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Republik der Intellektuellen

Von Genf aus beobachtet Jürg Altwegg die europäische Republik der Intellektuellen. Er unternimmt Grenzgänge zwischen den Ländern und den Kulturen.

Der superreichste Schweizer ist Schwede

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Mehr als vom „Geist von Genf" ist gegenwärtig auch unter Intellektuellen vom Geld die Rede. Die Vermögen der Privatbanken schmelzen. Die Uhrenindustrie...

Mehr als vom „Geist von Genf“ ist gegenwärtig auch unter Intellektuellen vom Geld die Rede. Die Vermögen der Privatbanken schmelzen. Die Uhrenindustrie verzeichnet Einbrüche. Rolex soll im Madoff-Debakel eine Milliarde verloren haben – und opferte vor Weihnachten den Konzernchhef. Doch in der Finanzkrise gibt es nicht nur Verlierer – einer lächelt.

Geiz ist geil – und Geiz macht reich. Der superreichste Schweizer ist Schwede und für seine grenzenlose Pingeligkeit im Umgang mit Geld berühmt. Ein Rappenspalter und Frankensparer erster Güte. Ansonsten weiß man wenig von ihm. Es ist Ingvar Kamprad, Begründer von Ikea. Er wohnt an der Westschweizer Goldküste, an den lieblichen Gestaden des Genfersees, in einem kommunalen Steuerparadies bei Lausanne. Im gleichen Ort wohnte auch Georges Simenon. Aber der Schriftsteller war ein Lebenskünstler und gab das Geld, das ihm seine Romane einbrachten, mit beiden Händen aus.

Kamprad kauft in den billigsten Supermärkten ein und in der Bäckerei am späten Nachmittag, wenn die Brötchen nicht mehr so frisch sind und sie der Bäcker aus Angst, auf ihnen sitzen zu bleiben, zum halben Preis abgibt. Kamprad gilt als spröde, bieder, langweilig und fährt einen Jahrzehnte alten Volvo. Er kann es sich leisten. Der kühle Schwede in der calvinistischen Schweiz wiegt 35 Milliarden – auch wenn es nur Franken sind. Ungefähr so viel wie vor einem Jahr. Unter der Finanzkrise hat sein Vermögen nicht gelitten. Wahrscheinlich hat er keinen Rappen an den Börsen investiert. Auch in den Spielkasinos jenseits der Grenzen – in Evian am anderen Seeufer oder in Divonne – wird er nie gesehen. Frauengeschichten? Sponsoring? Barmherzigkeit? Was macht einer mit 22 Milliarden Euro? Kürzlich hat Kamprad der ETH in Lausanne einen Hörsaal gestiftet – nicht nur die Möbel. Ein Lehrstuhl ist wohl etwas teurer.

Jedes Jahr veröffentlicht das in Zürich und Lausanne erscheinende Magazin „Bilanz“ und „Bilan“ eine Rangliste der 300 reichsten Schweizer. Kamprad steht seit Jahren an erster Stelle. Dieses Jahr erreicht das Heft wahrscheinlich eine ganz besonders hohe Auflage. Bei unseren Weihnachtseinkäufen in Genf jedenfalls hielt es eine nicht unbedingt „ausgesteuert“ wirkende Frau den Passanten entgegen: „Bitte teilen“, sagte sie den Konsumenten mit eher sanfter Stimme. Um einen Vergleichsmaßstab zu haben, suchten wir im Internet nach den Zahlen des vergangenen Jahres. „Lasst 529 Milliarden blühen“, lautete vor zwölf Monaten die frohe Botschaft. So reich wie 2007 waren die Superreichen noch nie. Im Vergleich zum Jahr zuvor – also 2006 – hatten sie um 74 Milliarden zugelegt. Bei 300 Betroffenen kein schlechter Schnitt für den Einzelnen.

Dieses Jahr wartete man mit gesellschaftspolitischer Berechtigung – und Sorge – auf die Bekanntgabe der Gewinner und Verlierer. Siebzig Milliarden haben sie verloren – also nicht einmal die Supergewinne des goldenen Vorjahrs. In einem Hintergrundartikel kann man lesen, dass bereits die Krise von 1929 ohne Einfluss auf die Vermögenslage und -verteilung in der Schweiz blieb. Nach Angaben der eidgenössischen Steuerbehörden sollen gegenwärtig 4 Prozent der Steuerpflichtigen 57 Prozent des Volksvermögens besitzen. 56 Prozent der Schweizer besitzen nichts.

