Place de la République

Monsieur Sarkozy und das Glück

Vor einiger Zeit wurde in Frankreich eine Debatte über das Glück geführt. Ein kanadischer Think Tank hatte errechnet, dass die Franzosen 2001 ihre zufriedenste Zeit erlebt hätten, weil das „bonheur national brut“, also das Bruttoinlandsglück in diesem Jahr am höchsten gewesen sei. Im Internet führte die Nachricht vom Bruttoinlandsglück sogleich zu einer lebhaften Debatte über die Frage, ob es statthaft sei, das Glück so zu messen, wie es die Denkfabrik getan hatte. Sie hatte den „durchschnittlichen Konsum“, die „soziale Gleichheit“ und die „wirtschaftliche Sicherheit“ zur Grundlage ihrer Berechnungen gemacht. Die Diskussion kreiste demnach um die Frage, ob das Glück denn überhaupt messbar oder ob es sich nicht um einen philosophischen Begriff handele, dem mit Zahlen überhaupt nicht beizukommen sei. Jemand meinte, dass Geld allein jedenfalls nicht glücklich mache, das wisse man schon seit mehreren tausend Jahren, seit nämlich der in einer Tonne lebende Diogenes auf das Angebot Alexander des Großen, ihm einen Wunsch zu erfüllen, geantwortet habe: „Geh‘ mir aus der Sonne.“ 

Angemessen wäre an dieser Stelle vielleicht auch gewesen, einmal kurz inne zu halten und zu fragen, was 2001 sonst noch geschehen war, denn das Unglück kam erst spät, aber dann geballt: Anfang des Jahres war die Internetblase noch nicht geplatzt. Die Anschläge von New York fanden am 11. September statt und erst danach hatten französische Polizisten auf der Straße unter anderem gegen die Unschuldsvermutung protestiert. Die Gasfabrik AZF in Toulouse explodierte erst am 21. September. Und auch erst im Oktober standen sich zum ersten Mal die beiden Fußballmannschaften aus Frankreich und Algerien gegenüber; während der Marseillaise erhob sich ein Pfeifkonzert und das Spiel musste eine Viertelstunde vor Schluss unterbrochen werden, weil die Zuschauer den Rasen blockierten. Im Dezember starb Gilbert Bécaud. Aber nach all dem hat niemand gefragt. 

Nun ist im Internet ein Video aufgetaucht, in dem es wieder um das Glück geht – und zwar im Zusammenhang mit Nicolas Sarkozy. Ausgegraben hat es der Blogger Guy Birenbaum. Das Video stammt vom 10. November; es zeigt den Präsidenten Sarkozy, wie er dem französischen Regisseur und Schauspieler Dany Boon einen Orden der Ehrenlegion verleiht. Auf der Webseite des Elysée, auf der sonst alles steht, ist das Video nicht zu finden. Dany Boon hat seine Karriere als Komiker begonnen, er ist lange über die Bühnen des Landes gezogen und hat einen deprimierten, etwas lächerlichen Mann gespielt, der versucht, seine Ängste durch Autosuggestion zu beherrschen; der Titel war „Es geht mir gut“. Im Jahr 2008 sorgte dann sein Film „Bienvenue chez les ch’tis“ in den französischen Kinos für einen Ansturm, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat. Der Film erzählt die Geschichte eines Postbeamten aus Südfrankreich, der zu seinem äußersten Leidwesen in den Norden des Landes strafversetzt wird. Alles, was mit dem Norden zu tun hat, ist für die Südfranzosen eine Strafe. „Bienvenue chez les ch’tis“ ist ein Film über Vorurteile. Mehr als zwanzig Millionen Menschen haben ihn gesehen, er war der erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten in Frankreich. 

Dafür ist Dany Boon nun ausgezeichnet worden. Oder, wie Sarkozy es nannte, für seinen Beitrag zum „bonheur national brut“. Sarkozy lobte den Regisseur als einen Mann, der die Franzosen kollektiv zum Lachen gebracht habe, er las von seinem Manuskript ein paar wohlwollende Sätze ab und ging dann in eine passagenweise freie Rede über, die den Blogger Guy Birenbaum zu der Einschätzung brachte, dies sei der „echte Sarkozy“ gewesen. Das erste Mal seit seiner Wahl im Mai 2007 habe er sich hier geöffnet, er habe gesagt, was er denke, und gedacht, was er sagte.

Was hat er gesagt? Sarkozy erwähnte, dass Dany Boon der Sohn eines algerischen Muslims aus der Kabylei sei, der später LKW-Fahrer in Armentières wurde, und dass seine katholische Mutter aus der Picardie stamme. Dann hält Sarkozy inne: „Bon, das war kein guter Anfang, man muss die Dinge so sehen, wie sie sind.“ Und zu Dany Boon gewandt: „Aber glücklicherweise hat ihnen die Republik ihre Türen geöffnet. Enfin, sagen wir, was ihre Träume angeht, hatten sie einen weiten Weg vor sich.“ Später sagt er, dass Dany Boon mit bürgerlichem Namen Daniel Hamidou heiße, und dass dies ein Name sei, mit dem man erstmal eine Karriere machen müsse. Er könne es sich erlauben, er heiße schließlich Sarkozy. Und man sieht ihn da stehen, selbstbewusst, selbstgefällig auch, wie er immer wieder den neben ihm stehenden Dany Boon an den Arm greift, als wäre der ein guter alter Kamerad, der seine Scherze nicht nur verstehen, sondern auch richtig einordnen könne. Und wenn er es nicht können sollte, dann zumindest sollen ihn die freundschaftlich gemeinten Gesten besänftigen.

Schließlich sagt Sarkozy sichtlich zufrieden, man könne hier sehen, dass er eben nicht nur verpflichtet sei, Menschen auszuzeichnen, die er nicht kenne, die er nicht schätze und die Schlechtes über ihn sagten. „Ich werde nun jemanden auszeichnen, der das verdient – und der Frankreich ein bisschen Glück gebracht hat.“ Und da muss man doch fragen, ob es nun auch ein Glück ist, dass Dany Boon diese Auszeichnung erhalten hat und auch, dass dieses Video als das ehrlichste gilt, welches von dem Präsidenten Frankreichs seit langem in Umlauf geraten ist.

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