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Republik der Intellektuellen

Von Genf aus beobachtet Jürg Altwegg die europäische Republik der Intellektuellen. Er unternimmt Grenzgänge zwischen den Ländern und den Kulturen.

Das süsse Leben in der Villa Medici

      Auch für die laizistischen französischen Intellektuellen ist Rom ein Ort aller Sehnsüchte - nicht nur des Lichts und der kulturellen...

 

 

 

Auch für die laizistischen französischen Intellektuellen ist Rom ein Ort aller Sehnsüchte – nicht nur des Lichts und der kulturellen Schätze wegen. Die herrlich gelegene, luxuriös ausgestattete Villa Medici ist ganz in ihrer Hand. Sie dient Studienaufenthalten französischer Künstler, Schriftsteller, Musiker, Philosophen und ist das Prunkstück der kulturellen Außenpolitik, ihre Leitung begehrter als jede Botschaft. Im vergangenen Herbst wurde sie neu besetzt: zum Zug kam Frédéric Mitterrand, der Neffe des früheren Präsidenten, ein genialer Animator und feinfühliger Liebhaber vor allem des Films. Es ist zu früh, über sein Wirken irgendein Urteil zu fällen. Und seinen Job bekam er auch keineswegs vom gnädigen König im Elysée. Der wollte ursprünglich einen anderen Kandidaten nach Rom schicken.

Sarkozy hatte in seiner Neujahrsansprache gerade die Abschaffung der Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verkündet. Fast gleichzeitig fiel sein Medienberater im „Schloss“, Georges-Marc Benamou, in Ungnade. Benamou hatte einst Mitterrands Memoiren geschrieben und ein Buch über sein letztes Sylvestermahl, bei dem der sterbende Präsident ein paar Tage vor seinem Tod mehr gierig als genüsslich vom Aussterben bedrohte Vögel der geschützten Gattung Fettammern verspeist haben soll. Vielleicht fürchtete Sarkozy, bei dem über die Festtage vor einem Jahr Carla Bruni eingezogen war, ein ähnlich skandalöses Buch über das Liebesleben an seinem Hof. Es gab aber auch sehr konkrete Gründe, die Benamou untragbar gemacht hatten. Er sollte alle französischen Auslandssender in einer Holding vereinigen – und in diese auch das  erfolgreiche frankophone Weltprogramm TV5 einbringen. Die Kanadier, Belgier, Schweizer erinnern sich noch immer mit Schrecken an seine Arroganz. Bei den Verhandlungen rückte er mit einer ganzen Armada von Mitarbeitern an. In Paris ging er auch gegen die damals sehr ungeliebte Kultur- und Kommunikationsministerin Christine Albanel in die Offensive. Den Machtkampf gegen sie hat er verloren.

Doch die Republik war mit ihren in Ungnade gefallenen oder auch nur unfähigen Beamten und Beratern auf Zeit schon immer sehr großzügig. Die „goldenen Fallschirme“ sind keineswegs eine Erfindung der Wirtschaft – es gibt sie genauso in der Politik. Versager werden an die Spitze irgendwelcher Betriebe – es darf auch die Staatsbahn, Air France oder die Elektrizitätswirtschaft sein – katapultiert. Zumindest in den Kreisen der Kulturschaffenden, die in der französischen Republik des Geistes nach wie vor über Einfluss und Ansehen verfügen und ebenfalls von der Gunst der Macht profitieren wollen, warum auch nicht, gehört die Villa Medici zu den begehrtesten Pfründen. Deshalb wollte Benamou, der in die Wüste geschickt wurde, deren Leitung übernehmen. Und brachte sich dafür selber ins Spiel – schließlich war er noch immer im Zentrum der Macht. Und zog die Fäden.

Tatsächlich war der Job vakant und die Auswahl eines neuen Leiters bereits angelaufen. Öffentlich und in den Kulissen hatte sich Benamou im Elysée für Olivier Poivre d’Arvor stark gemacht. Poivre d’Arvor ist der Bruder des erst später – im Laufe des Jahres – bei Tf1 entmachteten Tagesschaumoderators Patrick Poivre d’Arvor und hatte eine entsprechend starke Lobby. Oliver Poivre d’Arvor – der mit seinem Bruder mehrere Bücher im Duett verfasst hatte – ist in der kulturellen Außenpolitik tätig und für den Export der Bücher verantwortlich. Das war zumindest eine bessere Voraussetzung als Benamous Arroganz im Umgang mit den frankophonen Partnerländern. Unverblümt hatte er erklärt, dass er sich keineswegs um die Leitung und die Programme kümmern wolle, sondern ein Stück über de Gaulle zu schreiben gedenke.

