Haymat

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Mehr als zwei Millionen Menschen türkischer Abstammung leben in Deutschland. Was sie beschäftigt, wissen wir zu wenig. Ihre Referenzpunkte liegen

Ermittlungen wegen Armenier-Petition

| 21 Lesermeinungen

Sich in der Türkei öffentlich zur Armenierfrage zu äußern, ist riskant: Die Staatsanwaltschaft Ankara hat gegen die Initiatoren der Armenier-Petition Ermittlungen nach Artikel 301 eingeleitet. Das letzte Wort hat jetzt der Justizminister.

Dass es so kommen würde, war eigentlich nur eine Frage der Zeit: Die türkische Staatsanwaltschaft in Ankara hat am Freitag Ermittlungen gegen die Urheber der Armenier-Kampagne im Internet eingeleitet. Bis jetzt haben 27 259 Menschen die Petition, bei der man sich für die „große Katastrophe von 1915″ entschuldigen kann – gemeint ist der Völkermord an den Armeniern – eingeleitet. Wie die Nachrichtenagentur Anadolu gemeldet hat, reagierte die Staatsanwaltschaft damit auf eine Strafanzeige von sechs türkischen Bürgern. Sie werfen Organisatoren und Unterzeichnern der Aktion vor, die offizielle türkische Haltung in der Armenierfrage als „Leugnung“ zu verunglimpfen und die türkische Nation doch des Völkermordes zu bezichtigen; das rechtfertige eine Anklage nach dem Strafrechtsparagrafen 301 wegen „Verleumdung der türkischen Nation“. Für eine Anklageerhebung wegen dieses Straftatbestands, der mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden kann, bedarf der zuständige Staatsanwalt einer Erlaubnis des Justizministeriums. Der Artikel wurde in den vergangenen Jahren immer wieder dazu benutzt, um Intellektuelle und Journalisten wegen Äußerungen zur Armenierfrage vor Gericht zu stellen. Unter ihnen waren zum Beispiel der Schriftsteller Orhan Pamuk und die Autorin Elif Safak.

Armenien, mehrere westliche Staaten und ein Großteil der internationalen Forschung sehen es als erwiesen an, dass bei den Massakern zwischen 1915 und 1917 bis zu 1,5 Millionen Menschen starben und sprechen von Völkermord.  Die türkische Regierung weist den Völkermordvorwurf zurück, setzt die Zahl der Opfer weit niedriger an und argumentiert, die Armenier seien im Zuge einer Umsiedlungsaktion unter Kriegsbedingungen ums Leben gekommen. Außerdem seien bei Aufständen der Armenier im Osmanischen Reich Hunderttausende muslimische Türken getötet worden.

Wie empfindlich viele auf andere Sichtweisen reagieren, konnte man in den vergangenen Dezemberwochen auch hier im Blog verfolgen. An dieser Stelle ein Hinweis an „superpirtek“, „hurraturkye“ und alle übrigen, die hier anonym Dampf ablassen wollen und denen es bei dem Thema Armenien wahrscheinlich schon wieder in den Fingern juckt: Die Zeit und Mühe, antisemitische Bemerkungen, Beschimpfungen und auch Drohungen gegen die Autorin zu formulieren können Sie sich sparen. So etwas wird hier nicht veröffentlicht. Diskussionsbeiträge dagegen sind herzlich willkommen.    

 

 

 

 


