Place de la République

Die Rückkehr des Funk: Bibi Tanga

Es ist Zeit, mal wieder über Funk zu reden. Oder besser über das, was von ihm geblieben ist. Viel ist es nicht: Die hochgelobte „Fédération française de funk“ hat sich schon zu Beginn des neuen Jahrtausends aufgelöst, und die „Malka Family“ war ihr sogar noch um ein, zwei Jahre zuvor gekommen. Gerade mal eine einzige „Best of“-CD ist von der „Malka Family“ seither erschienen, und was die vierzehn Leute machen, aus denen diese Band in ihren Spitzenzeiten einmal bestand, wusste lange Zeit kein Mensch. Dabei war sie mit einigen anderen Bands ja hauptsächlich dafür verantwortlich, dass man in den neunziger Jahren in Frankreich nicht nur Hip Hop hören musste. Dafür konnte man ihr nur dankbar sein.

Aber das ist vorbei. Nennenswerten Hip Hop à la française gibt es ja kaum noch, und so haben sich nun auch einige der ehemaligen „Malka Family“-Mitglieder einem – nun ja – jungen Mann angeschlossen, den manche in Frankreich als den neuen französischen Botschafter des Funk bezeichnen. Er trägt den schönen Namen Bienvenue Tanga, lässt sich Bibi Tanga nennen und ist vierzig Jahre alt. Geboren in Bangui, der Hauptstadt von Zentralafrika, hat er als Sohn eines Diplomaten in jungen Jahren die Welt durchquert: Auf Russland, Belgien und Deutschland folgten die Vereinigten Staaten und Frankreich. Nach einem Staatsstreich in der Zentralafrikanischen Republik ließ sich die Familie hier zu Beginn der achtziger Jahre in einem Pariser Vorort nieder. Es folgten Lehr- und Wanderjahre, wie sie für einen Mann, der von Ferne an Snoop Doggy Dog erinnert, in Frankreich so typisch sind. Bibi Tanga schwankte zwischen Afrika und Frankreich, er lernt Saxophon und Bass spielen, er sang und lauschte sich durch die Plattensammlung seiner Eltern: Bob Marley, Georges Brassens, Leo Ferré, Miles Davis. Er mochte Curtis Mayfield, „The Beat“, „The Special“ und natürlich „Téléphone“. Als er älter wurde, zog er von zu Hause aus und in ein Squat nach Paris intra muros. Als Squat bezeichnet man ursprünglich leer stehende Häuser, die von meist jungen Menschen besetzt werden. Sie zahlen keine reguläre Miete, aber einen kleinen Unkostenbeitrag für Strom und Wasser. Dafür halten sie das Haus ein bisschen in Schuss und werden in Ruhe gelassen. „Eine gute Zeit“, sagt Bibi Tanga im Rückblick. Viel gelernt, und so. 

In diesen Tagen nun bringt Bibi Tanga sein drittes Album heraus. Es ist eine sehr lebensfrohe, zuweilen auch komplizierte Mischung aus Funk, Jazz, Soul und afrikanischer Musik. Sie klingt lässig, verlangt aber Konzentration. Sie ist oft anders, als man es erwartet, sie ist verspielt, aber auch traurig. Als Partner stand Bibi Tanga das im vergangenen Jahr gegründete Label „National Geographic Music“ zur Seite und tatsächlich wird man den Eindruck nicht los, Bibi Tangas Platte könnte tatsächlich auch das sein, was man gemeinhin als Weltmusik bezeichnet. Sie heißt übrigens „Dunya“, das in der zentralafrikanischen Sprache Sango soviel bedeutet wie „Existenz“. Mal hören, wie er das meint.

Bibi Tanga, man hört, dass Sie ihre ersten Auftritte als Musiker in der Pariser Métro gegeben haben?

Ja, das stimmt. Ich dachte, dass dies der einzige Weg wäre, um zu erfahren, ob die Menschen meine Musik mögen würde. Ich wollte sehen, ob es für mich Gründe gibt, mit der Musik weiterzumachen. Wenn die Leute sie nicht gemocht hätten, dann hätte ich aufgehört, denn ich kannte niemanden aus der Musikbranche.

Sie haben aber nicht aufgehört, es muss also ganz gut gelaufen sein.

Ja, die Reaktionen waren meist positiv. Manchmal konnte ich mir von dem Geld sogar einen Sommerurlaub nach Südfrankreich leisten. Ich konnte natürlich nicht davon leben, aber für einen Urlaub hat es manchmal gereicht.

Gibt es eine Szene aus dieser Zeit, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Es gab viele bemerkenswerte Momente. Aber einmal habe ich im Süden irgendwo gespielt und gar nicht bemerkt, dass nur fünf Meter von mir entfernt, ein bettelnder Obdachloser saß, in dessen Terrain ich quasi aus Versehen eingedrungen war. Ich wollte weggehen, aber er sagte, er möge meine Musik und ich solle bleiben. Und am Ende hat er mir sogar ein paar Sous gegeben.

Sie haben aber damals noch gar nicht selbst komponiert.

Nein, ich habe improvisiert und manchmal auch Stücke anderer Musiker gespielt. Es ging nur darum, zu wissen, ob die Menschen meinen Sound mögen würden.

Der ja wirklich nicht so leicht einzuordnen ist.

Ja, das stimmt. Und manchmal stört es die Menschen auch, dass sich meine Musik nicht so leicht benennen lässt. Aber wir leben in einer Zeit, in der sich die Dinge ständig ändern, auch die Menschen ändern sich. Ich bin ein Kind dieser Zeit, was immer ich machen werde, es wird nach „Métissage“ klingen, nach einer Mischung aus all dem, was mich geprägt hat. So bin ich aufgewachsen, in verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Sprachen. Und Paris ist absolut in der Lage, diesen Sound aufzunehmen.

„Dunya“ von Bibi Tanga & The Selenites erscheint am 5. Februar 2010. Bibi Tanga spielt am 4. Mai im New Morning, 7 Rue des Petites Ecuries, in Paris.

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