde lang, sie sei am Freitagabend in das Wochenendhaus ihrer Familie gefahren, habe dort am Samstagvormittag zuerst in dem Buch „Le choc amoureux“ von Francesco Alberoni gelesen, das sie aber nicht so gut gefunden hätte, dann habe sie mit ihrer Familie zu Mittag gegessen, im Anschluss einen Kuchen gebacken, den Nachmittag damit verbracht, sich von dem Stichwort „Jacques Lacan“ ausgehend durch die große Enzyklopädie von Larousse leiten zu lassen, danach mit ihrer Schwester das Abendessen bereitet, um im Anschluss den neuen Film „Embrassez qui vous voudrez“ von Michel Blanc im Kino zu sehen – ein amüsantes, wahrhaft gelungenes Werk. Am Sonntagvormittag habe sie sich dann den Hausaufgaben des Phonetik-Kurses gewidmet, draußen im Garten bei herrlichem Wetter mit der Familie das Mittagessen zu sich genommen, am Nachmittag einen Ausflug mit dem Kajak ihres Bruders gemacht, dann sehr ausgiebig mit einer Freundin telefoniert, deren Freund sich gerade zu verabschieden drohte, nach dem Abendessen erst eine Dusche und dann den Zug nach Paris genommen, wo sie gegen 23 Uhr an der Gare de Lyon ankam und mit vielen anderen heimkehrenden Franzosen auf der nächtlichen Straße vor dem Hauptportal des Bahnhofs strandete.

Dann fragte sie: Was hast Du gemacht?

Und weil ich irgendwie den Eindruck hatte, es sei jetzt nicht statthaft zu sagen, was mir auf der Zunge lag – dass ich nämlich gar nichts gemacht hatte, denn es sei ja Wochenende gewesen -, da erfand ich irgendetwas von Freunden aus Deutschland, die zu Besuch gekommen wären, und mit denen ich die Stadt erkundet hätte. Ich glaube, sie war zufrieden.

Später, viel später habe ich mich einmal mit ihr darüber unterhalten, was das Wort „nichts tun“ für Franzosen bedeutet und sie sagte mir, dass es das Wort als Antwort auf die Frage, wie man seine Zeit verbracht habe, eigentlich nicht gebe. So kommt es, dass sich vor allem in Paris lebende Franzosen an den Wochenenden gerne auf unglaubliche Reisen begeben. Mein französischer Freund Cyrille zum Beispiel ist einmal für ein ganz normales Wochenende sieben Stunden lang an den Atlantik und sieben Stunden wieder zurück gefahren. Die Freundin Céline unternahm einmal einen Wochenendtrip zum Skifahren in die südlichen französischen Alpen. Und nach all dem schien es mit immer mehr so zu sein, als würde der Raum für die beiden kleiner werden, je weniger Zeit ihnen zur Verfügung stand. Oder auch: Je knapper ihre Zeit war, desto weiter steckten sie den Raum, den es zu erobern galt.

Und als nun vor kurzem die Nachricht kam, dass der Mann, der in Frankreich den Raum wie kaum ein anderer zu einer vernachlässigenden Größe umgedeutet hat, dass der französische Staatspräsident also höchstpersönlich kurzzeitig zusammengebrochen sei, da musste ich wieder an den alten Professor denken. Der Elysee-Palast teilte mit, das hohe Arbeitspensum habe womöglich dazu beigetragen, dass dem Omnipräsidenten Nicolas Sarkozy die Kräfte schwanden. Das ist doch – bei allem Respekt – eine gute Nachricht. Denn endlich hat die Kanzlerin die noch nie da gewesene Möglichkeit, ihren französischen Partner einzuholen – und es gibt Hoffnung für deutsch-französische Ehen.

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