Haymat

Schritt drei und Schritt zwei

 

Seit gestern haben mehr als fünftausend Menschen die Internetpetition „Wir bitten um Verzeihung“ (www.ozurdiliyoruz.com) unterschrieben. Die meisten der Unterzeichner leben in der Türkei, zudem finden sich viele deutsche Orte und Städte in den Vereinigten Staaten und Australien in der Liste.

Der armenische Journalist Hrant Dink, der im Januar vor zwei Jahren auf offener Straße von einem türkischen Nationalisten erschossen worden ist, sagte in einem Interview mit der „taz“ vom 14. April 2005 bezüglich der Armenierfrage:

„Bisher verfolgte die Türkei eine Politik des Verleugnens. Jetzt ist die Politik an einen Punkt gelangt, wo sie sagt: ,Wenn etwas passiert ist, dann war es gegenseitiges Töten.‘ Der nächste Schritt wird wahrscheinlich sein, dass sie sagt: ,Ja, wir haben den Armeniern mehr angetan.‘ Es gibt also eine Entwicklung vom Verleugnen zur Anerkennung. Doch das ist kein leichter Prozess. Sie können nicht erwarten, dass verinnerlichtes Verleugnen auf einmal zur Anerkennung wird. Es gibt noch eine Station dazwischen.“

 Weil Hrant Dink eine historische Aufarbeitung der armenischen Tragödie gefordert hatte, war er wegen „Beleidigung des Türkentums“ nach Artikel 301 verurteilt worden.

 Die Unterzeichner der Petition haben den dritten Schritt, von dem Dink in dem Interview spricht, gewagt.  

Doch es gibt auch eine Gegenbewegung (Schritt zwei): Eine Gruppe von sechzig ehemaligen türkischen Diplomaten hat gestern eine Erklärung abgegeben, in der sie den Teilnehmern der Initiative „Verrat“ an türkischen Opfern von Armeniern vorwerfen. Die Darstellung auf der Website sei unkorrekt und zeuge von fehlendem Respekt vor der türkischen Geschichte. Die Diplomaten erinnerten an die Ermordung mehrerer ihrer Kollegen durch die armenische Terrorgruppe Asala in den siebziger und sechziger Jahren. Ihrer Meinung nach können die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien nur verbessert werden, wenn beide Seiten anerkennen, dass man sich Leid zugefügt habe.

Armenien, mehrere westliche Staaten und viele internationale Forscher gehen davon aus, dass bei türkischen Verfolgungen von Armeniern im Jahr 1915 schätzungsweise zwischen 600 000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Die Türkei bestreitet, dass es sich um einen Völkermord gehandelt habe und setzt die Zahl der Opfer weit niedriger an. Sie argumentiert, die Armenier seien im Zuge einer Umsiedlungsaktion unter Kriegsbedingungen ums Leben gekommen. „Viele Türken wissen tatsächlich nicht, was mit den Armeniern 1915 passierte. Wir hoffen, dass unsere Kampagne dazu führt, dass auch Jugendliche mehr nachfragen“, sagte einer der Initiatoren der Aktion, Baskin Oran, bevor die Seite freigeschaltet worden ist.

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