Hier. Und jetzt?

Ungarn? Dann lieber zurück nach Syrien

Als zwei ungarische Polizisten ihm die Finger auseinander biegen und sie gegen seinen Willen erst in die Tinte, dann auf das Registrierungspapier drücken, da hat Ayham Alshaabi schon davon gehört, dass das nicht gut für ihn ist. Aber er weiß noch nicht genau, warum. Wochen später, auf seinem Bett in einer Flüchtlingsbaracke in Hattersheim bei Frankfurt, liest er den Brief, in dem zwar auch nicht steht, warum genau es nicht gut für ihn ist, aber immerhin, wie es heißt. „Verordnung zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist“, kurz: Dublin III.

###© Denise PeikertAyham Alshaabi, 22

Ayham Alshaabi fragt einen Anwalt, und versteht, plötzlich und brachial, was der Moment bedeutet, in dem sie ihm in einem schummrigen Polizeigefängnis, nach zwei Tagen ohne Essen und Trinken, seine Fingerabdrücke abgerungen haben: Er soll zurück nach Ungarn, innerhalb der Europäischen Union darf er nur dort seinen Asylantrag stellen.

Seit der Brief gekommen ist, denkt der 22 Jahre alte Syrer die meiste Zeit über Dublin III nach. Etwas anderes hat er sowieso nicht zu tun, darf er nicht zu tun haben. An einem Tag hört er, dass Deutschland davon absehen wolle, Syrer nach dem Dublin-Verfahren nach Ungarn zurückzuschicken. Am nächsten bekommt er einen zweiten Abschiebe-Brief. Er versteht inzwischen, wie das System funktioniert, aber er wundert sich trotzdem. „Sie wollen uns doch in Ungarn gar nicht“, sagt er, und meint damit auch: Ihr in Deutschland, ihr wollt uns.

Es liegt Trotz in diesem Satz, denn ob Deutschland ihn will, ist noch nicht entschieden. Auf seinem Papier, das der Main-Taunus-Kreis Alshaabi ausgestellt hat, steht das Datum, bis zu dem die Entscheidung in der Luft hängt wie kalter Rauch:  5. Januar 2016, bis dahin ist seine Abschiebung ausgesetzt. Bis dahin will er noch darum kämpfen, hier bleiben zu dürfen.

Nach Ungarn will er nicht, sagt er. „Falls sie mich abschieben, gehe ich lieber zurück nach Syrien.“

© FAZ.NET/Carsten FeigDie Fluchtroute von Ayham Alshaabi

Alshaabi ist in Damaskus geboren, er hatte gerade angefangen, Wirtschaft zu studieren, als der Krieg losging. Der kurze Fußweg von seiner Wohnung zur Universität hätte ihn jeden Tag umbringen können. Er wollte nicht sterben, er war 19. Also machte er sich mit seinem Freund Bahaa Edden Sokia auf in die Türkei. Zweieinhalb Jahre blieben sie da, arbeiteten in einer Kleiderfabrik, und begriffen, dass der Krieg in ihrer Heimat nicht aufhören würde.

„Ich war sicher, wir sterben“

2015 schließlich, an einem Märzmorgen, steigen Alshaabi, Sokia und 28 andere in Izmir in ein Gummiboot. Der Schlepper bringt einem von ihnen bei, wie es zu steuern sei, zehn Minuten dauert das. Draußen auf der Ägäis geht der Motor aus, das Boot kommt vom Kurs ab, acht Stunden werden sie auf See sein. „Ich war sicher, wir sterben“, sagt Alshaabi und grinst: „Wenn der Mann am Steuer auf mich gehört hätte, wären wir eher angekommen.“ Der Motor springt schließlich an, und Alshaabi navigiert das Boot mit dem GPS seines Handys zur griechischen Insel Samos.

Alshaabi muss oft lachen, und sein Freund Sokia, mit dem er den ganzen Weg über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach München zurückgelegt hat, mit dem er sich jetzt in Hattersheim ein Zimmer teilt, der muss an den selben Stellen der Geschichte lachen. Zum Beispiel, als Alshaabi von dem einen Schlepper erzählt, der sie in Mazedonien nicht wie versprochen an die serbische Grenze fuhr, sondern zu einem Haus brachte und dort festhielt, bis sie ihm 500 Euro zahlten. Oder als es darum geht, dass sie in Serbien ausgeraubt wurden und der Räuber Alshaabi eine Pistole an den Kopf hielt. Sie lachen auch, als sie erklären, wie sie am Hauptbahnhof München den Bundespolizisten entwischt sind, um alleine nach Gießen weiterzufahren. Sie hatten gehört, dass es gut sei dort.

Sie lachen, weil es so besser zu ertragen ist. Nur an der Stelle, an der es darum geht, wie sie ihre Fingerabdrücke in Ungarn hinterlassen mussten, da lachen sie nicht.

Alshaabi sagt, er sieht seine Zukunft in Deutschland. Er will studieren, er will etwas aus sich machen. Im Moment kann er nur warten, was sein Anwalt für ihn herausschlagen kann. Der Anwalt sagt, es könnte schwierig werden. Alshaabi sagt: „Frankfurt ist so schön.“

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