Das war nun selbst für Frankreich, wo man sich einiges gewohnt ist, zu viel. Gegen Benamou ging ein Protest der Empörung los, der fast schon ein bisschen an intellektuelle Lynchjustiz denken ließ – in dem jedenfalls nicht nur hehre Sorge um die Größe der Republik auszumachen war. Sondern auch ein bisschen Hass auf den mondänen Dandy, dem einst Pierre Bergé das linke Magazin „Globe“ finanziert hatte. Jeanne Moreau, die Philosophen Pascal Bruckner und Alain Finkelkraut wetterten gegen die Bananenrepublik und wollten Benamou verhindern. Er wurde als „Kurtisan“ der Macht verhöhnt. Sarkozy jedenfalls sah sich veranlasst, ein ordentliches Verfahren in die Wege zu leiten. Unbestechliche Persönlichkeiten wurden in die Auswahlkommission berufen und hörten die Kandidaten an. Sie zauberte den unerwarteten Frédéric Mitterrand aus ihrem Hut – was auch der Königin im Elysée nicht schlecht gefiel. Die aus Italien stammende Queen des französischen Chansons ist ja fast schon die erste Nachfolgerin von Catherine de Médicis auf dem französischen Thron und an der Präsenz der französischen Kultur in Italien natürlich ganz besonders interessiert.

Warum die Villa Medici unter den französischen Kulturschaffenden so begehrt ist, veranschaulicht uns der Bericht des früheren Leiters Pierre-Jean Rémy. Rémy hat ihn zum Jahreswechsel unter dem Titel „Villa Médicis, Journal de Rome“ (Editions Odile Jacob) veröffentlicht. Von Rom und der italienischen Kultur handelt allerdings keine der 425 Seiten. Dafür wird das süße Leben in der Villa so exhibitionistisch und mit Narzissmus beschrieben, dass vor allem die voyeuristischen Instinkte des Lesers voll befriedigt werden – und auch der populistische Hass auf die Intellektuellen seine Nahrung bekommt. Aber diese primitiven Kreise erreicht das Buch des Mitglieds der Académie Française wohl eher nicht. Der verdienstvolle Schriftsteller Rémy (Tendenz: Chirac) war auch Leiter der Nationalbibliothek – mit Chauffeur – und hat sich an vielen Fleischtöpfen der Republik satt gegessen. In Frankreich nennt man diese im übrigen „fromages“.

Seine vierhundert Seiten sind eine Chronik des Klatsches mit vielen VIPs aus Politik und Kultur und Hochfinanz und einem Hauptdarsteller als Maestro der Selbstinszenierung. Auch der reichste Franzose Bernard Arnault tritt hier nur auf, um Rémy „auf Wiedersehen zu sagen“. Für ein Dinner hat der Hausherr 24 Flaschen Chianti entkorken lassen. Sie entsprechen nicht seinen hohen Ansprüchen – also fährt man zwei Dutzend Bordeaux auf. Blind kann man nur dem eigenen Boden und den eigenen Weinbauern vertrauen. Nach ein paar Minuten mit Luftzufuhr erweist sich allerdings auch der Santa Cristina als göttlich. Was auch immer mit den zu vielen Tropfen geschehen sei mag: Rémy zelebriert die „göttliche Verschwendung“ in seinem Paradies.

Vom Schriftsteller Jean Echenoz schreibt der Gastgeber, dass er „viel älter wirke“ oder sei, als man sich dies vorgestellt habe. Den großen Poeten Yves Bonnefoy, der sich mit Rimbaud beschäftigte, bescheinigt er, dass Rimbaud eine „Karikatur“ für geistlose Opportunisten des Zeitgeists geworden sei. Und so weiter. Was Monsieur Rémy auch noch beschäftigt: ein Brief seines Verlegers, der sein Manuskript „Désir d’Europe“ – Lust auf Europa – lobt. Aber Kürzungen verlangt, die Rémy natürlich verweigert.

Auf Seite 338 geht es um „Eine ziemlich große Krise“: „Isabelle Gallimard antwortet mir ganz kurz, dass sie bei Mercure de France meine Gedichte nicht veröffentlichen werde.“ Aber schon kommt ein Fotograf der Agentur Gamma: „Wie viel Zeit man mit allen diesen journalistischen Übungen verliert“, bemitleidet sich Rémy. Und ist bemüht, ja keinen Termin auszulassen.

Den römischen Karneval feiert er auf Kosten der französischen Republik mit einem Maskenball zum Thema „Iss mich“. Er verkleidet sich als Arcimboldo. Gegen fünfhundert Gäste sind in die Villa Medici eingeladen. Der ältere Hausherrn, unsterblich und mit Ehren überladen, verfolgt mit lüsternem Blick „zwei halbnackte, mit Popcorn bekleidete Däninnen“. Er zieht den Bauch ein, der ihm leicht peinlich geworden ist, und muss sich damit abfinden, dass er nicht zum Zuge kommen wird. „Dès qu’il ne s’agit plus de fiction mon style s’empâte“, schreibt und resigniert er. Wenn es nicht mehr um Fiktion und Träume geht, muss man diese Selbsterkenntnis wohl frei übersetzen, „setzt auch meine Feder Fett an“.

Anderswo, das sei zum Abschluss des Jahres und zur Ehre der Republik nachdrücklich gesagt, steht die französische Kulturpolitik im Ausland unter Sparzwang. Mit Stil und Esprit gestalten die Leiter der Instituts culturels ihre Programme und begleiten ihre Gäste. Während seiner EU-Präsidentschaft hat Frankreich wie kein Land vor ihm ein hoch stehendes Kulturprogramm geboten.