Medienwirtschaft

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Westfälischer Zeitungsverlag insolvent

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Funke stellt Insolvenzantrag für den Westfälischen Zeitungsverlag. Das Kartellamt sagt aber, dass aus der Gesellschaft die sieben betroffenen Lokalausgaben nicht betrieben werden.

Die Funke-Mediengruppe schickt die Westfälische Zeitungsverlag GmbH & Co. KG in die Insolvenz. Die Gesellschaft gibt sieben Lokalausgaben der Tageszeitungen „Westfälische Rundschau“ und „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ in den Städten Dortmund, Schwerte, Lünen und Castrop-Rauxel heraus. Nach Angaben des Unternehmens sind keine anderen Ausgaben der Zeitungen und keine Mitarbeiter von dem Antrag betroffen, den Funke auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt hat

Die Funke-Mediengruppe wollte die sieben Lokalausgaben an das Medienhaus Lensing („Ruhr Nachrichten“) verkaufen und mit dem Wettbewerber zusammenzuarbeiten, scheiterte damit aber an einem Veto des Bundeskartellamtes. Diesem Ziel könnte sich Funke mit der Insolvenz versuchen, wieder zu nähern. „Die Gesellschaft ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zahlungsunfähig, es besteht aber bereits Insolvenzantragspflicht bei einer negativen Fortbestehensprognose“, sagte Funke-Geschäftsführer Thomas Ziegler. „Sofern es in unserer Macht steht, werden wir uns im Insolvenzverfahren dafür einsetzen, dass für die Lokalausgaben ein Käufer gefunden wird und sie erhalten bleiben.

Funke hatte die Redaktion der „Westfälischen Rundschau“ vergangenes Jahr entlassen und die Tageszeitung mit Inhalten anderer Redaktionen weiter verbreitet. Das Bundeskartellamt äußerte am Freitag, dass der Insolvenzantrag nichts an ihrer Bewertung ändere. „Die Westfälische Zeitungsverlag GmbH ist in ihrer jetzigen Form nicht mehr und nicht weniger als Transaktionsvehikel, ohne operatives Geschäft und eigene Angestellte“, sagte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, dieser Zeitung. „Aus ihr heraus werden die fraglichen Lokalausgaben nicht betrieben.“

