Place de la République

Die Reben in Nachbars Garten

Paris ist eine Stadt, die nicht dafür bekannt ist, über sehr viel freien Platz zu verfügen. Im Gegenteil. In Paris ist alles eng, auf den Straßen, in der Metro herrscht beinahe immer Gedränge, und die Tische in den Cafés sind meist so winzig, dass man sich fragt, wer außer einem selbst dort wohl noch sitzen sollte. Wer in Paris ein angenehmes Leben führen möchte, sollte deswegen eigentlich entweder Student sein – und andere Sorgen haben als solche Dinge wie Lebensqualität. Oder er sollte sehr viel Geld haben, damit man sich den von Natur aus fehlenden Raum einfach kaufen kann. Für alle übrigen gibt es die „jardins partagés“.

Man ist geneigt zu sagen, es handele sich bei diesen Gärten um das, was in Deutschland die Schrebergärten sind, aber das trifft es nicht. „Jardins partagés“ sind Gärten, die an brachliegenden, herunter gekommenen Orten der Stadt wachsen, also dort, wo sonst nichts wächst. Sie entstehen meist aus privater Initiative, sind für jedermann zugänglich und im Grunde auch keine Pariser Erfindung. Die Idee stammt aus New York. In den siebziger Jahren begannen ein paar Freundinnen um Liz Christy damit, ungenutzte Grundstücke in der Stadt zu besetzen, auf Vordermann zu bringen und herzurichten, man pflanzte an, säte und wässerte, aber eben nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen Menschen. „Community gardens“ nannte man das – es waren kleine sozialistische Enklaven, von denen man nicht nur in New York, sondern mit geringfügiger Verspätung nun auch in Paris begeistert ist. Im Frühling schlägt ihre Stunde. 

Menschen wie Gilles Roux verbringen hier ihre Zeit. Gilles ist Anfang sechzig, Biologe, aber schon seit einiger Zeit arbeitslos. Der Jardin Villemin in der Nähe der Gare de l’Est ist sein Refugium. Wenn man so will, ist er hier der Herr im Haus, denn natürlich muss es jemanden geben, der sich voll verantwortlich fühlt. Als Nebensache lässt sich so ein Garten nicht betreiben, auch wenn er so klein ist wie der Jardin Villemin, großzügig geschätzt vielleicht 1000 Quadratmeter groß. Es schmiegt sich an den größeren öffentlichen Parc Villemin, an einer Stelle, an der früher einmal ein Wohnhaus stand, das aber schon vor etwa zwanzig Jahren abgebrannt ist. Und weil sich danach jahrelang niemand um die Brache gekümmert hat, kam Gilles. Heute ist das Areal in winzige Parzellen eingeteilt, die an die Bewohner des Viertels vermietet werden, manche auch an Schulen oder Kindergärten. Jeder pflanzt, was ihm gefällt: Kräuter, Tomaten, Erdbeeren, Ruccola, Fenchel, Rhabarber, Tulpen, Narzissen, Vergissmeinnicht undsoweiter. In der Mitte steht eine Bank an einem kleinen Teich, in ein paar Tonnen wird das Regenwasser aufgefangen, demnächst wollen sie einen Bienenkorb anbringen und zwei Mal im Jahr den Honig ernten. An seiner Jacke trägt Gille einen Sticker mit der Aufschrift: „Pour la biodiversité“ – Für die ökologische Vielfalt. Er sagt: „Yes, we can!“

Es gibt nicht viel, was dieses Idyll trüben kann. In den warmen Monaten ist der Garten nach Feierabend meist proppenvoll, und an den Wochenenden, wenn wohlhabendere Pariser in ihre Landhäuser flüchten, trifft man sich zum Grillen. Oder man besucht die Betreiber der anderen Gärten der Stadt – es gibt ungefähr fünfzig „jardins partagés“ in Paris. Nur in der Nacht schließt der Garten seine Tore, wobei sich der Jardin Villemin nur zur Seite der Straße hin verschließen lässt. Die andere Seite geht in den Park über, und an dieser Stelle gibt es keinerlei Begrenzung, es gibt keinen Zaun. Manchmal bekommt der Garten deswegen auch nachts Besuch, und wenn Gilles dann morgens wiederkommt, sieht er, dass zum Beispiel jemand die Weintrauben abgeschnitten hat. Dann weiß er, dass wieder der verrückte alte Araber da war, der findet, dass Alkohol schlecht ist und deswegen die Reben kappt.

Manchmal sind aber auch die Tomaten schon geerntet oder die Erdbeeren. Und dann vermutet Gilles, dass es die Flüchtlinge waren, die im Parc Villemin leben. Der Park ist eine Art illegales Durchgangslager, in dem viele Iraker, Iraner und Afghanen campieren und auf die nächste Gelegenheit warten, über Calais nach England auszureisen. Nachts streichen sie umher, weil es zu kalt ist, um zu schlafen. Tagsüber liegen viele von ihnen rund fünfzig Meter entfernt dösend auf dem Rasen. Manche von ihnen haben auch schon die Dusche benutzt, die hinter der kleinen Hütte angebracht ist, in der die Gärtner ihre Werkzeuge untergebracht haben. Im Winter haben die Flüchtlinge außerdem manchmal Holz aus dem Garten geholt, um sich ein Feuer zu machen. Aber Gilles findet das alles nicht so schlimm. Manche seiner Nachbarn würden sich darüber zwar ärgern, sagt er, aber er selbst hat Verständnis für die Flüchtlinge. Er glaubt, dass viele von ihnen in ihrer Heimat selbst Bauern waren, und dass sie die Arbeit der Kleingärtner deswegen respektieren. Und dass sie Hunger haben, ist ihnen ja nicht vorzuwerfen. 

Und auch über den einen Afghanen, der im vergangenen Frühjahr im Parc Villemin ermordet wurde, haben sie eigentlich nicht lange gesprochen. Ein Drama hatte sich da quasi vor ihren Augen ereignet, und ein paar Tage lang war der Parc Villemin in aller Munde, ein Journalist der Tageszeitung „Libération“ kam vorbei und hat Gilles interviewt. Aber dann geschahen wieder andere Dinge, neue Nachbarn wollten aufgenommen werden und Parzellen mieten und so geriet die ganze Angelegenheit bald in Vergessenheit. Es ist einfach eng in Paris. Und alles hat seine Grenzen.

Die mobile Version verlassen