Place de la République

Was treibt die Franzosen in den Tod?

Es ist Dienstagmorgen, neun Uhr. Über dem Café „Le Saint-Jean“ in der Rue des Abbesses lehnt sich eine ältere Dame aus ihrem Fenster, in der Hand hält sie eine Tasse, aus der es dampft. Sie blickt auf das Kopfsteinpflaster ihrer Straße, auf die Gruppe von Polizisten, die vorbei joggt, in einheitliche Trainingsanzüge gekleidet. Sie schaut auf die Müllmänner, die die bereit stehenden Säcke vom Straßenrand aufsammeln, auf den Gemüsemann, der seine Kisten mit Feigen auf dem Bürgersteig postiert, auf die Postboten, die immer im Halteverbot parken, auf die Menschen, die den Laden von Yves betreten und mit Zigaretten wieder herauskommen. Manche halten auch eine Zeitung unter dem Arm.

Dies ist der Ort, den Benoît Delépine ausgesucht hat. Delépine lebt seit zehn Jahren in Angoulême, aber er sagt, in Paris sei ihm das Viertel um Montmartre das liebste. Er ist Franzosen vor allem als Partner von Gustave Kervern bekannt, mit dem er seit zehn Jahren ein mittlerweile legendäres Komiker-Duo in der französischen Satire-Serie „Groland“ bildet. Die beiden haben zusammen drei Spielfilme gedreht. Der letzte heißt „Louise-Michel“, er lief im vergangenen Winter in Frankreich, seit einer Woche läuft er auch in den deutschen Kinos. „Louise-Michel“ erzählt die Geschichte von Louise, einer Arbeiterin in einer Textilfabrik in der Picardie. Ohne Vorankündigung wird die Fabrik eines Tages nach Osteuropa verlagert, Louise und ihre Kolleginnen verlieren ihre Jobs und entschließen sich, die kargen Abfindungen zusammenzulegen und einen Auftragskiller zu engagieren. Er soll den Chef umbringen.

Wenn man also wissen möchte, warum die Franzosen auf die reale Finanz- und Wirtschaftskrise reagieren, wie sie es tun, warum sie ihre Chefs als Geiseln nehmen, warum sie drohen, ihre Fabriken in die Luft zu sprengen, oder warum sie sich selbst das Leben nehmen, wie einige Mitarbeiter von „France Télecom“ es getan haben, dann muss man Benoît Delépine fragen. An dem Morgen, an dem wir uns treffen, ist der Himmel über Paris schon grau, der Sommer hat die Stadt verlassen. Delépine trägt eine Lederjacke und eine Sonnenbrille. Er raucht drei Zigaretten und trinkt zwei Tassen Café. Er ist ein freundlicher Mensch.

Monsieur Delépine, in „Louise-Michel“ begleiten wir Louise, eine Arbeiterin aus der Picardie, auf der Suche nach ihrem Chef, den sie umbringen will. Gemeinsam mit dem Auftragskiller Michel sucht sie ihn zunächst in Brüssel, später im Steuerparadies auf der Insel Jersey. War es sehr schwierig, mit der Handlung Ihres Films eine Drehgenehmigung für Jersey zu bekommen?

Benoît Delépine: Es war nicht ganz leicht. Ein paar Szenen, vor allem am Ende des Drehbuchs, haben wir schon gestrichen, wir sind ja nicht verrückt. Insgesamt wurde das Szenario etwas entschärft, sonst hätten wir auf Jersey niemals arbeiten dürfen.

Sie haben Ihren Film im Sommer 2007 gedreht, an Weihnachten 2008 kam er in die französischen Kinos. Das war mitten in der Finanzkrise, die „Louise-Michel“ scheinbar vorwegnahm. Wie visionär ist Ihr Film?

Als unser Film herauskam, galt er sofort als gefährlich links. Es war unglaublich. All das, wovon wir in dem Film redeten, wurde zu dieser Zeit auch in den Zeitungen besprochen. Man redete davon, dass sich alles in den Finanzparadiesen entscheidet, und davon, dass die Verantwortlichen nicht greifbar sind. Wir wollten in unserem Film der Frage nachgehen, wie komplex es heute ist, die wirklichen Verantwortlichen für eine Entlassung zu finden. Dann kam die Finanzkrise und brachte genau diese Dinge auf die Tagesordnung. Aber es gab diese Probleme schon vorher, insofern ist „Louise-Michel“ auch nicht prophetisch. Wir haben einen Film über eine soziale Realität gedreht, die schon längst da war.

Versteht man Ihren Film falsch, wenn man ihn als Aufruf zum Aufstand begreift?

Wenn man die Arbeitswelt als eine Schule betrachtet, dann ist das Kino so etwas wie der Pausenhof der Schule. Dort kann man Dinge tun, die man in der Schule nicht machen würde. Das gilt auch für unseren Film. Allerdings haben wir mit einigen Arbeitern gesprochen, die von großen Firmen entlassen wurden. Angesichts dieser Ungerechtigkeit gibt es immer wieder einen Willen zum Mord. Wir haben Leute getroffen, die sogar Pläne entworfen hatten, um ihre Chefs sofort zu töten oder zu foltern. Aber natürlich wird diese Lust am Mord schnell wieder eingeholt – vom Alltag, von der Tatsache, dass man eine Familie und Kinder hat, dass man einfach noch weiter leben will. Es gibt ja Leute, die glauben, der Mensch sei von Grund auf böse, aber ich glaube das nicht. Ich denke, in dem Moment, in dem es darum geht, zur Tat zu schreiten, wird jedes menschliche Wesen sagen: Nein, das kann ich nicht machen. Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die auch schon in der Realität solche Taten begangen haben. Es ist nicht ganz und gar unmöglich. Eines Tages kann das auch in unseren Fabriken geschehen.

In Frankreich?

Sicher, in Frankreich sind die Arbeitnehmer weniger gut organisiert als in anderen Ländern, deswegen müssen sie auffällige Aktionen veranstalten, um gehört zu werden, um überhaupt zu existieren. Das ist in diesem Sommer hier häufiger passiert. Ich weiß nicht, ob deswegen auch gleich die Gefahr einer sozialen Explosion besteht. Die Arbeiter fühlen sich zwar verloren angesichts der Globalisierung. Aber vom Klassenkampf zu reden, wirkt angesichts der weltumspannenden Märkte ebenfalls wie ein Anachronismus. Und deswegen kommt ihnen auch die Revolte wie ein Anachronismus vor.

Was würden Sie also vorschlagen?

Es gibt ein interessantes Phänomen in Frankreich. Hier gehen die Leute zur Arbeit und ertragen ihr Schicksal. Aber wenn sie Feierabend haben, dann gehen sie in ihre Vereine, egal, ob die sportlicher, künstlerischer oder sozialer Natur sind. Jeder Franzose führt so eine Art paralleles Leben. In unseren Filmen – auch in „Louise-Michel“ – greifen wir diese Idee immer wieder auf, die Idee einer Gemeinschaft, die das Leben lebenswert und lustig macht. Ich persönlich bin zum Beispiel in einem Bogenschützen-Verein.

Bogenschützen? Ist das nicht ein bisschen langweilig?

Nein, das ist nicht wie beim Golfen. Zum Bogenschießen gehen die Angehörigen unterschiedlicher sozialer Schichten und intellektueller Niveaus. Man macht zusammen Sport, tauscht sich aus, lernt sich kennen. Ich glaube, dass diese Kameradschaft, das Leben in der Gruppe, vielleicht eine Lösung sein kann. Man muss menschliche Lösungen finden.

Die mobile Version verlassen