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London Eye

Spend, spend, spend lautete das Schlagwort der letzten Jahre. Die Briten haben ausgegeben, als gäbe es kein morgen – alles auf Pump,

Ruhe bewahren und weitermachen

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Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ließ die britische Regierung zweieinhalb Millonen Plakate drucken, für den Fall einer deutschen Invasion. Sie sollten die...

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ließ die britische Regierung zweieinhalb Millonen Plakate drucken, für den Fall einer deutschen Invasion. Sie sollten die Bevölkerung beruhigen. Auf knallrotem Hintergrund stand unter der königlichen Krone in kühnem Druck die schlichte Parole: „Keep calm and carry on“ – „Ruhe bewahren und weitermachen“. Siebzig Jahre später findet diese Ermahnung, die den vielfach gerühmten Durchhaltegeist der Briten im Krieg auf den Punkt bringt, neue Resonanz als Motto für die Kreditkrise.

Das ursprüngliche Plakat scheint in nur wenigen Exemplaren im Umlauf gewesen zu sein. Zu dem gefürchteten Notfall kam es glücklicherweise nicht und so wurde die Auflage nach Kriegsende eingestampft. Heute sind nur zwei gut erhaltene Exemplare bekannt. Eines davon bewahrt das Imperial War Museum in London, das andere hängt in der antiquarischen Buchhandlung Barter Books im nordenglischen Alnwick.

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Deren Besitzer entdeckte das sorgfältig gefaltete Plakat vor neun Jahren auf dem Boden einer wahrscheinlich seit Jahrzehnten irgendwo auf dem Dachboden modernden Kiste mit alten Büchern, die er ersteigert hatte. Es gefiel ihm und seiner Frau so gut, dass sie es rahmen ließen und in ihrem Laden nahe bei der Kasse anbrachten. Von der Kundschaft kamen so viele Anfragen, dass der Buchhändler das Plakat nachdrucken ließ. Mit seiner wie auf das hektische Tempo des modernen Lebens zugeschnitten Aussage fand dieses Produkt der Kriegspropaganda bereits vor der Kreditkrise Anklang. Das Design entspricht nicht nur dem gegenwärtigen Geschmack für Retroschick, sondern auch dem unersättlichen Hunger nach Stoff, der an Englands „größte Stunde“ erinnert. Schulen, Krankenhäuser, Ministerien und andere Ämter gaben Bestellungen auf. Und bei dem spontanen Henkersfest, das im vergangenen Frühjahr stattfand, in der Nacht, bevor der vom Londoner Bürgermeister ausgerufene Alkoholstopp auf der U-Bahn in Kraft trat, tauchte ebenfalls eines der Plakate auf. Allein Barter Books hat mehr als vierzigtausend Exemplare verkauft, von den Imitatoren nicht zu reden, die das Marktpotential jetzt ausschöpfen.

Der Spruch wird nicht nur auf den Reproduktionen des ursprünglichen Plakats vervielfältigt. Es gibt mitterweile Becher, T-Shirts, Taschen, Manschettenknöpfe, Handtücher, Mausmatten, in Indien aus neuseeländischer Wolle geknüpfte Vorleger (für 395 Pfund!) und als Edelvariante sogar handgefertigte Siebdrucke in verschiedenen modischen Farben. „Keep calm and carry on“ ist so geläufig, dass sich in Brighton ein gewiefter Umzugsbetrieb mit dem Namen „Carry On“ den Spaß erlaubt, seine Lastwagen nach Art des Plakates rot anzustreichen und eine dicke weiße Krone über dem Firmennamen anzubringen.

Über die Entstehung des Plakats ist zwar einiges bekannt, aber der geniale Designer konnte bislang nicht ermittelt werden. Es ist belegt, dass das Progandaministerium im Frühjahr 1939, als sich der Krieg anbahnte, verschiedene Plakatentwürfe in Auftrag gab. Neben dem „Keep-calm“-Aufruf gingen Ende August, kurz vor der Kriegserklärung, zwei weitere Botschaften des Königs an sein Volk in Druck. Auf dem einen Plakat standen die erbauenden Worte, „Your courage, your cheerfulness, your resolution will bring us victory“, das andere verkündete: „Freedom is in peril.“ Aber keines der beiden trifft den Puls unserer Zeit so genau wie die auf alles anwendbare und auf die gegenwärtige Situation besonders zutreffende Losung: „Ruhe bewahren und weitermachen.“

Ein Witzbold hat sie unlängst ins Umgekehrte gewandt und T-Shirts mit der Aufschrift drucken lassen: „Now panic and freak out.“ Es scheinen sich mehr Menschen an diese Maxime zu halten als an die von steifer Oberlippe geprägte Gesinning des ursprünglichen Leitsatzes.


1 Lesermeinung

  1. Der Artikel ist dem Guardian...
    Der Artikel ist dem Guardian artikel vom 18.ten Maerz ja doch sehr aehnlich.
    Kann sein dass beide Artikel den Zeitgeist beschreiben, aber vielleicht wurde da der eigenen Kreativitaet nachgeholfen.
    https://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2009/mar/18/keep-calm-carry-on-poster

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