21 Lesermeinungen

  1. Aror sagt:

    Ich habe den Eindruck, dass...
    Ich habe den Eindruck, dass das Armenier-Thema (mit all seinen „Unterthemen“)für viele türkische oder türkischstämmige Bürger alles Andere ist als eine ernsthaft zu diskutierende Frage. Und das ist leider so!
    Zur internationalen Anerkennung:
    Die Zahl der Staaten, die den Armenier-Genozid anerkennen, vermehrt sich, aus welchem Grund auch immer, rasch. Es gibt gar keine „Lobbyisten“ (eine der wichtigsten Gründe der Anerkennung – im Munde der Leugner) und sehr wenige Armenier…in der Slowakei. Sie wird aber ihren Grund in dieser ihrer Haltung haben. Über die Hälfte der Staaten der USA haben es schon anerkannt. Die Arbeit soll und wird, so sieht es aus, weiter gehen.
    Zu ASALA:
    Die armenische Untergrundorganisation hatte ihre „Waffen“ nur gegen die Diplomaten der Türkischen Regierung, also die offiziellen Vertreter der Regierung, gerichtet. UND: Die Kämpfer hatten ihre Ziele deutlich formuliert!
    ASALA hat in den 80ern aufgehört, weil seine Ziele einigermaßen erreicht waren: internationale Aufmerksamkeit auf das Thema zu wecken.
    Heute gibt es keine solche Aktionen mehr. Denken Sie z. B. an die Terroraktionen jüdischer Bürger an die Vertreter der Besatzungsmacht England kurz vor der Gründung des Staates Israel.
    Es werden immer Armenier-Genozid-Leugner, einzelne Personen, geben. Die „Theorie“ der Auschwitz-Lüge ist dabei ein gutes Beispiel. Die Türkei als Regierung aber darf und durfte keine Leugner-Regierung sein und bleiben! Mein „Feind“, so nun etwas persönlich, sind nicht „die Türken“ und die Türkei, auch nicht die Türkische Regierung selbst, sondern die Leugnungspolitik der Regierung, egal wo und in welcher Art sie auftaucht!

  2. Aror bestätigt genau dass,...
    Aror bestätigt genau dass, was ich zuvor bereits geschrieben hatte.
    Einfach von einer gewissen Sympathie für die eine oder andere Seite angetrieben eine nackte Behauptung in den Raum gestellt.
    Gratulation!!!

  3. Aror sagt:

    Wenn Sie unter "Sympathie"...
    Wenn Sie unter „Sympathie“ auch „Stellungnahme“ verstehen, dann bin ich einverstanden. Ja, entweder ist man auf dieser oder auf der anderen Seite, WENN man die Freiheit der Entscheidung hat. Diese Entscheidungsfreiheit ist u.a. auch in Bezug auf den Armenier-Genozid in der Türkei leider immer noch nicht vorhanden (vgl. den Titel des Beitrags oben!).
    Wenn sich Wissenschaftler gegen die offizielle politische Meinung äußern, sollen sie wenigstens mit Gericht und Haft rechnen. Hrant Dink hat dafür „mehr“ bezahlt. Diese Haltung der Türkischen Regierung ist mir, wenn Sie so wollen, überhaupt nicht sympathisch.
    Sympathisch ist mir jede Haltung, die der Wissenschaft, den Wissenschaftlern, den Schriftstellern, den Journalisten und den Intellektuellen im Allgemeinen einen freien Denkraum bietet.
    Auch die Leugnung des Genozids hält die Erinnerung bei den Armeniern, vermute ich, wach.

  4. Aror sagt:

    Wenn Sie unter "Sympathie"...
    Wenn Sie unter „Sympathie“ auch „Stellungnahme“ verstehen, dann bin ich einverstanden. Ja, entweder ist man auf dieser oder auf der anderen Seite, WENN man die Freiheit der Entscheidung hat. Diese Entscheidungsfreiheit ist u.a. auch in Bezug auf den Armenier-Genozid in der Türkei leider immer noch nicht vorhanden (vgl. den Titel des Beitrags oben!).
    Wenn sich Wissenschaftler gegen die offizielle politische Meinung äußern, sollen sie wenigstens mit Gericht und Haft rechnen. Hrant Dink hat dafür „mehr“ bezahlt. Diese Haltung der Türkischen Regierung ist mir, wenn Sie so wollen, überhaupt nicht sympathisch.
    Sympathisch ist mir jede Haltung, die der Wissenschaft, den Wissenschaftlern, den Schriftstellern, den Journalisten und den Intellektuellen im Allgemeinen einen freien Denkraum bietet.
    Auch die Leugnung des Genozids hält die Erinnerung bei den Armeniern, vermute ich, wach.