Aber halten wir uns nicht beim Sozialkitsch auf, sondern an die nackten Zahlen. Gegenüber Kamprad sind die zweitplazierten Familien Hoffmann und Oeri schon eher arm dran: sie bringen es kaum auf die Hälfte des Schwedenreichen und mussten auch gleich noch zwei Milliarden abschreiben. An dritter Stelle folgt die Familie Brenninkmeijer – so schreibt man sonst Meier (ob mit ai, ei oder y) in der Schweiz eigentlich nie. Viktor Vekselberg hat drei Milliarden verloren, aber immer noch elf oder zwölf im Portefeuille. Fast ebenso vermögend ist Ernesto Bertarelli – von dem man genau weiß, was er mit seiner Kohle macht: Er betreibt das schnellste Segelschiff der Welt. Als Alinghi hat er damit die wichtigste Trophäe der Seemänner für das Binnenland Schweiz erobert. Und die Eidgenossen zum Träumen gebracht. Aber auch das wiegt nicht besonders viel im Vergleich zu den Romanen von Simenon, der im übrigen nie auf dieser Liste auftauchte. Obwohl seine Titel auf den Longsellerlisten absolute Spitzenplätze einnehmen – vor allem im Maßstab der Jahrzehnte.

Die Familie – die Kinder – des Politikers Christoph Blocher, der immer für die kleinen Leute zu politisieren vorgibt, hat nicht nur das Ministeramt verloren, sondern auch eine geschätzte Milliarde. Noch immer bescheinigt ihr die „Bilanz“ zwei bis drei. Zudem bekommt der Milliardär auch eine Rente als Minister, auf die er nicht verzichtet hat. So kann er sich in Zukunft erneut auf sicherem Boden um die Vermehrung des Vermögens und die Unternehmen der Familie kümmern, deren Wert von den Kindern und der Finanzkrise um vierzig Prozent reduziert worden ist.

Noch teurer als der politische Ehrgeiz ist manch einem die verlorene Frau zu stehen gekommen. Phil Collins hat rund hundert von seinen vielleicht vierhundert verloren – wir sind jetzt bei den Millionen. Im Sport und im Showbusiness werden generell doch kleinere Brötchen gebacken. Und man kann das nicht nur damit erklären, dass in diesen Kreisen mehr betrogen und geschieden wird als in den diskreten Dynastien. Aber auch hier sprengt einer die Schallmauer:  Bernie Ecclestone  fährt in der Kategorie der Milliardäre, mit fünf bis sechs Einheiten –  was wird in einem Jahr sein? Die Formel verliert an Wert. Michael Schumacher rangiert noch unter der Schwelle: 900 Millionen – hundert hat er verloren. Roger Federer hält Einzug auf der Liste der Tops – hundert bis zweihundert Millionen. Auf so viel bringen es auch Eliett von Karajan und Nana Mouskouri.

Und auch Josef Ackermann. Er wird von der „Bilanz“ mit 100 bis 200 Millionen eingestuft. Veränderungen gegen über 2007: keine – „stabile“ Vermögenslage nennen das die Wirtschaftsjournalisten. Keine schlechte Bilanz für einen Banker in dieser turbulenten Zeiten – manchen Kunden ging es schlechter. In der gleichen Liga spielt der frühere UBS-Chef Marcel Ospel: ebenfalls 100 bis 200 Millionen. Doch der hat bekanntlich seinen Job verloren. Und in seinem Vermögen ist wohl auch noch der Superbonus verbucht, von dem er inzwischen versprochen hat, dass er ihn zurückzahlen werde. Ergo: minus zwanzig Millionen.

