Place de la République

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Chansons, Existentialismus, französische Malerei – alles vorbei? Ganz im Gegenteil. In New Yorker Klubs hört man Musik aus Paris, in China liest

Merci gegen Colette

Es geschehen seltsame Dinge in Paris. Nicht nur, dass sich seit ein paar Wochen die selbst ernannten „agents anti-stress" regelmäßig auf dem Pont...

Es geschehen seltsame Dinge in Paris. Nicht nur, dass sich seit ein paar Wochen die selbst ernannten „agents anti-stress“ regelmäßig auf dem Pont Saint-Louis versammeln, um ihren Mitbürgern zehn Minuten dauernde, kostenlose Massagen anzubieten. Jetzt hat am Boulevard Beaumarchais auch noch ein Laden eröffnet, der damit wirbt, gar keinen Gewinn zu machen. Das Geschäft heißt „Merci“.

Es gibt vermutlich nur wenige Läden in Paris, von denen in der jüngeren Vergangenheit so schnell so viel geredet wurde, wie über „Merci“. Dies sei die neue Konkurrenz zu „Colette“, sagte mir eine Freundin, und der Ton in ihrer Stimme verriet, dass das bedeutsam sei. „Colette“ liegt in der feinen Rue Saint-Honoré und ist ein Laden, der in keinem „Cool Guide Paris“ fehlen darf. Man kann dort allerlei Krimskrams kaufen, überwiegend solchen, den die Welt nicht braucht, zum Beispiel eine grüne Leica-Kamera im Retro-Stil für schlappe 8000 Euro. Die Einheimischen von Paris aber gehen oft und gerne in diesen Laden, natürlich nicht – wie sie versichern – um etwas zu kaufen, sondern um diejenigen zu beobachten, die das tun.

Und nun hat „Merci“ eröffnet, „Merci“ ist so etwas wie ein kleines Kaufhaus. Zwei Türen führen in sein Inneres. Wer die linke wählt, betritt als erstes ein Blumengeschäft. Wer durch die rechte geht, landet in einem Café, das gleichzeitig eine Buchhandlung ist. An den Wänden ragen Regale in die Höhe, die voll gestellt sind mit gebrauchten Büchern. Links die Kunstbände, rechts die Belletristik. Die Möbel sind ebenfalls gebraucht und stammen überwiegend aus den sechziger und siebziger Jahren. Es gibt ein senfgelbes Sofa und ein paar verrostete Gartenstühle, deren Wert überhaupt nur darin bestehen kann, dass sich irgendwann einmal jemand erbarmte und dieser Dinge annahm, sie sauber machte, polierte und mit einem Preisschild versah: Der Gartenstuhl kostet jetzt 180 Euro.

Aber die Bücherwand sieht großartig aus. Das Werk „J’étais à Austerlitz“ von Michel Saint-Thibault, der sich darin an seine Teilnahme an der Schlacht von Austerlitz im Jahr 1805 erinnert, mag zwar kein Buch sein, das man schon immer mal lesen wollte. Aber um den Inhalt geht es bei dieser Bücherfront auch gar nicht. Viel wichtiger ist, dass sie etwa zwanzig Meter in den hinteren Teil des Ladens reicht und auf diese Weise die optische Verbindung darstellt zwischen den kleinen vorderen und den viel größeren hinten gelegenen Räumen. Hier findet man eine Anhäufung all jener Dinge, wegen derer Kaufhäuser in Deutschland mittlerweile einen zweifelhaften Ruf genießen: Einweg-Geschirr, bunte Plastikbecher, Wäscheklammern, eine Modeabteilung mit Kleidern von Isabel Marant und APC, Kindermode, Lampen, Bürobedarf undsoweiter. In der Mitte des Ensembles ist Platz für einen kleinen Lichthof, in dem ein roter Mini parkt. Aus ihm ragen saisonbedingt ein paar Sonnenschirme.

All diese Dinge stehen zum Verkauf. Auch wenn sie so sorgsam hin drapiert sind, dass man sich gar nicht traut, sie zu berühren. Und all diese Dinge sind teuer – nur verdienen möchten die Besitzer von „Merci“ mit ihnen angeblich nichts. Marie France und Bernhard Cohen haben in den siebziger Jahren das französische Kindermodelabel „Bonpoint“ gegründet, 2002 haben sie es verkauft. Nun versichern sie von dem Umsatz, den „Merci“ erwirtschaftet, nur das Geld abzweigen zu wollen, das sie benötigen, um ihre Angestellten zu bezahlen und die Miete zu begleichen. Der Rest gehe an einen eigens gegründeten Fond, der Hilfsprojekte für notleidende Frauen und Kinder in Madagaskar unterstützt.

Dass die Wahl ausgerechnet auf Madagaskar fiel, begründen die Damen bei „Merci“ mit einer „persönlichen Neigung“ der Besitzer. Auf die Frage, wovon die Eigentümer leben, verweisen sie auf deren Vergangenheit als Gründer von „Bonpoint“. Wer wissen möchte, wozu also das Ganze, welchen Zweck Marie France und Bernhard Cohen mit ihrem Laden verfolgen, erhält die schöne Antwort: „Se faire plaisir en faisant plaisir“ – weil es Spaß macht, Gutes zu tun. Und das klingt so herrlich unglaubwürdig, dass es wunderbar funktioniert. Der neue Edelmut verkauft sich fantastisch.