  5. corci sagt:

    Immer öfter denke ich in...
    Immer öfter denke ich in Deutschland an Geschichtenüberlieferung, die uns von unserem Lehrer erzählt wurde . Exkurs in der türkischen Geschichte gibt es einen Helden der hiess Köroglu übersetzt Sohn des erblindeten.
    „Eines Tages ritt Köroglu durch ein Dorf und hörte eine alte Frau schmipfend .Sie fluchte “ Oh Du Sohn des erblindeten deine Augen sollen auch erblinden “ Oh Du Sohn des erblindeten deine Augen sollen auch erblinden“ .
    Als Köroglu dies hörte stieg er von seinem Pferd ab und fragte Sie “ Oma was hat Dir denn dieser Köroglu angetan ? Warum fluchst Du über Ihn ? . Sie antwortete “ ahh mein Sohn jeder sagt es und ich sage es auch.

  6. Aror sagt:

    Damit wir die Ebene des...
    Damit wir die Ebene des angeblichen Mythos einigermaßen verlassen können, würde ich die Lektüre einer deutschsprachigen Dokumentensammlung aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts empfehlen:
    Wolfgang & Sigrid Gust (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts (https://www.armenocide.de/armenocide/armgende.nsf/WebStart_De?OpenFrameset).
    Die deutschen Quellen sind besonders wichtig, weil, wie wir schon alle wissen, das Deutsche Kaiserreich mit dem Osmanischen Reich militärisch verbunden war. Also es handelt sich hier um die Quellen des Kriegspartners und nicht des Feindes!
    Übrigens, ich habe mich an das Folgende erinnert: Einmal sollten wir in einem Unterrichtsraum den Tisch woanders hintragen. Die türkische Kollegin neben mir hat den Tisch angefasst und sagte: „Wie schwer ist es! Wie eine armenische Leiche!“

  7. asso1396 sagt:

    ..jeder schreibt irgendetwas...
    ..jeder schreibt irgendetwas über ein heikles Thema, welches ich denke für BEIDE Nationen tragisch endete,wobei die überwiegende Mehrheit der Türken gar nicht leugnet das es 1915 eine Katastrophe gab und hunderttausende,jedoch auf BEIDEN Seiten starben,wobei wir uns gegen die Behauptung VÖLKERMORD streuben. Einen Genocid bzw. Völkermord einem Volk anzuhängen OHNE wirklich historische Fakten zu analisieren und zu prüfen,die Lügenmärchen der armenischen Diaspora zu glauben, ohne BEIDE Seiten anzuhören ist NICHT FAIR gegenüber dem türkischen Volk und NICHT ZU AKZEPTIEREN!
    FAKTEN und BEWEISE liebes FAZ-TEAM und KEIN NACH „BLABBERN“ was die DIASPORA (ASALA u. co) als JAHRHUNDERLÜGE in die WELT setzt. Ja,der ewige Komplex in der Hirnmasse, welcher die drei Affen spielt(NICHTS sehen,hören,sagen) bzw. Unwahrheiten verbreiten und dann kennen einige noch nicht mal die Geschicht oder wissen etwas über die Osmanen bzw. Jungtürken und Armenier. Seit doch mal FAIR und NICHT undemokratisch und so voreingenommen in euren Kommentaren, ist das denn wirklich so schwer? Anscheinend JA!
    Ich persönlich werde mich nicht entschuldigen, für was denn???..für die Massaker der Franzosen an den Algeriern?..oder für die Massaker der Serben in Srebrenica ..oder für die Massaker der Spanier in Marokko..oder für die Massaker der belgischen Kolonialherren in Kongo..oder für die Massaker der Italiener (Mussolini) in Ethopien und Ex-Yugoslavien..oder für die Massaker der alten fachistischen zypriotischen Regierung an den Türken usw. …ich könnte höchstwahrscheinlich diese Liste bis zum Unendlichen weiterführen! Wir Türken sind uns unserer Geschichte bewusst und müssen NICHT etwas von den Europäern vordiktiert bekommen, geschweige denn lernen, desweiteren wird das türkische Volk nie und nimmer mit den LÜGENMÄRCHEN der Diaspora (Asala u. co) so etwas akzeptieren. Die Armenier sollten sich bei uns entschuldigen,aber das würde nie passieren, da sonst 80 Jahre armenische Geschichte auf einen Schlag versinken würde! Wie viele Ausländer leben in Armenien bzw. Türken,kann mir das jemand sagen??? Warum sind dieses Jahr fast 30-40 tausend Armenier in die Türkei geflüchtet??? Warum leben die Armenier in der Türkei friedlich mit den Türken zusammen und haben keine Probleme und verabscheuen die Genocidthese Ihrer Landsleute in Armenien??? Warum gibt es in der Türkei armenische Kirchen und den armenischen Patriachen aber in Armenien keine einzige Moschee???
    Warum gibt Armenien KEINEM HISTORKER …KEINEM einzigen Ausländer einen Einblick in seine Staatsarchive, aber in der Türkei kann JEDER, wann und wie er will die staatlichen Archive studieren. Ich und viele haben es SATT…meine Generation und die kommenden türkischen Generation können NICHT ständig mit einer solchen Beschuldigung leben, lange Zeit haben wir Türken nichts gesagt, wir waren Stumm, denn unsere Geschichte, unsere Religion, unsere Heldensagen verbieten solche Greultaten..ABER JETZT REICHT ES WIRKLICH UND DAS FASS LÄUFT ÜBER!!!
    Ein türkisches Sprichwort sagt: Ein Türke hat nur DEN TÜRKEN ALS WAHREN FREUND…es hört sich nationalistisch an für die Europäer, aber wisst Ihr was? Wenn ICH mir so alles anschaue, alles was so in den letzten 20-30 Jahren in Europa passiert ist, mir die Geschichte so anschaue, dann hat dieses Sprichwort bestimmt einen SINN!!!
    Wenn schon falsch dann richtig…. http://www.ozurdilemiyorum.net
    https://de.youtube.com/watch?v=n3SrCJa3Qvo&feature=channel_page (8 teilige ausführliche DOKU in deutscher Sprache über DIE WAHRHEIT mit Fakten und BEWEISEN)

