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Angst vor der Freiheit: Hélé Béji über Exzesse in den Demokratien, die französischen Vorstädte und das Burkaverbot

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Demnächst tritt in Frankreich das Burkaverbot in Kraft. Frauen islamischen Glaubens dürfen dann auf der Straße, in öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen...

Demnächst tritt in Frankreich das Burkaverbot in Kraft. Frauen islamischen Glaubens dürfen dann auf der Straße, in öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen keinen Ganzkörperschleier mehr tragen. Schon seit ein paar Jahren müssen in Frankreich auch Schülerinnen, die ein Kopftuch tragen, den Schleier in Schulen und Universitäten ablegen. Dieses Gesetz hat die tunesische Schriftstellerin und Autorin Hélé Béji, die vor Jahren in Tunis das „Collège international“ gründete, seinerzeit noch unterstützt. Das Burkaverbot hält sie aber für übertrieben. In ihrem gerade in Frankreich erschienen Buch „Islam Pride“ (Gallimard, 147 Seiten, 9,50 €) widmet sie sich der in ihren Augen immer größer werdenden Zahl von muslimischen Frauen, die sich freiwillig verschleiern. Sie bezeichnet diesen Akt als einen Ausdruck der Emanzipation und als ein Auflehnen gegen die Moderne. Ein Anruf in Tunis.

Madame Béji, in Ihrem Buch schreiben Sie von den immer zahlreicher werdenden muslimischen Frauen, die sich freiwillig verschleiern. Warum tun sie das?

Es kann verschiedene Gründe haben, vielleicht persönliche Schwierigkeiten oder ein allgemeines Unwohlsein gegenüber der modernen Welt. Die modernen Demokratien kennen viele Gefahren, den Leistungsdruck, die Einsamkeit. Es gibt zwar die Gleichheit der Geschlechter, aber manche muslimischen Frauen glauben vielleicht, dass sie für diese Gleichheit besser gewappnet sind, wenn sie einen Schleier tragen. Ich sehe das natürlich ganz anders. Ich bin dagegen, dass die Frauen sich verschleiern. Aber ich möchte auch nicht über sie richten. Mein Ausgangspunkt ist deswegen: Das Prinzip der Gleichheit verpflichtet auch mich als moderne Frau dazu, den freien Willen der anderen Frauen anzuerkennen.

In Ihrem Buch sprechen Sie hauptsächlich von den Frauen, die in den Vorstädten der französischen Metropolen leben. Dass sich aber gerade die freiwillig verschleiern, empfinden nicht nur Feministinnen als Provokation. Es war ja ein langer Kampf, bis Frauen in den heutigen westlichen Demokratien dieselben Freiheiten zugestanden wurden wie den Männern.

Ja, es kann schon sein, dass die muslimischen Frauen die anderen durch ihre Entscheidung herausfordern wollen. Aber diese Herausforderung ist meiner Meinung nach eng mit dem gesellschaftlichen Status der Muslime verbunden, denn in europäischen Gesellschaften nehmen Muslime oft die Rolle der Proletarier ein, sie gehören der Unterschicht an. Insofern zielt die Provokation weniger auf die Frauen, als auf die soziale Ungerechtigkeit. Der Schleier bedeutet dort die Restauration einer sozialen Würde, die man den Muslimen verwehrt. Er ist eine Forderung nach sozialer Gleichheit.

Demnach würden sich die Frauen, indem sie den Schleier tragen, für ihre Familien oder ihre Gemeinschaft opfern.

Ich glaube nicht, dass sie diese Wahl als ein Opfer begreifen. Wissen Sie, das Problem der Freiheit in den Demokratien ist ja, dass sie sehr subjektiv ist. In einer Demokratie hat jeder das Recht von der Freiheit auf seine Weise zu profitieren, das gilt für die Sexualität, die Mode und überhaupt die gesamte Freizeit. Ich halte den Schleier zwar immer noch für eine Verstümmelung, aber das ist meine persönliche Wahrnehmung. Und ich frage diese Frauen auch immer wieder, ob sie nicht finden, dass er ihnen ihre Integrität raubt. Aber sie antworten, dass, im Gegenteil, der Schleier ein Mittel sei, ihre Würde zu unterstreichen. Er gibt ihnen eine gewisse Macht, eine Autorität innerhalb der Familie, er ist ein Schutz gegen sexuelle Belästigung im Arbeitsleben und auf der Straße. Diese Frauen haben die Bedeutung des Schleiers umgekehrt und aus ihm ein Mittel der Emanzipation gemacht, bisweilen sogar gegen den Willen ihrer Männer.

Diesbezüglich sprechen Sie in Ihrem Buch mehrmals von der Rechtfertigung dieser Frauen, die lautet: Es ist meine Wahl! Ich kann das als Erklärung aber nur schwer akzeptieren, denn diese Frauen nutzen ja die Vorzüge der Freiheit, um sie im gleichen Atemzug zurückzuweisen.

