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Spend, spend, spend lautete das Schlagwort der letzten Jahre. Die Briten haben ausgegeben, als gäbe es kein morgen – alles auf Pump,

Sorry

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  Mit gesenkten Häuptern haben vier ehemalige Spitzenkräfte des britischen Bankwesens am Dienstag Abbitte geleistet für die Versagen ihrer Unternehmen,...

 

Mit gesenkten Häuptern haben vier ehemalige Spitzenkräfte des britischen Bankwesens am Dienstag Abbitte geleistet für die Versagen ihrer Unternehmen, die nach den Markteinbrüchen teilverstaatlicht werden mußten, um vor dem Untergang bewahrt zu werden. Die Vier saßen vor dem parlamentarischen Finanzauschuss wie ungezogene Pennäler vor dem Schulleiter und sagten einer nach dem anderen: Sorry.

Die ehemaligen Vorstände und Aufsichtsratsvorsitzenden der Royal Bank of Scotland und der Halifax Bank of Scotland zeigten sich reumütig. Von PR-Fachleuten getrimmt, wussten die Geschmähten sehr wohl, was von ihnen erwartet wurde. Sie drückten ihr Bedauern aus über den Wertverlust ihrer Institutionen, über den Vertrauensverlust, über das Leid der Aktionäre und die Last des Steuerzahlers. Und niemand möchte ihnen unterstellen, dass sie nicht aufrichtig gewesen seien in ihren Bekundungen. Man brauchte nur ihre betretenen Gesichter anzuschauen.

Doch lässt sich auch Bedauern ausdrücken, ohne persönliche Schuld zu empfinden. Lord Stevenson etwa, der Aufsichtsratsvorsitze und -mitgliedschaften sammelt wie andere Briefmarken, sagte, wie leid ihm „die Wende der Ereignisse“ tue. Letzlich sei HBOS dem Zusammenbruch des Interbankengeldmarktes zum Opfer gefallen, erklärte Stevenson, als habe eine Naturkatastrophe die Bank befallen. „Sorry“, sagte Sir Tom McKillop, ehemaliger Vorsitzender der Royal Bank of Scotland. „Sorry“, sagte der einst so stolze Sir Fred Goodwin zerknischt. Er hatte die Royal Bank of Scotland zu einem der fünf größten Banken der Welt gemacht und sich durch seine radikalen Stellenstreichungen den Spitznamen „Fred the Shred“ („Fred der Reißwolf“) eingetragen. Sorry, sagte auch Andy Hornby, der den Vorsitz bei HBOS führte, als die Katastrophe einbrach. Trotz der vielen Eingeständnisse gaben sich die Täter als Opfer der Ereignisse.

Das Wort Sorry scheint inzwischen so abgewertet zu sein wie Aktien der beiden Großbanken, die diese vier Spitzenmanager an den Rand des Abgrundes gebracht haben. „Sorry“ haben unlängst auch die Dänen zu den Iren gesagt für die Verwüstungen, die die Wikinger vor mehr als tausend Jahren auf der grünen Insel anrichteten. Königin Elisabeth hat sich bei den Maoris entschuldigt für das Unrecht, das den Ureinwohnern Neuseelands in der Kolonialzeit widerfahren ist, und bei den Indern für das Amritsar-Massaker, das britische Soldaten 1919 an Demonstranten für die indische Unabhängigkeit verübten. Berlusconi hat sich bei den Libyern für die Verbrechen der Kolonialzeit entschuldigt, der Vatikan hat sich für die Kreuzzüge entschuldigt, und Tony Blair hat Abbitte geleistet für das Verhalten des britischen Königreiches während der irischen Hungersnot. Dass er lediglich sein tiefes Bedauern über den Sklavenhandel ausdrückte, statt eine offizielle Entschuldigung zu liefern, wurde dem Premierminister übel angerechnet.

Der Wert und die Bedeutung dieser politischen Bußrituale sind oftmals in Frage gestellt worden. „Sorry scheint das schwerste Wort zu sein“, heißt es in dem Schlager von Elton John. Vielen aber geht das Wort inzwischen allzu leicht von der Zunge. Es ist denn auch zu bezweifeln, dass der Zorn auf die veantwortungslosen „Bankster“ mit deren Reumutbekenntnis beschwichtigt werden wird. Eines der Mitglieder des Finanzauschusses stellte bei der Vernehmung am Dienstag die rhetorische Frage, wie wohl Heinrich VIII. mit den Bankern umgegangen wäre. Als der Südseebörsenschwindel 1720 auflog, gab es einen parlamentarischen Antrag, die Banker in einen Sack voller Schlangen zu stecken und sie in die Themse zu werfen. Heute herrscht ein vergleichbares Ressentiment gegen die neuen Buhmänner der Gesellschaft. Dafür wird sich niemand entschuldigen wollen.


1 Lesermeinung

  1. Das Lied 'Sorry Seems To be...
    Das Lied ‚Sorry Seems To be The Hardest Word‘ mag ich auch sehr gerne!
    An Ostern werde ich nach London fliegen, mal schauen ob ich da ähnliche Erfahrungen machen kann… Ob Engländer sich für Alles entschuldigen! Liebe Grüße, Tontantia

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