  8. Aror sagt:

    Sie finden fast keine...
    Sie finden fast keine armenische Familie, sowohl in der Republik Armenien als auch in der Diaspora, die in ihrer Geschichte die Genozid-Erfahrungen nicht beinhaltet. Eines oder mehrere Mitglieder der Familien sind ermordet worden; die Geschchten sind weitergegeben worden; es ist ein kollektives Bewußtsein entstanden, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
    Am Anfang dieses Bewußtseins steht nicht die Erziehung in der Schule oder in anderen kulturellen Institutionen und Vereinen, sondern die in der Familie. Es kann nicht sein, dass alle Familien und Familiengeschichten lügen oder alle „Phantasien“ der Leiderfahrung haben!
    In der Türkei hingegen gibt es keine Familiengeschichte in diesem Sinne.
    (Man trifft natürlich hier und da türkische Bürger, die behaupten: „Ja, meine Eltern haben die Armenier ermordet!“ Es gab auch Reaktionen und Massaker seitens der armenischen Revolutionäre, als Racheaktion, aber erst nachdem die große Mehrzahl der Armenier des Kleinasiens deportiert und auf dem Weg massakriert worden war. (Vergleichen Sie die Angriffe von General Antranig!) Also, daran sieht man, dass es um eine Reaktion und nicht um eine Aktion ging. Außerdem, man darf nicht die staatliche Armee mit den Gruppen der Partisanenkämpfern vergleichen!)
    Die türkischen Kinder in der Türkei (auch die der Minderheiten, unter denen die der Armenier!) sollen an der Schule lernen, dass die Armenier ihre Feinde wären. Sie hätten so und so gehandelt.
    In der Türkei macht das staatliche, von oben bestimmte Verbot der freien Auseinandersetzung mit der Geschichte den Genozid als eine nicht akzeptierbare Sache! Das wird aber irgendwann ein Ende haben, weil es einfach nicht weiterzuführen ist. Es sind türkische Intellektuelle, die es offen benennen. Die Kampagne hat den Begriff „Genozid“ zwar nicht benutzt, aber das wird auch irgendwann kommen.
    Irgendwann wird es klarer, dass es dabei überhaupt nicht um eine sogenannte „Genozid-Lüge“ geht, sondern der Druck von oben macht es zu einer Lüge und läßt keinen Raum für eine andere Definition: Wenn man Türke ist, muss man den Genozid leugnen. Man hat es zum Bestandteil der türkischen Identität gemacht. Es ist überhaupt nicht erstaunlich, dass der Rechtsanwalt, der den Fall Perincek in der Schweiz verteidigte, sagte: „Sie [also die Angeklagten] „leugnen“ den Genozid, indem sie das Vaterland lieben!“ Also, das Vaterland zu lieben, heißt den Genozid an den Armeniern zu leugnen.
    Ich wiederhole, ich bekämpfe das System und nicht den Staat selbst! Manche Türken aber, die selbst Opfer der Situation sind, überhaupt nicht!

