London Eye

Unter der Matratze

Die Briten nehmen sich die Kassandrarufe über eine rezessionsbedingte Einbrecherwelle offenbar zu Herzen. Immer mehr Haushalte schaffen sich Safes an, wie man sie im Hotelzimmer vorfindet. Geschürt durch die Sorge um die Sicherheit der Konten und den Wunsch, Notpfennige greifbar zu haben, ist der Absatz von kleinen Tresoren seit Beginn der Kreditkrise rasant gestiegen. Von der Firma, die die Alarmanlage wartet, kommt jetzt ein Brief, der dringend davon abrät: man tue Dieben geradezu einen Gefallen, indem man alle Wertsachen darin verwahre. Einbrecher bräuchten gar nicht mehr das ganze Haus auf den Kopf zu stellen, sondern könnten sich mit der nicht sehr stabilen Kassette davonmachen und mit einem Schlag alles an Barem und Kostbarem erbeuten. Einige Kunden, so warnt die Firma, hätten das jüngst zu ihrem Leidwesen erfahren. Deswegen sollte man die Wertsachen wenigstens auf verschiedene Plätze verteilen, wenn man schon keinen robusten Tresor  anschaffen wolle.

Der in Krisenzeiten ausgeprägten Neigung, das Geld unter der Matratze zu verstauen, scheinen die Briten dennoch vermehrt nachzugeben. Schließlich ist der Leitkurs auf 0,5 Prozent abgesunken, so tief wie noch nie, die Aktienkurse purzeln und Sparer verzweifeln – nicht nur, weil ihr finanzielles Polster keine Renditen abwirft. Sie sind auch verdrossen, weil sie meinen, mit ihrer Umsicht schlechter dazustehen als ihre fahrlässig auf Pump lebenden Mitbürger, die sich verführen liessen durch großzügige Kreditmöglichkeiten. Nun drehen auch Verschwender jedes Pfund dreimal um, bevor sie es ausgeben. Ein Kaufhaus meldet, dass der Verkauf von Sparschweinchen um 150 Prozent gestiegen sei. Bei Frauen besonders beliebt sei eine Sonderreihe von Sparbehältern mit Aufschriften wie „Schuhfonds“ oder „Handtaschenfonds“. Es gibt auch die Varianten „Hochzeitsfonds“ und „Babyfonds.“ Und für jene Sparer, die sich schwer trennen können von den großspurigen Vorstellungen der Kreditboomjahre, gibt es auch einen „Ferrarifonds“ etikettierten Behälter für die entbehrlichen Groschen.

Aus der „Geld unter der Matratze“-Mentalität hoffen auch Betthersteller zu profitieren. Auf dem Markt werden verschiedene den Zeiten angepasste Modelle angeboten mit einem im Gestell versteckten Tresor. Anfangs sei die Idee eher ein Witz gewesen, teilte der Geschäftsführer einer der Firmen mit, doch nun da das Vertrauen in die Banken gesunken sei und der Innminister mehr Einbrüche in Aussicht gestellt habe, sei er zuversichtlich, dass das Modell Hausbesitzer ansprechen werde, die ihre Wertsachen an einem sicheren Platz aufbewahren wollen. Ein israelischer Hersteller liefert auch Superluxusausführungen mit Tresor, Massagesystem und eingebautem Fernseher. Und eine amerikanische Firma hat eine Matratze patentieren lassen, die verhindern soll, dass die verstauten Scheine modrig werden.

Ratgeber empfehlen allerdings weiterhin die Bank als sichersten Aufbewahrer des Baren, vor allem, weil die Versicherung bei Brand- und Wasserschäden oder bei Diebstahl selten mehr als fünfhundert Pfund erstattet. Außerdem: Einbrecher suchen als erstes die Matratze, die Strumpfschublade, den Nachttisch und die Gefriertruhe nach versteckten Wertsachen ab. Manche hoffen die Delinqunten zu überlisten, indem sie ihre Scheine in die Stoffpuppen der Kinder stopfen. Wer den schaurigen Thriller „Die Nacht des Jägers“ mit Robert Mitchum in der Rolle des psychopatischen Predigers auf der Jagd nach 10 000 versteckten Dollar kennt, der weiß jedoch, auf welche haarsträubenden Abwege diese Option führen kann.

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