London Eye

Sturm auf die Glühbirne

Das Europa-Thema schwelt in der britischen Politik stets dicht unter der Oberfläche. Beim geringsten Anlass kommt es zum Ausbruch. In letzter Zeit herrschte Ruhe, doch nun, da das Pfund in den Turbulenzen auf den Geldmärkten Parität mit der europäischen Währung zu erreichen droht und José Manuel Barroso, der Präsident der Europäischen Kommission, erklärt hat, dass „die Menschen, auf die es in Großbritannien ankommt“, den Beitritt zum Euro befürworteten, wittern Euro-Skeptiker wieder Gefahr. Sie verdächtigen den unlängst aus der EU-Kommission in Brüssel zurückberufenen und als Handelsminister im Kabinett Brown installierten „Fürsten der Finsternis“, Peter Mandelson, Barroso Hoffnung in Sachen Euro gemacht zu haben und schießen aus allen Löchern, noch ehe irgendein offizieller Schritt getan wurde.

Auch an der geplanten Abschaffung der herkömmlichen Glühbirne, die, wie britische Patrioten gerne und richtig hevorheben, nicht von dem Amerikaner Thomas Edison sondern von dem britischen Naturwissenschaftler Joseph Swan erfunden wurde, entzünden sich dieser Tage die alten Affekte gegen Europa.

Es gehört zu den Anomalien des Inselvolks, dass die Bürokratie des Landes trotz – oder womöglich gerade wegen – des starken Widerstands gegen die Eingliederung in die Strukturen der Europäischen Union die Durchsetzung von europäischen Beschlüssen mit besonderem Eifer betreiben. So hat der von Brüssel bestimmte stufenweise Abbau der Glühbirne zugunsten von Energiesparleuchten, der in Deutschland erst von September an erzwungen werden soll, in England bereits zum Jahreswechsel begonnen. Dem EU-Beschluss zufolge sind nach dem Auslauf von Hundertfünfzig-Watt-Birnen im vergangenen Jahr jetzt Hundert-Watt-Birnen an der Reihe. Von 2010 an werden Fünfundsiebzig-Watt- und Sechzig-Watt-Leuchten ausgemustert, und dann folgen Vierzig- und Fünfundzwanzig-Watt-Birnen. Die Umstellung auf Kompaktleuchtstofflampen soll bis September 2012 erfolgen. In einer letzten Phase, die 2016 eintritt, werden auch Halogenleuchten höherer Energieklassen aus dem Verkehr gezogen, um den Treibgasaustoß zu verinngern.

Seitdem bekannt wurde, daß die großen britischen Einzelhändler keinen Nachschub von Hundert-Watt-Birnen mehr beschaffen werden, hat es einen regelrechten Sturm auf das auslaufende Modell gegeben. In den Supermärkten sehen die Regale aus wie von gefräßigen Heuschrecken verwüstete Felder. Einige Ketten melden, dass der Vorrat bereits erschöpft sei. Hier und da liegen noch einsame Hundert-Watt-Verpackungen herum. Wer sich darauf stürzt, entdeckt meist, daß ihm ein anderer Horter zuvorgekommen ist. Die Schachteln sind leer.

Die Stimmung wird vom populistischen „Daily Mail“ angeheizt. Die gehobene Boulevardzeitung pflegt zur Auflagensteigerung mit der vermeintlichen Stimme des Volkes zu sprechen. Vor einigen Monaten stellte sich das Blatt an die Spitze der Kampagne zur Abschaffung von Plastiktüten in Supermärkten. Jetzt wettert sie gegen das Ende der herkömmlichen Glühbirne. Leser des Blattes können sogar zwölf Bons sammeln und werden mit fünf kostenlosen Hundert-Watt-Birnen belohnt.

Es werden die vertrauten, mitunter durch technische Verfeinerung überholten Argumente ins Feld geführt: die lange Einschaltzeit von Energiesparlampen, die erst nach einer Aufheizphase volle Heiligkeit erreichen, der Quecksilbergehalt, der die Entsorgung erschwert, das gräuliche Licht, die Unvereinbarkeit der neuen Birnen mit den alten Fassungen, die Empfindlichkeit gegen hohe und niedrige Temperaturen, die mangelnde Dimmbarkeit sowie die Behauptung, dass das zarte Flimmern der Leuchtkörper Kopfschmerzen und epileptische Anflälle auslöst.

„Sie sind hässlich, teuer, erzeugen Ausschläge und Migräne  – warum grüne Birnen so eine trübe Idee sind“, kalauerte eine Schlagzeile des „Daily Mail“. „Unsere Politiker haben zweifellos einen Schein von Öko-Selbstgefälligkeit empfunden, als sie das Verbot verhängten“, fuhr die Zeitung unter Bemühung von Licht-Wortspielen fort, „aber wäre es nicht eine gute Idee gewesen, wenn erst einmal richtige Forschungen unternommen worden wären, – oder noch besser die Öffentlichkeit befragt worden wäre?“ Die Antwort liefert das Blatt in der Form eines Kommentares, in dem die „Reflexbeschlüsse“ von „scheinheiligen, unkundigen Politikern“ bemängelt werden, die wieder einmal zeigten, was es heiße, die Macht über das Land „dieser wahnsinning undemokratischen Regierungsform übergeben zu haben, die als die Europäische Union bekannt ist.“ Noch schlimmer aber sei das Verhalten „unserer arroganten Beamten und Politiker“, die dann „ohne jede Bezugnahme auf das Parlament entscheiden, dass Britannien sich an die Spitze setzen soll bei der Einführung einer wesentlichen Beschränkung unserer Freiheit“ – zumal wenn, wie der Verfasser der Tirade behauptet, das viel gepriesene energiesparende Potential der Kompaktleuchtstofflampen weit übertrieben sei. Der „Daily Mail“ kennt sein Publikum und weiß, das diese Worte den Lesern Mittelenglands aus der Seele sprechen.

Damit ist das Rätsel, weshalb, Umweltschutz hin oder her, die grünen Zukunftsmodelle derart unansehnlich sein müssen, ist damit freilich noch nicht gelöst.

Die mobile Version verlassen