Haymat

Haymat

Mehr als zwei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland. Was sie beschäftigt, wissen wir zu wenig. Ihre Referenzpunkte liegen

Wieder ein Türke sein

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Nazim Hikmet gilt als der wichtigste Lyriker der Modernen Türkei. Er liebte sein Land und hatte im Exil immer Heimweh nach Anatolien. Jetzt will ihm die türkische Regierung die Staatsbürgerschaft wieder zuerkennen.

 Fünfundvierzig Jahre nach Nazim Hikmets Tod, will die türkische Regierung dem Dichter symbolisch die entzogene Staatsbürgerschaft zurückgeben. Der Beschluss wartet nur noch auf die Unterschrift der betreffenden Minister.

 Die vielleicht schönste Geschichte über Nazim Hikmet hat sein Dichterkollege Yasar Kemal erzählt. Damals noch ein junger Journalist, fuhr Kemal in den fünfziger Jahren mit dem Zug durch die Osttürkei. Ein „Asik“, ein Volkssänger, begeisterte den ganzen Waggon mit einem Hikmet-Gedicht. Auf Kemals Frage, woher er denn die Verse kenne, antwortete der des Lesens und Schreibens nicht mächtige Asik, dass sie ihn ein ehemaliger Gefängnishäftling gelehrt habe. Dieser habe das Gedicht von einem Zellengenossen gehört. Hikmet wiederum sagte einmal, er habe nie ein Gefängnis verlassen, ohne dass alle Mithäftlinge lesen und schreiben konnten – „Nazim“ nennen die meisten Türken ihn auch deshalb liebevoll. Die Zeilen „Leben / einzeln und frei / wie ein Baum / und brüderlich / wie ein Wald/ ist unsere Sehnsucht“ kennt fast jeder Türke.

 Nazim Hikmet ist wahrscheinlich der wichtigste Lyriker der modernen Türkei. In Deutschland ist er leider nur wenigen bekannt, da es bisher kaum Übersetzungen seiner Lyrik gibt. Allerdings war er mehrmals zu Gast in der DDR. Fast die Hälfte seines erwachsenen Lebens hat der Dichter in türkischen Gefängnissen verbracht. Lange waren seine Werke verboten; Hikmet, der Kommunist galt als „Vaterlandsverräter“. Im Jahr 2002, während der Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag des Dichters, hatte es schon einmal Bemühungen gegeben, endlich Frieden mit dem Dichter zu schließen. Doch damals schlugen nationalistische Kreise Alarm, als sei Hikmet noch immer eine Gefahr für die türkische Republik.

 Gewesen ist er das freilich nie. Der im Jahr 1902 in Saloniki geborene Dichter wuchs in einer wohlhabenden Familie auf, unterstützte den Befreiungskrieg von Atatürk und ging als Lehrer für die junge Republik ins ländliche Anatolien. Begeistert von der Russischen Revolution, studierte er in Moskau, zurück in der Türkei, trat er der Kommunistischen Partei bei. Alles an Hikmets Poesie war revolutionär: die einfache und zupackende Sprache, der Rhythmus, der sich klar von der Divan-Dichtung des osmanischen Hofes abhob, und die Wärme, mit der er über Anatolien schrieb. Auf Zettelchen wurden die Verse in die Freiheit geschmuggelt; während seiner längsten Gefängnisstrafe, die Hikmet von 1938 bis 1950 verbüßte, entstand so sein großes, ungezügelt wildes Epos „Menschenlandschaften“. Sehr eindrücklich hat Adalet Agaoglu in ihrem im vergangenen Jahr bei der Türkischen Bibliothek auf deutsch erschienenen, wunderbaren  Roman „Sich hinlegen und sterben“ („Ölmeye Yatmak“) beschrieben, wie ihre Protagonistin Aysel die auf diese Weise heimlich verbreiteten Gedichte wie einen Schatz hütet. Die Verehrung des jungen Mädchens für Hikmet geht so weit, dass sie sich von ihrer Familie fortstiehlt, um ihn im Gefängnis besuchen will. Doch der Wärter lässt sie nicht durch.

 Als Nazim Hikmet kurz nach seiner Entlassung, gezeichnet von den Strapazen der Haft, zum Militärdienst eingezogen werden sollte, kam das einem Todesurteil gleich. Hikmet flüchtete mit einem Motorboot über das Schwarze Meer. Seine Heimat hat er niemals wieder gesehen: Er starb in Moskau und liegt dort begraben. Seiner Rückführung in die Türkei steht nun nichts mehr im Weg. Der Dichter soll sich immer gewünscht haben, in seinem geliebten Anatolien zur Ruhe gebettet zu werden.


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