  9. Haytad sagt:

    Ich habe erst neulich die...
    Ich habe erst neulich die Kommentare hier gelesen und möchte
    meinerseits einiges zur Sprache bringen, vor allem für asso 1396.
    Erstens: Ich kenne kein einzigen armenischen Historiker, Wissenschaftler, Intellektuellen oder Politiker der wegen des Völkermords an den Armeniern das türkische Volk in seiner Gesamtheit beschuldigt. Daher dient jedes Wort das damit anfängt:“ Das türkische Volk hat in seiner gesamten Geschichte zur keinem anderen Volk etwas Böses getan“, nur zur Volksverhetzung gegen die Armenier. Wir beschuldigen nicht das türkische Volk und auch nicht die Republik Türkei als Urheber des Völkermordes, wir verlangen jedoch von der Türkei, als Nachfolger des Osmanischen Reiches, den Völkermord an den Armeniern zwischen 1915-1918 als eine historische Tatsache offiziell anzuerkennen. Tun die Machthaber der Türkei das nicht, dann fügen sie selbst dem türkischen Volk großen Schaden zu. Weil das Bewußtsein, politische Fragen mit Ausübung der Gewalt zu lösen, hat immer noch seine Gültigkeit in der türkischen Assimilationspolitik gegen die Minderheiten des Landes. Jüngstes Beispiel dafür war die Ermordung Hrant Dinks, aber auch seit der Gründung der Türkei hat es viele Beispiele dafür gegeben, so zum Beispiel: Dersim, in den Dreißigern wo zehntausende Dersim-Kurden niedergemacht wurden, die Vermögenssteuer während des Zweiten Weltkrieges gegen die Nicht-Muslime, die Einberufung der Nicht-Muslime zum Militärdienst während des Zweiten Weltkrieges, die man mit größter Wahrscheinlichkeit getötet hätte, wenn der damalige Generalstabschef der türkischen Armee, Mareschal Fevzi Cakmak nicht dazwischen gefunkt hätte.
    Die Tumulten des 6.-7. September 1955 in Istanbul und Izmir, von der türkischen Seite wird nun selber zugegeben, dass der Bombenwerfer auf das Geburtshaus Atatürks in Thessaloniki selber ein türkischer Agent der MIT (Milli Istihbarat Teskilati) war. Die Abschlachtung hunderter von Allewiten in den Siebzigern, in Marasch, die Rechtsradikalen die dieses Massaker organisiert und durchgeführt haben sind nach ein Paar Jahren wieder freigelassen worden und jetzt schiebt man die Schuld dem verstorbenen Hrant Dink zu. Über dreißig Alewiten wurden vor kurzem in dem Madimak-Hotel in Sivas getötet, der weltberühmte türkische Satiriker, Aziz Nesin hat dabei gerade noch sein Leben retten können, nach seinem Tod wurde er auf seinen Wunsch hin so beerdigt, dass niemand sein Grab stören kann, denn es weiß niemand wo er begraben ist. Oder die Tötung von über dreißig Teilnehmern des 1. Mai Feiertages, im Jahre 1977 auf dem Taksim-Platz in Istanbul.
    All das spricht eine Sprache für sich, man kann jedoch dieses Bewußtsein nicht aus der Welt schaffen, wenn man sich den damaligen türkischen Staatspräsidenten, Süleyman Demirel als Vorbild nimmt, der nachdem er den Leichnam vom echten Vaterlandsverräter Enver, der damals seine eigene Heimat den Alliertten überließ und ins Ausland abgehauen ist und hunderttausende türkische Soldaten in Sarikamis grundlos in den Tod schickte, in die Türkei bringen ließ um ihn „ehrenvoll“ in dem Gefallenenfriedhof in „Hürriyet Tepesi“ Istanbul beerdigen zu lassen und dabei wörtlich gesagt hatte: „Enver Pascha ist in den Augen des türkischen Volkes ein Nationalheld“. Na, Hut ab Herr Demirel, man stelle sich vor, der Deutsche Staatspräsident sagt das Gleiche über Hitler, man kann es sich nicht vorstellen was dann passieren würde.
