Haymat

Superheld

In der Türkei war der türkische Ministerpräsident für viele schon immer ein Held. Sein Auftritt in Davos in der vergangenen Woche aber hat Tayyip Erdogan zum Superhelden werden lassen – nicht nur in der Türkei, sondern auch in der gesamten arabischen Welt. „Er hat das ausgesprochen, was die Türken, die Menschen in der Region und in aller Welt denken. Ich danke Herrn Erdogan für diesen Schritt“, jubelte etwa der iranische Ministerpräsident Mahmud Ahmadineschad. Der iranische Ajatollah Naser Makarem Shirazi lobte Erdogans bisherige Bemühungen um den Frieden im Nahen Osten. „Wenn das Nobelpreiskomitee Herz und Mut hat, dann sollte es Erdogan den Friedensnobelpreis verleihen“, sagte er.

Bei Erdogans Rückkehr in die Türkei versank der Flughafen in einem roten Fahnenmeer. Bei der wenig später gestarteten landesweiten Telefonumfrage begrüßten achtzig Prozent der Türken das Verhalten ihres Ministerpräsidenten, nur zehn Prozent lehnten es ab. Die eigens für Erdogan am Wochenende eingerichtete Internetseite www.davosfatihi.com, auf deutsch: „Der Eroberer von Davos“, zeigt Erdogan mit Hand aufs Herz gelegter Pose beim Fahnenappell und zitiert die positiven Reaktionen auf den Eklat: Von Stolz und Ehre der Türken ist da die Rede und von Erdogans Mut, den Angriff auf Gaza in aller Öffentlichkeit ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ genannt zu haben. Auch die Emotionalität, mit der Erdogan das Podium verließ, als sei er ein türkischer Familienpapa, der gerade im Fernsehen die neusten Schreckensbilder aus Gaza gesehen hat, sorgte für Freude: Der politische Diskurs in der Türkei ist ohnehin von einer starken Emotionalität geprägt, diplomatische Zurückhaltung dagegen verpönt. „Monsers“ – „Monsieurs“ werden Politiker, die sich auf den Empfängen westlicher Regierungen vergnügen und dabei nur gefallen wollen, anstatt auf die eigenen politischen Positionen zu bestehen, dort umgangssprachlich genannt.

Seit dem Beginn der Offensive am 27. Dezember hatte die türkische Öffentlichkeit den Krieg mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, hatte es immer wieder wütende Demonstrationen gegen die israelische Politik gegeben, hatte Erdogan die Beendigung des Krieges zum Primat seiner persönlichen Agenda erklärt. Die große Empörung ist dabei nicht einzig auf menschliche Anteilnahme zurückzuführen, sondern hat auch soziopolitische Hintergründe. Vor allem in der Weltsicht konservativer Muslime bilden die arabischen Staaten und die Türkei eine Einheit aus Geist, Kultur und Glauben – da ist es selbstverständlich, dass man besonders vehement für die palästinensischen Belange Eintritt. Dass Erdogan von der israelischen Regierung ein Verhalten verlangt, das er im eigenen Land nicht halten kann, fällt in der Öffentlichkeit dagegen kaum ins Gewicht. Nur der Kolumnist Ertugrul Özkok erinnert in der Zeitung „Hürriyet“ daran, dass Erdogan sich weigert, dem demokratisch gewählten Repräsentanten der prokurdischen Partei im Parlament die Hand zu reichen, während er gleichzeitig die israelische Regierung mahnt, die Hamas nicht politisch zu isolieren. „Das Schicksal des Landes sollte von mehr Rationalität geleitet werden. Derartige Ausfälle mögen dazu geeignet sein, den Mob stolz zu machen und zu mobilisieren, Massenbewegungen, die durch eine theatralische Show von Wut erreicht worden sind, haben einer Nation aber noch nie dauerhaftes Glück gebracht“, schreibt Özkok weiter.

Kritisiert wurde der Auftritt Erdogans auch von Deniz Baykal, dem Parteivorsitzende der Republikanischen Volkspartei CHP. Erdogans Empörung sei menschlich nachvollziehbar, dürfe aber nicht für innenpolitische Zwecke missbraucht werden und die antisemitische Stimmung im Land schüren, sagte er. Auch die linksliberale Zeitung „Radikal“ beurteilte den Eklat von Davos als einen diplomatischen Fehler, hinsichtlich der bevorstehenden Kommunalwahlen im März aber als innenpolitischen Sieg für Erdogan.

Jüdische Organisationen in der Türkei befürchten jetzt einen Anstieg des Antisemitismus in der Türkei. Silvyo Ovadya, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, sagte in der Zeitung „Milliyet“: „Jeder kann Israel kritisieren. Aber wenn man jede Äußerung gegen die israelische Politik mit Bemerkungen über Juden eröffnet, dann kann das leicht zu deren Verdammung führen.“ Dieser Meinung sind auch viele der bei der Telefonumfrage interviewten Türken: Siebenunddreißig Prozent von ihnen glauben demnach, dass Erdogans Äußerungen den Antisemitismus in der Türkei neuen Nährboden schaffen wird.

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