Hier. Und jetzt?

Hilferuf in der Fußgängerzone

Der Krieg ist zurück in Kundus. Die Stromversorgung ist unterbrochen, das Krankenhaus durch einen versehentlichen Angriff der Amerikaner zerstört. Masoom Gharibyar verfolgt die Nachrichten aus seiner Heimat sehr genau. Der frühere Übersetzer der Isaf-Truppen in Afghanistan hat allein rund 5000 Kontakte auf Facebook. Aus der Ferne, dem sicheren Frankfurt, versucht er, sich ein Bild von der Lage in seiner Heimat zu machen. Er will jede Information haben, wissen, was dort vor sich geht. Und er will etwas tun.

###Gemeinsam mit zehn anderen Afghanen protestiert Masoom (Dritter von links) am vergangenen Samstag auf der Frankfurter Zeil

Deshalb steht er mit zehn anderen Afghanen auf der Zeil, Frankfurts größter Fußgängerzone. Es ist Samstagmittag, beste Einkaufszeit. Jeder der Männer hält ein kleines Plakat in den Händen. „Wir möchten, dass unsere Familien in Sicherheit leben“, steht auf Gharibyars Papier. „Die Taliban töten unsere Familien“, auf einem anderen. Die Männer haben für die Bundeswehr oder deutsche Entwicklungshelfer gearbeitet. Für die Taliban sind sie Feinde. Deshalb hat Deutschland sie ohne langes Asylverfahren aufgenommen.

Die Männer haben die Aktion beim Ordnungsamt angemeldet. Anderthalb Stunden werden sie auf der Zeil stehen. Wie die früheren Ortskräfte in anderen Städten wollen sie auf die Situation ihrer Familien in Afghanistan aufmerksam machen. Die Sicherheit ihrer Eltern, Schwestern, Brüder und Cousinen wird auch in Deutschland verteidigt.

Der Norden Afghanistans ist längst zu gefährlich

Gharibyars Eltern und Geschwister leben längst in Kabul. Zu gefährlich wäre es für sie im Norden, der einst als der ruhigere Teil Afghanistans galt. Doch auch bis in die Hauptstadt reicht der lange Arm der selbsternannten Gotteskrieger. Selbst auf dem Schulhof gebe es Bedrohungen und Beleidigungen, erzählt Gharibyar. Einer seiner jüngeren Brüder werde als Verräter und Ungläubiger beschimpft. Wer mit den fremden Truppen kooperiert hat, gilt den Taliban als westlicher Spion.

Jeder der Männer kann solche Geschichten erzählen. Einer der früheren Übersetzer hat einen Cousin verloren. Die Taliban hätten ihn auf offener Straße hingerichtet, sagt er. Die Männer fühlen sich auch aus der Ferne für ihre Familien verantwortlich. Schließlich haben sie mit der Arbeit für die fremden Truppen ihre Verwandten in die Schusslinie der Taliban gebracht.

Geht es nach ihnen, wird Deutschland weiter helfen, in Afghanistan Frieden zu schaffen. Der Krieg dort gehört weiterhin zu ihrem Leben. Mit der Aktion auf der Zeil, so hoffen sie, haben sie erreicht, dass sich auch die Frankfurter Gedanken über Afghanistan machen. Die Reaktionen haben ihnen Mut gemacht. Ihre Schilder werden sie nicht zum letzten Mal hochgehalten haben.

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