    Zweitens: Sie behaupten, dass Sie sich ihrer eigenen türkischen Geschichte bewusst sind, das glaube ich nicht und wissen sie warum? Das will ich Ihnen jetzt ausnahmsweise verraten: Euer Ministerium für Erziehung heißt:“Milli Egitim Bakanligi“ (Nationale Erzihungs Ministerium). Solange die Erziehung in der Türkei nationalistisch ist, wird es auch nur unter dem Aspekt des Nationalismus gelehrt.
    Drittens: Sie behaupten die Armenier in der Türkei leben friedlich mit den Türken. Mit den Türken vielleicht ja, aber sie sind mit der Unterdrückung des türkischen Staates wirklich nicht zufrieden, der beste Beweis dafür ist, dass obwohl die Bevölkerungszahl der Türkei seit ihrer Gründung siebenfach zugelegt hat, ist die Bevölkerungszahl der Armenier seit der Gründung der Türkei um die Hälfte weniger geworden.
    Viertens: Sie behaupten dass der Völkermord an den Armeniern ein Märchen sei. Um das festzustellen brauchen Sie jedoch ihre Machthaber zu fragen was „Takvim-i- Vekayi“ ist. Aber ich möchte Ihnen die Mühe sparen, es war das offizielle Blatt der Osmanischen Regierung und in diesem Blatt sind die Protokolle des Osmanischen Kriegsgerichts veröffentlicht worden, dass
    damals in Istanbul gegen die Ittihad ve Terakki Partei geführt worden war. In diesen Protokollen können Sie selbst lesen, was so mancher Osmanischer Militär
    und Regierungsangehöriger ausgesagt haben, so zum Beispiel ein Regierungsangehöriger: „Das grundlegende Ziel der Deportation war die VERNICHTUNG der Armenier“. Oder ein anderes Beispiel, die Aussage von Wehib Pascha:“ Die Massaker und die Vernichtung der Armenier sowie deren Beraubung und Ausplünderung war schon von Anfang an von dem Zentralkomitee der Ittihad ve Terakki Partei beschlossen worden und dass Bahaeddin Sakir auf dem Gebiet der dritten Armee die Menschenschlachter (in türkisch wörtlich, insan kasaplari) zu Räuberbanden organisiert hat und deren Anführer war. Wollen Sie vielleicht auch behaupten, dass sogar selbst Mustafa Kemal Atatürk gelogen hat in dem Interview den er dem Journalistin Emile Hildebrand gegeben hatte, das im Juli 1926 in „Los Angeles Times“ veröffentlicht wurde. Was Atatürk, Gründer der Türkischen Republik und Retter der türkischen Nation dort gesagt hat über die Ittihadisten, das sage ich Ihnen jetzt, lesen Sie es gut durch: “ Trotz der Millionen von unseren christlichen Staatsbürgern, die in Massen gnadenlos aus ihren Häusern deportiert und massakriert wurden und für deren Leben die ehemalige Jungtürken-Partei zur Rechenschaft gezogen werden müsste, wurden die Überreste dieser Partei unter republikanischer Verwaltung nicht anständig. Sie haben bis jetzt mit Plünderungen, Raub und Korruption gelebt . . .. Sehr geehrter asso 1396, können Sie auch keine Parallele von dieser Aussage zu der heutigen Ergenekon Frage ziehen.
    Ich weiß Sie möchten von einem Armenier- wie ich es bin und gerade auch vielleicht deswegen weil ich ein Türkisch-Armenier bin und schon damals, in den Sechzigern gelernt habe, dass man in einer privaten armenischen Grunschule in Istanbul ausserhalb des Klassenzimmers nicht armenisch sprechen durfte- absolut nichts lernen. Aber erlauben Sie mir bitte nur das eine zu sagen: Erforschen sie selber die Wahrheit, „denn die Wahrheit wird Sie frei machen“. Möchten Sie vielleicht auch nicht frei sein, wenn Sie nicht einmal das möchten, dann tun Sie mir wirklich leid.
