Haymat

Meine Familie ist türkisch

Nachdem Canan Aritman, eine Abgeordnete der Partei CHP, Staatspräsident Abdullah Gül vergangene Woche vorgeworfen hatte, er verurteile die Armenier-Petition nur deshalb nicht, weil seine Mutter armenische Wurzeln habe, hat Gül gestern eine Erklärung abgegeben: Sowohl die Familie seines Vaters als auch die seiner Mutter seien türkisch und muslimisch, das gehe aus jahrhundertealten Aufzeichnungen hervor. Er respektiere alle ethnischen Hintergründe und Glaubensrichtungen, die es im türkischen Volk gebe, heißt es in der Erklärung. Gül betonte, dass es für ihn keine Unterschiede zwischen den Bürgern gebe und dass alle die gleichen Rechte hätten.

Es ist bedauerlich, wenn ein Staatspräsident sich gezwungen sieht, seine Äußerungen mit Hinweis auf die Genealogie seiner Familie zu verteidigen. Warum hat Gül nicht einfach zu diesem rassistischen Angriff geschwiegen?

Mehr als zwanzigtausend Türken haben die Petition inzwischen unterzeichnet. Die vielen Unterschriften sind schon jetzt eine Sensation, denn eine lange Tradition zivilgesellschaftlichen Engagements gibt es in der türkischen Gesellschaft nicht. Die Liste zeigt einen Querschnitt durch das türkische Volk: Lehrer, Schüler, Kellner, Krankenschwestern, Journalisten, Ingenieure und Anwälte sind darunter, die meisten von ihnen leben in der Türkei. Die Petition zu unterzeichnen erfordert Mut – wie die Reaktionen zeigen, riskieren die Unterzeichner gerichtlich dafür belangt, verfolgt, beleidigt und sozial geächtet zu werden.

Die Kritiker des offiziellen Verschweigens der Massaker, eine Minderheit europäisierter Intellektueller ohne politisches Mitspracherecht, stand bisher immer allein da. Mit einem einfachen zivilgesellschaftlichen Mittel ist es ihnen gelungen, der Verleugnungsstrategie und den Interessen der türkischen Regierung eine Stimme entgegenzusetzen, die sich, sollten noch mehr Menschen die Petition unterzeichnen, zu einer sozialen Bewegung auswachsen könnte.

Türkische Schulbücher schweigen über die Massaker von 1915, Publikationen, die etwas anderes als die offizielle Geschichtsschreibung behaupten, werden zensiert oder verhindert. Verlagshäuser, die sich diesem Diktat nicht beugen wollen, treibt der Staat durch hohe Geldstrafen in den Ruin. Kann er diese Strategie noch lange aufrechterhalten?

Die Initiative im Internet ist der bisherige Höhepunkt eines schwierigen Enttabuisierungsprozesses, der vor drei Jahren mit einer Konferenz in Istanbul über das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich begonnen hat. Das Treffen fand damals unter Polizeischutz statt und wurde von wütenden Protesten türkischer Nationalisten begleitet. Erstmals in der türkischen Geschichte konnten Akademiker, die nicht der offiziellen Staatslinie folgen, ihre Sicht auf die Armenier-Frage öffentlich vortragen. „Sogar das Wort Völkermord wurde ausgesprochen, und die Welt dreht sich immer noch“, freute sich die linksliberale Zeitung „Radikal“ damals nach der Konferenz. Der Prozess konnte auch nicht durch die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink, der wegen seiner Äußerungen zur Armenier-Frage wegen „Beleidigung des Türkentums“ nach Artikel 301 verurteilt worden war, gestoppt werden. „Wir alle sind Armenier“ stand auf den Plakaten der Demonstranten, die sich im Januar vor zwei Jahren am Tag seiner Beerdigung in türkischen Städten versammelt hatten.

Heute berichtet außerdem der Kolumnist Sahin Alpay in der Zeitung „Today’s Zaman“ darüber, warum er die Petition unterzeichnet hat (www.todayszaman. com). Zunächst stellt er klar, dass er nicht die Sicht vieler armenischer Nationalisten teile, die behaupteten, „dass die Tragödie, die im Jahr 1915 über die Armenier im Osmanischen Reich gekommen ist, mit dem Völkermord an den Juden durch das nationalsozialistische Regime während des Zweiten Weltkrieges verglichen werden kann“. Dass er dennoch unterzeichnet hat, begründet Alpay folgendermaßen:

„Natürlich bin ich nicht persönlich für die Tragödie verantwortlich, die über die Armenier im Osmanischen Reich gekommen ist. Ich empfinde jedoch eine tiefe Trauer und ein tiefes Bedauern für eine Tragödie, unter der Landsmänner von mir gelitten haben. Eine Tragödie, die von den staatlichen Autoritäten vertuscht und zu einem Tabu gemacht worden ist. Der Hauptgrund, warum ich die Petition unterschrieben habe, ist, dass ich mich aus Gewissensgründen dazu verpflichtet gefühlt habe. Zweites möchte ich, dass die Demokratisierung in der Türkei so voranschreitet, dass das Land sich seiner Vergangenheit stellen kann und dass es kein Thema gibt, dass vertuscht bleibt. Drittens halte ich es für sehr wichtig, dass die historische Freundschaft, die Türken und Armenier über Jahrhunderte verbunden hat, bevor das Zeitalter des Nationalismus anbrach, wiederaufgenommen wird und dass sich die Beziehungen zu unserem Nachbarstaat Armenien normalisieren. Ich möchte, dass es endlich ein Ende mit diesen ,Genozid-Resolutionen‘ hat, die ausländische Parlamente verabschieden und die Animositäten damit nur vorantreiben.“

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