Meinen Finisher-Eintrag ins Rote Buch der GST, das in dem Lokal „Zur gemütlichen Kleintierschänke“ in Pabstleithen ausliegt, habe ich am Nachmittag des 6. Juni gemacht. Statt morgens an diesem Tag schon nach Hause zu fahren, wie ich in dem Video am Dreiländereck angekündigt hatte, weil ich da ja noch nichts davon wusste, dass das Lokal erst einen Tag später aufmachen würde, bin ich noch einen Tag bei Familie Klemm und ihren Katzen in der Pension Fröschel geblieben. Ich habe ausgeschlafen, gemütlich gefrühstückt, im Radio Nachrichten gehört, und dann geschrieben. Vor allem aber habe ich meine Schuhe getrocknet, mit Zeitungspapier ausgestopft: Die Abdeckung der Bohrlöcher für die Cleats (die Klickverbindungen unter der Sohle, die ich ziemlich wenig benutzt habe), war förmlich zerrieben. Und deshalb war bei dem Unwetter am Vortag soviel Wasser in meine Schuhe gedrungen, von unten mehr als von oben.
Nachmittags bin ich den Hügel hinauf Richtung Mittelhammer gefahren, um einerseits dahinter endlich eine vernünftige Netzverbindung zu bekommen, mich reihum zu melden, dass ich angekommen und dass alles in Ordnung sei. Und zweitens wollte ich mich auf der Rückfahrt in dem Buch verewigen. Ich war richtig redselig bei diesem Besuch, schwatzte und schwatzte, zeigte Fotos und erzählte, erzählte. Ein Stündchen Wartezeit verging mir in der Sonne leicht, ich putzte wieder am Rad herum und kniff mich gelegentlich in die Backe: Du hast es geschafft.
Die gemütliche Kleintierschänke in Pabstleithen
Abends wurde bei Klemms gegrillt, der Kater Felix mopste sich zwei der „echten Thüringer Bratwürste“, die vor dem Braten wie Gedärm aussehen, über dem Feuer aber schön rund und prall werden – und die vorzüglich schmeckten. Die Klemms und ich saßen den ganzen Abend plaudernd beisammen, während es draußen mal wieder regnete, und wir kamen vom Hundertsten zum Tausendsten, bevor abgerechnet wurde. Und ich hatte wieder einmal den Eindruck, einfache, aber sehr herzliche Gastfreundschaft gelinge den Menschen östlich der Grenze, die ich nun abgeradelt habe, besser als denen im Westen.
Samstag, 7. Juli, der Tag der Rückkehr nach Hause: Ich bin sehr nervös, habe kaum Lust aufs Frühstück, sondern will los. Es soll mit dem Zug von Hof aus über Würzburg und Frankfurt nach Gießen gehen. In Hof treffe ich am Bahnschalter den Beamten, der mir 2009 auseinandergesetzt hat, dass es und warum es nicht so einfach ist, von diesem Bahnhof aus nach Blankenstein mit der Bahn an den Rennsteig zu fahren. Nicht ganz und gar unmöglich, aber so unpraktisch und umständlich, dass man besser ein paar Kilometer radelt, von Bad Steben aus.
Aber bevor es soweit ist, habe ich morgens noch ein seltsames Erlebnis. Solange ich denken kann, bin ich ein Radfahrer gewesen, der den motorisierten Verkehr und die Straße nicht scheut. Als ich um acht an diesem Samstag nach kurzer Verabschiedung in Pabstleithen zügig losfahre, sind die Straßen zudem leer. Im Vogtland sind nur ein paar riesige Landmaschinen unterwegs, wie sie wohl auch der Junior der Kleintierschänke pilotiert. Er hat mir gestern von seiner Arbeit erzählt und ich begegne den Heutransportern und Schleppern mit Respekt. Als ich Regnitzlosau links liegen gelassen habe und auf Hof zufahre, – die Autos haben jetzt Kennzeichen mit HO statt mit V – empfinde ich den Fahrstil auf der Bundesstraße als derartig aggressiv, dass ich nicht geradewegs nach Hof fahre sondern eine Nebenstrecke über Tauperlitz und Erlalohe wähle. Ich bin einfach nicht mehr gewöhnt, von Seats und Dreier-BMWs mit röhrendem Ofenrohr knapp überholt zu werden. Drei Wochen lang hatte ich meine Ruhe.
In Hof kommen mir dann Pulks von Rennradlern entgegen. Die Deutschland-Tour von Quäldich.de hat hier Station gemacht, erklärt mir später im Zug jemand mit missmutigem Gesicht und einem feinen Carbonteil unterm Arm: Aufgabe vor der vorletzten Etappe Hof-Oberwiesenthal. Dann sind der schnellste und der langsamste Fahrer der GST 2012 am Morgen in Hof – vermutlich ohne sich zu sehen – in entgegen gesetzter Richtung an einander vorbeigefahren. Ich jedenfalls habe den Walter nicht erkannt, weiß aber, dass er nach der GST die 20 000 Höhenmeter dieser Tour von Füssen nach Dresden abarbeiten wollte. Der morgendliche Start der Rennradler-Gruppen bekommt für mich noch eine kleine Pointe. Als ich eine Fußgängerin nach der Richtung zum Bahnhof fragen will, ruft die mir zu, noch bevor ich etwas gesagt habe: „Da müssen Sie lang, die andern sind alle da lang gefahren“, und deutet den Letzten eines gerade um die Ecke verschwundenen Quäldich-Pulks hinterher.
Ich habe mit meinen Zügen, mit den netten und nervenden Mitreisenden, mit den pickepackevollen Fahrradabteilen der REs Glück: Um 9:44 Uhr ab Hof und 16:05 Uhr an Gießen. Dann sind es noch 16 Kilometer nach Hause, wo ich um kurz nach 17:15 Uhr eintreffe. Aber ich kann es nicht verschweigen: Auf den letzten Kilometern narrt mich mein GPS noch einmal: Einen Track zum Hinterherfahren habe ich nicht mehr, aber sehr wohl ein gute topographische Karte mit eingezeichneten Radwegen. Ganz abgesehen davon kenne ich mich schließlich aus und bin schon oft zwischen daheim und Gießen unterwegs gewesen. Aber dann zeigt mir die elektronische Karte einen empfohlenen Weg, der mir neu ist, und ich vertraue ein letztes Mal dem GPS. Das mich prompt an die Böschung der A45 führt, wo gar kein Übergang und keine Unterführung sind. Und ein letztes Mal muss ich zurück, neu ansetzen und fahre die letzten Kilometer der eigenen Nase nach.
Die letzten Meter gen Heimat
Die folgenden 36 Stunden sind wohl am exaktesten beschrieben als leichte depressive Verstimmung: keine Euphorie, nur eine gewisse Müdigkeit, wenig Appetit, und gelegentliche helle Momente. Zum Beispiel wenn am Sonntagmorgen wie nun seit Wochen der erste Blick zum Himmel zuckt, wegen des Wetters, bevor sich dann doch der Verstand einmischt: Heute ist es egal, ob es regnet oder nicht, du radelst nicht mehr, du hast es hinter dir.
(Fotos: py.)