Das ist ja die Frage, die ich mir in dem Buch stelle: Sind diese Frauen frei oder nicht? Das Problem ist, wie man Freiheit definiert. Sind wir, Sie und ich, die Hüter einer Freiheit, die ein Dogma geworden ist, so dass diejenigen nicht frei sind, die sich ihm widersetzen? Die Demokratie kann niemanden daran hindern, bestimmte Dinge zu praktizieren, beispielsweise einer Sekte beizutreten oder sich bestimmten sexuellen Praktiken hinzugeben, die mir extravagant erscheinen und in meinen Augen eine Form der Entfremdung sind. All dies bleibt aber trotzdem Freiheit. Wenn die Demokratie die individuellen Freiheit in so permissiver Weise interpretiert, wenn sie all diese Exzesse, dieses Ausufernde erlaubt, dieses Zuschauerstellung der persönlichen Geschmäcker auf öffentlichen Plätzen – wie die „Gay Pride“ beispielsweise – dann kann auch der Islam diese Freiheit genauso ausüben.

Sie schreiben ja aber, dass der Schleier vor allem ein Ausdruck der Angst ist, die manche vor dem haben, was Sie als Exzesse bezeichnen.

Ja, die Frauen drücken mit dem Schleier ihre Angst vor den Irrungen der Demokratie aus, sie benutzen ihn, weil sie nicht die Mittel haben, sich anders zu äußern. Aber im Inneren ist der Schleier für sie eine Möglichkeit, der Angst vor der modernen Welt zu widerstehen, durch den Glauben und die Frömmigkeit. Diese Frauen drücken zweierlei aus: Sie sind einerseits in der Moderne angekommen und protestieren gleichzeitig gegen sie. In meinem Buch habe ich versucht, diese Ambivalenz aufzulösen. Ich persönlich bin gegen den Schleier. Aber ich denke auch, dass ich, wenn ich wirklich frei wäre, keine Angst vor ihm haben dürfte. Ich wollte meine eigenen Zweifel, meine Angst, meine Feindseligkeit, im Grunde meine Intoleranz überwinden. Diese Frauen haben Angst vor dem modernen Leben. Ich habe versucht keine Angst zu haben, auch nicht vor ihrer beinahe abergläubischen Reaktion.

Sind Sie deswegen gegen das Burkaverbot, das in Frankreich bald in Kraft treten soll?

Die aktuellen Ereignisse in Frankreich geben zu denken. Das Gesetz gegen die Burka ist in meinen Augen wie eine republikanische „fatwa“. Die Lage ist aber nicht nur in Frankreich schwierig, denn es gibt in ganz Europa immerhin 20 Millionen Muslime. Die Diskussion um den Schleier ist sehr verbreitet und sie ist delikat. Die Muslime haben Angst vor Rassismus, die anderen vor Fanatismus. Es gibt ein wachsendes Gefühl des Schreckens zwischen den Religionen, das sich in der Debatte um den Schleier zuspitzt. Deswegen muss man auch über ihn schreiben. Wenn man es schafft, dass der Schleier keine Angst mehr macht, ist es gut. Deswegen ist der Untertitel meines Buches „Derrière le voile“ (Hinter dem Schleier), denn hinter den Schleiern sind die Frauen Menschen, auch wenn er sie in den Augen mancher entmenschlicht. Man muss also über den Schleier hinausgehen, ihn überwinden, um die Frauen wieder als Menschen sehen zu können. Und diese Arbeit müssen wir machen, weil diese Frauen uns sozial, wirtschaftlich und oft auch intellektuell unterlegen sind. Wir hatten das Glück, frei aufgewachsen zu sein, wir hatten Zugang zu den Texten, zur Philosophie. Wir müssen einen Schritt auf diese Frauen zumachen, auch wenn sie den Schritt nicht auf uns zugehen können.


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  1. Hauben (verheiratete Frauen...
    Hauben (verheiratete Frauen trugen sie) und Masken (Venedig) hat es in Europa schon gegeben, allerdings vor der Demokratie, die jedem Bürger, auch Frauen, ein Wahlrecht zugestand. Ich frage mich, wieso Frau Beji Burka „weniger schlimm“ als Kopftuch ansieht. Ich kann dem nicht folgen. Ein Kopftuch bedeckt die Haare, aber das Gesicht ist offen: auch wenn die Trägerin „unter der Haube“ ihrer Religion ist, wendet sie sich doch offen den anderen zu, wie sich das gehört, wenn man auf der Straße und somit in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Eine Burka hingegen macht eine Frau zu einem Fasnachtsgespenst, das sich der Öffentlichkeit verschließt, weil sie das Gesicht verdeckt. – Ja, gewiß, die Zeiten sind schwer und scheußlich, aber soviel Mut des als-Individuum-Dastehens, den inneren Schweinehund zu überwinden, wenn man auf die Straße geht, muß man schon haben, denn nur wenn man zum öffentlichen Raum auch als Person (und nicht nur als im Weg stehender Schemen) etwas beiträgt, ist Demokratie auf Dauer möglich.

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