    Fünftens: Zu Ihrer Information, in Jerewan, Hauptstadt Armeniens gibt es eine teuer reparierte Moschee und die Kurden bzw. Yesiden und andere Minderheiten in Armenien leben frei, gleichberechtigt und in wirklicher Harmonie mit den Einheimischen, das hab ich selbt erforscht, daher weiß ich es.
    Sechstens: In den türkischen Archiven sind seitens des Türkischen Staates nur solche Informationen freigegeben worden, die der offiziellen Meinung des Türkischen Staates in der Armenischen Frage von Nutzen sind. Wie ansonsten kann es wohl anders sein, wenn doch dieser Staat, jeden aufgrund des
    Artikels 301 des Türkischen Strafgesetzbuches verurteilt, der die offiziell verbreitete Lüge über die Armenier anzweifelt.
    So und zum Schluss möchte ich noch kurz etwas hinzufügen: Für uns Armenier ist es eigentlich völlig egal ob Sie sehr geehrter asso 1396 und ihre Gleichgesinnten die Wahrheit erfahren möchten oder nicht. Wissen Sie warum, weil wir Diaspora-Armenier mit dieser Wahrheit aufgewachsen sind und gelernt haben den Schmerz des Völkermordes an unseren 1,5 Millionen Opfer stets in unseren Herzen zu tragen. Diesen Schmerz kann uns keine Macht der Erde wegnehmen, es ist zu einem wesentlichen Teil unserer Identität geworden. Wenn wir nun darum kämpfen, dass die Wahrheit des Völkermordes ans Tageslicht kommt, dann tun wir es aus dem einzigen Grund: WIR KÖNNEN ES NICHT MEHR ERTRAGEN, DASS DIE MENSCHEN AUS IHRER LEIDVOLLEN GESCHICHTE NICHTS LERNEN.
    Jedoch falls Sie denken, dass wir Diaspora-Armenier Rache von den Türken nehmen wollen, dann irren Sie sich gewaltig. Und wissen Sie warum, na gut, zum allerletzten Mal möchte ich Ihnen auch das verraten: Wir haben schon längst unsere Rache an unseren Mördern genommen, nicht in dem wir das Leben des Menschen, was eigentlich nach unserem Verständnis ein
    Geschenk Gottes ist, ein Ende setzten, sondern vielen Menschen das Leben
    schenkten. So wie meine lahme Großmutter aus Sivas, die auf wundersameweise den Völkermord überlebt hat und um ihre Eltern und Geschwister, die während des Völkermordes ums Leben kamen, zu rächen, vier Tochter und vier Söhne in Sivas zur Welt gebracht hatte. Und darum hat ein Granatapfel bei uns Armeniern eine besondere symbolische Bedeutung, denn ein Granatapfel vermehrt sich in viele Stücke wenn man es zerschlägt. Kurz gesagt, wir haben seit über 5000 Jahren überlebt und werden weiter überleben, uns kann nicht einmal der Völkermord ausrotten.
    Ich bedanke mich bei FAZ, dafür dass diese Zeitung mir die Möglichkeit gab hier schreiben zu dürfen, hoffe dass dieses Schreiben in ihrem vollen Umfang hier veröffentlicht wird und verbleibe
    mit freundlichen Grüßen
    Haytad

  10. Stavridi sagt:

    Einer der namhaftesten...
    Einer der namhaftesten Forscher im deutschsprachigen Raum auf diesem Gebiet ist Hans Lukas Kieser, der die Ereignisse klar als Völkermord wertet.
    Tessa Hofmann beleuchtet dazu einen interessanten Nebenaspekt.

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