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Republik der Intellektuellen

Von Genf aus beobachtet Jürg Altwegg die europäische Republik der Intellektuellen. Er unternimmt Grenzgänge zwischen den Ländern und den Kulturen.

Suhrkamp und Berlin feiern in Seligenstadt

 Die Suhrkamp-Verlegerin und der Berliner Kultursenator feiern in Seligenstadt - den Preis für eine Rowohlt-Autorin.   Seligenstadt ist eine...

 Die Suhrkamp-Verlegerin und der Berliner Kultursenator feiern in Seligenstadt – den Preis für eine Rowohlt-Autorin.

 

Seligenstadt ist eine hessische Kleinstadt am Main, nicht sehr weit von Frankfurt entfernt. Hier wird alle zwei Jahre der europäische Einhard-Biographiepreis vergeben. Jeweils Mitte März, am Todestag von Einhard, der hier begraben liegt. Einhard hatte die erste Lebensbeschreibung von Karl dem Grossen, dessen Zeitgenosse er war, verfasst: Vita Karoli Magni. Sein Leben war aufs engste mit Seligenstadt verknüpft. An seine Andenken erinnert eine Stiftung, die zu diesem Zwecke den Preis für eine Biographie ins Leben gerufen hat. Den Preisträger ermitteln Gustav Seibt, der in Berlin lebt, Jeremy Adler aus London und ich.

Am vergangenen Samstag ist die Auszeichnung – mit 10 000 Euro dotiert – an Margot Friedlander vergeben worden. Sie wurde für Ihr Werk „Versuche, dein Leben zu leben“ ausgezeichnet, das bei Rowohlt Berlin erschienen ist. Margot Friedlander war als junge Frau in Berlin untergetaucht. Mehrere Monate lebte sie als Jüdin im Untergrund. Sie wurde verhaftet und nach Theresienstadt deportiert, wo sie ihren späteren Mann kennen lernte. Zusammen zogen sie 1945 nach New York. Der Gatte blieb Deutschland gegenüber unversöhnlich und ablehnend. Margot Friedlander hat erst nach seinem Tod zögerlich ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Sie waren eine Rückkehr zur deutschen Sprache – und dies auch eine Voraussetzung für das Unterfangen. Das in einem New Yorker Schreibkurs begonnen hatte: „Ein glänzend erzähltes, dramaturgisch gekonnt aufgearbeitetes Stück Lebensgeschichte als Teil einer imponierenden Lebensgesamtleistung“, hatte wir, die Juroren, den Preis für Margot Friedlander begründet.

Mehr als vierhundert Bürger waren in der Basilika, wo zunächst Einhards gedacht und der „Engelsturm“ für Orgel, Pauken, Trompeten und Glocken von Thomas Gabriel gespielt wurde – wie alle zwei Jahre. Und nur alle zwei Jahre. Ein eindrücklicheres Konzert kann man sich zur Einstimmung schwerlich vorstellen. Dann ging es bei frühlingshaftem Wetter zu Fuß in einen Saal, der ebenfalls voll besetzt war. Im Treppenhaus hängen in Plakatgröße die Porträts der bisherigen Preisträger – Joachim Fest zum Beispiel, der die Stiftung in der Aufbauphase beraten hatte und 2003 ausgezeichnet wurde. Nach ihm kam Irène Heidelberger-Leonard für ihr Buch über Jean Améry an die Reihe. Vor zwei Jahren wurde das Werk von Eberhard Weis über den bayerischen Staatsmann Maximilian Graf von Montgelas gewürdigt.

Ganz Seligenstadt war auf den Beinen und scheint am Einhard-Preis teilzuhaben. Beeindruckend ist es zu sehen, wie dieser Preis von vielen Stiftern und der Bürgerschaft dieser Kleinstadt getragen. Margot Friedlander war gerührt ob des Interesses, auf das sie hier stieß – und sie genoss es sichtlich. Nach der Preisverleihung stauten sich die Seligenstädter in einer langen Schlange, um mit ihr zu reden und das Buch signieren zu lassen.

Auch Klaus Harpprecht, der die Laudatio hielt, zeigte sich „tief bewegt“ von der Lektüre dieses Buchs. Er würdigte die Bedeutung der Biographie als Gattung und fand gleichzeitig eindrückliche Worte, um die Qualität von Margot Friedlanders Werk, das mit einer Coautorin zusammen entstanden war, zu unterstreichen. Der Rowohlt Verlag – zu dessen Hausautoren auch Klaus Harpprecht gehört – hatte den Lektor nach Seligenstadt geschickt, die Verlagsleitung war unabkömmlich: die Buchmesse in Leipzig noch in vollem Gang.

Um so auffälliger war die intensive Präsenz des Suhrkamp Verlags. Will man das nächste Buch von Margot Friedlander und Klaus Harpprecht? Der Geschäftsführer und die Verlegerin waren gekommen. Sie blieben auch noch zum Abendsessen in kleineren Kreis, der dann immer noch rund hundert Leute umfasste, unter ihnen die Stifter, die ihre Mahlzeit selber bezahlten. Auch der Staatssekretär für Kultur aus Berlin, wo Margot Friedländer geboren wurde, zeigte, dass er für einen hohen Politiker über erstaunlich viel Sitzleder verfügt. André Schmitz hatte auch an der Preisverleihung ein paar Worte über Margot Friedlander geäußert. Um sie scheint die Berliner Kulturpolitik fast so intensiv zu werben wie um den Surhkamp Verlag. Jedenfalls konnte sich an diesem historischen Samstag in Seligenstadt unweit von Frankfurt am Todestag von Einhard jeder ein Bild davon machen, wie innig die Beziehungen zwischen Ulla Berkéwicz Unseld und dem Berliner Kulturminister Schmitz sind. Fast hätte man den Eindruck einer Verschwörung bekommen können. Aber das Kungeln ist vorbei, man konnte es beim Kuscheln bewenden lassen. So sah es André Schmitz am Morgen danach. Und beteuerte, dass sowohl die Surhkamp-Verlegerin wie er selber aus rein persönlicher Beziehung zur Margot Friedlander nach Seligenstadt gekommen war. Und wir haben mit großer Freude beobachtet, wie der Kulturminister aus der Hauptstadt und die Suhrkamp-Spitze in der Provinz eine Rowohlt-Autorin aus New York feierten. Auch das wird als kleines Wunder von Seligenstadt in die Geschichte des Einhard-Biographiepreises eingehen.