Place de la République

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Chansons, Existentialismus, französische Malerei – alles vorbei? Ganz im Gegenteil. In New Yorker Klubs hört man Musik aus Paris, in China liest

Im Regen

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Vor einiger Zeit sagte ein Mann, den ich sehr schätzte, denn er war klug, er hatte Humor, er war auch sensibel, er sagte: In Paris brauchen Sie keinen Schirm....

Vor einiger Zeit sagte ein Mann, den ich sehr schätzte, denn er war klug, er hatte Humor, er war auch sensibel, er sagte: In Paris brauchen Sie keinen Schirm. Es regnet nie! Es war im Oktober, und ich könnte mir vorstellen, dass der liebe Gott dem Mann einfach zeigen wollte, dass er auch anders kann, jedenfalls regnete es den ganzen Oktober lang, auch im November, im Dezember fiel Schnee, im Januar regnete es wieder und erst Ende Februar hörte es allmählich auf. Es kam mir auch nicht nur so vor, es regnete wirklich ohne Unterlass. Ich hatte mir den Rat des Mannes natürlich zu Herzen genommen, denn er lebte schon lange in Paris – seine Eigentumswohnung mitten im Quartier Latin hatte in den vielen Jahren, die er hier lebte, eine Wertsteigerung sondergleichen erlebt, denn mittlerweile kostete sie mehr als die Summe, die er in seinem Arbeitsleben noch verdienen könnte, so erzählte er mir. Er musste wissen, wovon er redet.
 
Dass er es tatsächlich wusste, habe ich erst später begriffen. Es begann auf der Rolltreppe, die mich jeden Morgen aus dem Schacht der Metro wieder ans Tageslicht befördert, es fing an bei dem kurzen, scharfen „Pardon!“, das dir augenblicklich ins Ohr schießt, wenn du versehentlich auf diesen Treppen mal wieder links stehst und nicht gehst. Auf der Straße schiebt dich die Menge durch ihre Reihen, wenn du nicht in der Stimmung bist, mit der Menge zu spielen und die anderen zu schieben. Du ziehst einen Café aus dem Automaten, der wie warmes Wasser schmeckt. Der Salat vom Libanesen sieht aus wie Pappmaché. Deine Füße schmerzen, du ziehst jetzt nur noch Turnschuhe an. Jemand sagt, du müsstest die Ausstellung besuchen, die im Grand-Palais zu sehen ist, das Museum habe donnerstags immer bis zehn Uhr geöffnet, und auch den neuen Film von Christophe Honoré darfst du nicht verpassen, denn schon morgen wird dich jemand fragen, ob du ihn so gut fandest wie seinen letzten, den du im Cinema Champollion in der Rue des Ecoles gesehen hast. Im Buchladen schreibst du heimlich ein Gedicht aus einem Buch ab, das du dir nicht leisten kannst. Du gehst bei Bofinger Rumpsteak essen, obwohl du dir das nicht leisten kannst. Im Jardin du Luxembourg, der nie wieder so schön ist wie in diesen Tagen, rückst du dir einen Stuhl zurecht, auf einen anderen legst du deine Füße. Du denkst an die Tage, an denen wieder alle streiken werden und an denen du mit einer guten Ausrede zu Hause bleiben darfst. Und eigentlich wolltest du noch nach Fontainebleau fahren, um das Schloss dort endlich im Herbstlicht zu sehen, aber Fontainebleau ist weit weg und du weißt schon, dass du es wieder nicht schaffen wirst. Die Métro ist schon lange nur mit Musik zu ertragen.
 
Aber den Regen, den spürst du nicht mehr.


1 Lesermeinung

  1. dunnhaupt sagt:

    Es regnet tatsächlich...
    Es regnet tatsächlich andauernd in Paris. Obschon ich einst einen total verregneten und saukalten August dort erlebte, regnet es im Sommer meist nur sporadisch. Wie in London hat man stets den zusammengerollten Schirm dabei — für alle Fälle. Doch Minuten später scheint dann wieder die Sonne. Mein Lieblingsbild von Jean Salabet — es hängt über meinem Schreibtisch — zeigt das Seineufer mit seinen Bouquinistes und Fleuristes. Die Sonne scheint zwischen den Wolken hindurch, doch das Pflaster ist noch nass vom letzten Regen. Noch parisischer geht’s wirklich nicht mehr.

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