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London Eye

Spend, spend, spend lautete das Schlagwort der letzten Jahre. Die Briten haben ausgegeben, als gäbe es kein morgen – alles auf Pump,

Weihnachtsspaßverderber, Recycling und politische Botschaften

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Wer den Puls der Zeit fühlen will, kann einiges lernen von dem Weihnachtsbaum, den die Londoner Tate seit 1988 jedes Jahr bei einem zeitgenösssichen Künstler...

Wer den Puls der Zeit fühlen will, kann einiges lernen von dem Weihnachtsbaum, den die Londoner Tate seit 1988 jedes Jahr bei einem zeitgenösssichen Künstler in Auftrag gibt. Das Werk wird traditionell in der  Rotunde von Tate Britain aufgestellt. Im vergangenen Jahr legte Fiona Banner eine mit Spielzeugmodellen von Kampfflugzeugen geschmückte Tanne vor, der sie den sarkastischen Titel „Frieden auf Erden“ gab.  In dem Jahr, in dem Tracey Emin an der Reihe war, fanden Besucher statt eines Baumes ein Schild vor mit der Aufforderung, Namen, Adresse und eine Schenkung für eine HIV- und Aids-Stiftung zu hinterlassen. Die Künstlerin hatte auch die für das Museum bestimmte Tanne der wohltätigen Organisation zukommen lassen.

Diesmal will der Künstler, der unter dem Namen Bob and Roberta Smith arbeitet, zum Nachdenken über Konsum, grüne Energie und Abfall motivieren mit einem interaktiven Weihnachtsbaum aus wiederverwertetem Material, darunter Reklameschilder und ein Ölfass. Ganz im Sinne der zahlreichen Anregungen, sich an diesem unter dem Unstern der Rezession stehenden Fest mit Sebstgebasteltem zu behelfen, heißt der Beitag, „Make your own Xmas“. Um die Beleuchtung in Gang zu bringen, müssen Besucher auf den acht am Fuße des Baumes geparkten Fahrrädern strampeln, die mit Stromerzeugern an die Lichter angeschlossen sind.

Bob und Roberta Smiths Idee ist besonders pikant, da Wiederverwertunginitiativen der Kreditklemme zum Opfer zu fallen drohen. Obwohl Recycling in den zahlreichen neuen Büchern mit Tipps für ein der Krisenzeit angemessenes genügsames Leben hoch angeschrieben ist, wissen die Gemeinden nicht wohin mit dem für die Wiederverwertung bestimmten Abfall. Die Preise für den Müll, der oft nach China geschifft wurde, sind in den Keller gefallen und es mehren sich die Berichte, wonach sorgfältig getrennte wiederverwertbare Haushaltsabfälle in Deponien wieder in einem Haufen zusammengeworfen werden. Das kam schon vor den dramatischen wirschaftlichen Einbrüchen vor, doch nun, da sich kaum noch Abnehmer finden, müssen die Gemeinden sogar noch draufzahlen, um das Material zu beseitigen. Teile der britischen Presse, die skeptisch sind über die alarmistische Umwelttyrannei, agitieren schon seit langem gegen das Diktat der kommunalen Recyclingpolitik. Sie melden nun, nicht ohne Schadenfreude, dass die ganze erzwungene Mühe vergeblich sei.

Gläubige lassen sich dennoch nicht entmutigen. Um die Umwelt zu schonen hat eine Grundschule den Ausstausch von Weihnachtskarten verboten und Eltern gebeten, statt dessen Geld zu spenden für die Wohlfahrt. Der Beschluß sei aus „moralischen und ökologischen Gründen“ gefasst worden, läßt die Schule verlautbaren. Die Meldung fällt in die Kategorie der von Jahr zu Jahr lauter werdenen Klage, dass die politisch-korrekte, Multikulti-Gesinnung mutwillig gegen das  traditionelle Weihnachtsfest vorgeht aufgrund der christlichen Assoziationen.

Der Premierminster schenkt weder der Recycling-Lobby noch den Weihnachtsspaßverderbern Gehör und verschickt Karten mit einer betont säisonalen Botschaft. Es gehört zu den alljährlichen Bräuchen, die Weihnachtskarten der führenden Politiker nach unterschwelligen Botschaften zu dekonstruieren. Dieses Jahr bildet keine Ausnahme.

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Will Gordon Brown mit der festlich geschmückten Tür von 10 Downing Street ein Sinnbild für die Macht und Autorität seines Amtes verbreiten, um jene Kritiker Lügen zu strafen, die im Sommer vorschnell das Ende seiner Karriere voraussagten? Oder distanziert er sich abermals von seinem Vorgänger und langjärigen Rivalen Tony Blair, der Familienfotos zu verschicken pflegte? Womöglich will Brown bloß seinem Widersacher auf der gegenüberliegenden Seite des Parlamentes einen Denkzettel verpassen. Oppositionsführer David Cameron hat sich nämlich nach dem Vorbild von Blair ebenfalls für eine Darstellung der trauten Familie entschieden, obwohl Brown ihm vor einigen Monaten vorwarf, dass er seine Kinder für politische Zwecke instrumentalisiere. Der Premierminister hält seine beiden Sohne aus dem Blick der Öffentichkeit. Dahingehen vertritt Cameron die Linie, dass die Wähler berechtigt seien, den künftigen Premierminister von jeder Seite kennen zu lernen, wenn sie ihm ihr vertrauen schenken sollen.

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Das Schwarz-Weiß-Foto des Ehepaares Cameron mit seinen drei Kindern auf dem Sofa ihrer Wohnküche im Londoenr Stadtteil Notting Hill wirkt allerdings wie die Aufnahmen auf Flugblättern, die im Wahlkampf verteilt werden, um den Kandidaten vorzustellen und dessen heile Welt darzustellen. Cameron schaut dem schwer behinderten Sohn liebevoll in die Augen, seine Frau lächelt als Inbegiff der  „yummy mummy“ (leckeren Mami) in die Kamera, die Tochter in hübschem Partykleid  zu ihrer Linken der übererregte kleine Sohn zu ihrer Rechten. Es ließen sich nach der Art von Kunsthistorikern, die die Ikonographie von Altmeistergemälden entschlüsseln, endlose Ausführungen machen über das Foto und dessen Aussage. Die Inneneinrichtung, der Holzfußboden, die Markenturnschuhe und strumpflosen Füße von Samantha Cameron, das offene Hemd ihres Mannes und die kleine Ecke des Kindertopfes, die am rechten Bildrand zu sehen ist, stellen den Gipfel des entspannten neuen, gefühlsbetonten Konservatismus dar, für den Cameron einsteht.

Gewiß ist, daß die Motive dieser Grüße mit Bedacht gewählt werden. Tony Blairs gewievter Pressesprecher Alistair Campbell hat einmal eine Weihnachtskarte seines Chefs verboten, die einen prallen Tisch vor einem Staatsbankett zeigte. Er empfahl eine vertraulicheres, einnehmenderes Bild. Im vergangenen Jahr soll der frisch aus dem Amt geschiedene Blair wehmütig bemerkt haben, dass sein Nachfolger mit dem Bild eines beliebten Kinderbuchillustrators eine interessantere Karte ausgesucht habe, als ihm gelungen sei. An diesem Weihnachten präsentiert sich Blair mit seiner Frau als der Politiker, dem die Last des Amtes von den Schultern gefallen ist: gebräunt mit offenen Hemd vor der verdächtig gut geordneten Bücherwand. Die eingefrorene Grimasse und der leere Blick deuten jedoch darauf, dass er seine Mission post Downing Street noch nicht gefunden hat.    

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