Natürlich stellt sich am Tag des Erscheinens Mitte Dezember die Frage nach dem Redaktionsschluss. Im Kapitel über die Genfer Privatbankiers wird das Datum genannt: 30. September. Seither sind die Börsen ja weiter auf Talfahrt geblieben und es ist auch sonst noch einiges geschehen in dieser Welt. Am 30. September also hatte die Bank Pictet eine von zehn Milliarden verloren. Lombard, Odier, Darier Hentsch & Co verlor eine von sechs Milliarden. Die kleine Bordier muss hundert von vierhundert Millionen abschreiben. Diese Zahlen deuten weitere Katastrophen an – aber im Gegensatz zu Ospel & Co werden die Banker bei den Genfer Privés nicht mit goldenen Fallschirmen entlassen: sie haften mit ihrem Vermögen und mit ihrer finanziellen Verantwortung für Verluste. Aber in den Zeiten des Börsenwahns muss auch manch ein calvinistischer Banquier versucht gewesen sein, auf Abwege zu kommen. Jetzt, kurz vor Weihnachten, wird die schöne Bescherung noch gewaltiger: mit fünf Milliarden Franken ist der Finanzplatz an der Fünfzig-Milliarden-Pleite und -Gaunerei von Bernard Madoff beteiligt.

Den seriösen Genfer Privatbankern rennen weniger Kunden als auch schon die Türen ein. Der Aderlass muss deutlich spürbar sein. Die Vermögen, die hier verwaltet werden, schrumpfen und schmelzen. Da kann es wirklich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man einen Genfer Banker wird aus dem Fenster springen sehen. Voltaire empfahl einst jedem: ihm nach. Auch diese Logik stimmt nicht mehr. Aus Zürich hört man, dass die Finanzkrise der Psychiatrie eine Hochkonjunktur beschert, im Burghölzli belegen Manager, Trader und Banker viele Betten.

Die beste Konjunkturhilfe für die Banken leistet das Steueramt. Nicht nur seinetwegen werden nicht nur die Franzosen dem Finanzplatz Genf treu bleiben. Sie lieben die Diskretion und die funktionierenden Institutionen. Schulen, Polizei, Krankenhaus, Oper – Genf hat ihnen einiges zu bieten. Vor allem die berüchtigten Steuerpauschalen. Wer sie aushandelt, muss nur besteuern, was er hier ausgibt – zum Leben braucht. Das aber gibt es nur für Ausländer. Und deshalb verlassen immer mehr reiche Schweizer ihr Land auf der Suche nach einem Steuerparadies für Eidgenossen. Für die ist Steuerhinterziehung im eigenen Land sogar ein Delikt – nur Ausländer, die bei sich zu Hause betrügen, genießen Immunität.

Von Ingvar Kamprad weiß man nicht, wie viel Ikea jährlich verdient und wie viel Steuer er bezahlt – wahrscheinlich hat er auch eine Pauschale, und weil er so geizig ist und zum Leben kaum viel braucht, ist ihm auch der Fiskus gnädig. So kommen schnell mal 35 Milliarden zusammen. Den recherchierenden Redakteuren hat er sie auch nicht bestätigt. Aber irgendwie wird der trockene Geizkragen mit zunehmendem Alter und Vermögen richtig witzig und menschlich. Nicht nur der reichste Zeitgenosse in der Schweiz sei er, lässt er verlauten: „Ich bin der reichste Mensch der ganzen Welt, wenn ich sehe, wie prächtig meine Kinder sich entwickeln.“ Drei sind es – sie haben Schweizer Pässe, arbeiten bei Ikea und werden dereinst den Laden übernehmen. 


3 Lesermeinungen

  1. Alter Schwede.
    Mit was trotzt...

    Alter Schwede.
    Mit was trotzt Ikea denn dem Armuts-Trend? Mit Kotzbullas? Ich glaube, dass Herr Kamprad genug Rückgrat hat, aus Weichholz natürlich, und damit sein Unternehmen stützt. Ja, ja, auch die Hotdogs sind gemeint, auf die man für einen Euro soviel getrocknete Zwiebeln und Gurkenscheiben draufhauen kann, wie man will. Aber was geht schon auf so ein kleines Würstchen drauf. Kein Wunder, dass immer alles herunterfällt und man im Eingangsbereich gleich über die Wurstzutaten fällt und spätestens beim Verlassen drauf ausrutscht. So – nun aber zu dem anderen. Nicht Würstchen. Ich meine den geizigen Mann, dem man Geiz nachsagt. Ich denke, er ist gar nicht so geizig wie man denkt und dass die Sparsamkeit was zu tun hat mit seinem Aszendent. Als Widder, der unter dem Polarstern geboren ist, trägt er bevorzugt karierte warme Hemden, die ihm die berüchtigte schottische Ausstrahlung verleihen. Damit dürfte alles klar sein.