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1 Lesermeinung

  1. Unglaublich bis erschreckend - zumindest für ältere Semester (aber durchaus nicht "Alte")
    Als regelmäßiger Teilnehmer an den IFRA-Kongressen und der angeschlossenen Industriemesse kann ich sagen, noch in den 90er-Jahren war es durchaus üblich, die Zeitungen als die „Aristokratie“ der Grafischen Industrie anzusehen. Im Gegensatz zum Basar-ähnlichen Trubel der DRUPA herrschte auf der IFRA in vornehmer Stille eine distinguierte Atmosphäre fachlich-kühler Effizienz, allerdings stets gepaart mit substantiösen Aufträgen. Geld schien bei Zeitungen zwar nicht „locker“ zu sitzen, doch hatte man auch bei Aufträgen mit zweistelligen Millionensummen keine Berührungsängste. Die Wortschöpfung „Zeitungszar“ stammt zwar noch aus weit früheren Epochen, hatte aber in den 90ern durchaus noch ihre Berechtigung. Typische Vertreter dieser Spezies im Deutschen Sprachraum waren Axel Springer und Hans Dichand, im Englischen Randolph Hearst und Ruppert Murdoch, der Russe Alexander Lebedev scheint sich zu einem solchen entwickeln zu wollen, indem er eine britische Zeitung nach der anderen aufkauft. Den Prototyp allerdings stellte Orson Welles in „Citizen Kane“ dar. Geld und (Meinungs)macht vereint sich in diesen Menschen und ihren Zeitungsimperien, und man weiß – wie bei Huhn und Ei – nicht genau, was zuerst da war. Allen gemeinsam war, gewaltige Summen ihrer Gewinne in immer modernere Druck- und Versandraumtechniken zu investieren, die zumeist auch nur in riesigen Neubauten unterzubringen waren. Ziemlich genau allerdings kann man sagen, was das Ende dieser Imperien einläutete: Nicht der Computer war es (dessen bedienten sich die Zeitungen nach Kräften zur Steigerung ihrer Effizienz, Druckqualität und immer späterem Redaktionsschluss, ganze einst sehr gut bezahlte Berufsgruppen verschwanden, die Setzer – einst die „Aristokraten“ unter den Druckereiarbeitern, Stereotypeure, Metteure, Reprofotografen, Montierer, Scanneroperatoren, alle Sekretärinnen, denen Journalisten und Redakteure einst „in die Maschine“ diktierten. Während solche – überwiegend mit der Entlassung der betreffenden Menschen verbundenen – Kosteneinsparungen, euphemistisch „Rationalisierungen“ genannt dazu beitrugen, die Zeitungen gegen das Medium TV zu behaupten, mussten die Zeitungen mit Beginn des neuen Jahrtausends in kurzer Folge mit mehreren Tiefschlägen fertig werden: Der Zusammenschluss großer Firmen und Banken führte zu weniger Konkurrenz und damit weniger groß- bis ganzseitigen (Farb)Anzeigen, fast gleichzeitig einhergehend mit einer Abnahme des Kleinanzeigengeschäfts, das sich immer mehr auf das Internet verlagerte. Jüngere können sich kaum vorstellen, dass eine FAZ-Samstagsausgabe mehrere Zentimeter dick kaum in den Postkasten passte, dafür bis zu 2 Kilogramm wiegen konnte. Stellenanzeigen für einfache Verkäufer oder Techniker waren oft 1/4 bis 1/2-seitig, nicht selten sogar ganzseitig, die für Ingenieure und Geschäftsführer zumeist ganzseitig. Kleinanzeigen für Autoverkäufe, Immobilien etc. füllten ganze „Bücher“ mit 12 oder 16 Seiten. Was die großformatigen Stellenanzeigen von heutigen unterscheidet war, dass nicht selten „großzügige Umzugshilfe und Beschaffung angemessenen Wohnraums“ Teil solcher Anzeigen waren. Auch das ein Hinweis auf die Veränderung der letzten 20-25 Jahre. Dieses Wegbrechen des Anzeigengeschäfts nahm den Zeitungen die Butter vom Brot. Schließlich der bislang letzte Tiefschlag: die Hinwendung immer größerer Bevölkerungsteile zur Information über die Elektronischen Medien. Zeitungsabonnements starben mit deren Abonnenten, die Jüngeren erneuerten sie nicht, oder hielten sie nur noch kurz, weil sie ohnehin keine Zeit und Muße hatten, ausführliche Zeitungsartikel zu lesen. Oftmals fehlte zudem einfach das Geld für das Abonnement, immer mehr Menschen fanden (vielleicht eher zwangsläufig als aus freiem Willen), auch ohne gedruckte Zeitung ausreichend informiert zu sein. Seitdem geht es bei den Zeitungen ans Eingemachte.

    Dass eine kürzlich veröffentlichte Studie bestätigt, gedruckte Information wirke nachhaltiger, rege zu mehr eigenen Gedanken an, was nützt es? Im Zeitalter der Kurzinformation über Twitter und SMS gehen solche Einsichten am Zielpublikum vorbei, erscheinen wie ein Widerhall einer vergangenen Zeit. Ich weiß nicht, ob es 15-20-Jährigen ebenso geht wie mir: ich kann mir Texte am Bildschirm mehrmals durchlesen, ohne Fehler zu finden, nur einmal ausgedruckt springen sie mich förmlich an. Doch entsprechende Nachfragen bei den Jugendlichen wurden bislang mit erstauntem Gesichtsausdruck quittiert. Ausdrucken? Fehler suchen? Wozu? So lange der andere weiß, was gemeint ist, sei das nichts anderes als Zeit-, Geld- und Ressourcenverschwendung. Und wenn es sachliche Fehler sind, etwa falsche Beschreibungen, Preise, Berechnungen etc.? Nun ja, das könne man beim nächsten Mal korrigieren, bei Preisen aufschlagen – sofern man es überhaupt bemerkt. Ich merkte – obwohl noch gar nicht so alt – doch einer anderen Zeit anzugehören.

    Und damit komme ich zurück zum Titel. Was mir unglaublich und erschreckend erscheint, ist es das für die Mehrheit der Jungen auch? Ist es für sie ein Verhängnis, wenn ein großer Zeitungsverlag Konkurs anmeldet, oder wird das nicht einmal richtig wahrgenommen? Wird es vielleicht sogar nur als zeitgemäß angesehen? Viele Fragen, die einer Antwort harren. Und die größte Herausforderung für die Zeitungen seit ihrer Entstehung im 17. Jahrhundert.

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