  2. Liebe Leser. Dies ist eine...
    Liebe Leser. Dies ist eine etwas ältere Geschichte, von der ich glaube, diese zur Unterhaltung hier hinterlassen zu können. Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen Hildegard G.
    Ikea für Nokia
    Wer schwedisch einkaufen möchte und nicht extra nach Dortmund fahren will, darf sich schon mal freuen.
    Demnächst sollen nämlich auf dem ehemaligen Nokia-Gelände die Bretterbudenbretter vom Ikea-Lauf-Band weggehen, nicht etwa wie warme Semmeln, sondern wie die für meinen Geschmack viel zu süß eingelegten Schwedenhappen.
    Apropos. Auf Finnenhappen oder Happenlappen ..ähm ..Lappenhappen ausweichen zu wollen ist zwecklos! Im Grunde gar keine so schlechte Geschäftsidee, eine Ikea-Geschäftsstelle an Nokias Stelle eröffnen zu wollen. Immerhin verspricht der alte Schwede über 400 Posten und natürlich jede Menge Sonderposten. Vom Kassierer bis zur Kotzbullaverkäuferin ist da noch alles offen.
    Offen gestanden – mir liegt das Schwedenmuster nicht. Ich denke, die umfassende Zusammenbastelanleitung ist für eine Zielgruppe bestimmt, die auf das Baukastensystem vertraut. Ob man auch mit der Anweisung vertraut ist, steht natürlich auf einem ganz anderen Faltblatt.
    Aber hat sich der mehr oder weniger praktikable Heimwerker erst einmal vertraut gemacht, mit Brettern, die einen Schrank bedeuten, fehlen nach Adam Riese bzw. Ingvar Kamprad in der Regel sämtliche Schrauben. Zur Beschränkung, eigentlich mehr zur eigenen Beruhigung wird dann, ganz klar, der verursachende Holz(basis)wurm gesucht, der da drin stecken soll.
    Spätestens, wenn Kunde Bastelkönig keinen gefunden hat, weder Wurm noch Schraube, von einem Gewinde ganz zu schweigen, verliert er auch schon den Glauben .. an die Schweden. Das heißt – die unglaubliche Gebrauchsanweisung als unverständliches Glaubensbekenntnis vom Ungläubigen abgehakt, stellt dieser, also der Zweifler (Verzweifelte) schlagartig die Wohnsituation in Frage.
    Nie und nimmer wird das Wohnzimmer jenes behagliche Bild abgeben, welches die „Bibel fürs Wohnen“ bezeugt!
    …und wahrlich ich sage Euch – nicht alles was aus dem Hause IKEA stammt, stammt aus Baumstammholz. Die holzigen Fleischbällchen zum Beispiel. Allseits beliebt, vertilgt jeder Ikea-Restaurant-Besucher 10 Bullars. Fast(wood ..ops..food) immer mit Rahmsoße, Preiselbeeren und Salzkartoffeln. Uaaaaääh.
    Ganz ehrlich? Mein Favorit ist die Mandel Tarta med Kaffe (Mandeltorte mit Kaffee). Ne, so was von süß. Aber lecka!!!
    …und zum Abschluß – bloß nicht den Hot-Dog vergessen. Für einen Euro kann man davon fressen (von vertrockneten Zwiebeln und Gurkenscheiben plus Mayo und Ketchup) soviel man reinkriegt .. ins Weißbrötchen. Damit erklärt sich natürlich die Sauerei auf dem Fußboden…
    Hej då!

  3. Re Rolex. Der abgesetzte Chef...
    Re Rolex. Der abgesetzte Chef „mit dem leicht exzentrischen Stil – zur Glatze trägt er das Haar hinten lang, einen formellen Anzug kombiniert er mit grünen Schuhen“ so berichtet die NZZ am Sonntag ist weg. Der neue Rolex-Chef heisst
    Bruno Meier. Zuvor war er Chef der Deutschen Bank (Suisse) in Genf.
    Ah-ha: „Time is Money“ as the British say.
    Cordialement
    La petite Calvaniste

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