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Neue RTL-Serie: „Am Ende hat das alles mit Selbstausbeutung zu tun“

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„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist die neue Serie von David Schalko. Nach der Premiere auf der Berlinale läuft sie bald auf TV Now. Für die Neuauflage des Filmklassikers von Fritz Lang hat Produzent Schalko das Budget überzogen. Müssen wir uns Sorgen um sein Filmgeschäft machen?

David Schalko

Für seine Rolle ist die Frage existenziell, den Zuschauern bereitet sie Gänsehaut. „Wo ist meine Tochter?“, sagt der Schauspieler Lars Eidinger, 43, auf der Leinwand der Berlinale, bei den gerade angelaufenen internationalen Filmfestspielen in Berlin. Eidinger spricht den Satz aber nicht in einem Kinofilm. Er spielt die Rolle des Vaters in der neuen Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, die ihre Premiere am Dienstag in Berlin feiert.

Das kündet von der Wachablösung, die im Filmgeschäft zurzeit vor sich geht. „Durch den Serienboom hat das Fernsehen das Kino auf vielen Ebenen eingeholt oder abgelöst“, sagt David Schalko, 46, Geschäftsführer und Gesellschafter der Superfilm Filmproduktion mit Sitz in Wien und München. Der Österreicher hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und die Serie auch noch produziert, die auf dem gleichnamigen Filmklassiker des Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1931 beruht und in der nun im heutigen Wien Kinder verschwinden. Neben Eidinger spielen Verena Altenberger und Moritz Bleibtreu in der Neuauflage von David Schalko mit, die auf dem RTL-Internetdienst TV Now in eineinhalb Wochen als erste Drama-Eigenproduktion läuft.

Eine Bilanz hat es noch selten in den Kanon der Weltliteratur geschafft.

David Schalko

Herr Schalko, Ihre neue Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ hat jetzt Premiere auf der Berlinale. Wie lang hat der Prozess vom Buch, das Sie geschrieben haben, bis zum Zuschauer gebraucht?

Die Arbeit war langwierig. Wir haben schon vor vier Jahren begonnen. Bis es finanziert war, hat es lange gedauert. Umso schöner, dass es jetzt bei der Berlinale läuft.

Dabei hatten Sie fast zu wenig Geld für die Serie.

Im internationalen Vergleich stimmt das. Das Budget ist nur ein wenig größer als ein gängiger Tatort, obwohl der Aufwand viel höher ist. Wir hätten uns mehr Geld gewünscht, aber wir haben es trotzdem hingekriegt. Mit 130 Schauspielern und 100 Drehorten platzt das Budget aus allen Nähten.

Sie haben viele hochkarätige Schauspieler gefunden: Bela B., Lars Eidinger, Udo Kier, Sophie Rois, Verena Altenberger und Moritz Bleibtreu sind vertreten. Wie schwer war es, die Schauspieler zu überzeugen?

Das war nicht schwer. Sie haben alle zugesagt, nachdem sie die Drehbücher gelesen haben. Die Philosophie war, dass die mittelgroßen Rollen eher prominent besetzt sind und die größere Rollen eher weniger bekannt.

Was erwartet den Zuschauer von einer Serie, in der Kinder verschwinden?

Es versteht sich als Hommage ans Original, den wir in die Jetzt-Zeit geholt haben. Es ist eine entrückte Ästhetik, die auch Kontakt aufnimmt zum deutschen Expressionismus. Wir haben die Original-Drehorte so aussehen lassen, als wäre sie im Studio gedreht. Die Serie changiert ständig zwischen den Genres: Sie ist Melodram, Thriller, Gerichtsfilm, politische Satire, Milieufilm. Einen Hauptdarsteller im klassischen Sinn gibt es nicht, die Stadt ist die Hauptdarstellerin.

Die Serie beruht auf dem Klassiker von Fritz Lang. Sie haben versucht den Film in die heutige Zeit zu verlagern und aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft aufzugreifen.

Wir wollen einen Vergleich aufmachen zwischen einer Stadt im Jahr 1931 und einer Stadt, wie sie sich jetzt entwickelt. Wie wird das Verschwinden von Kindern heutzutage politisch instrumentalisiert, wenn soziale Medien eine große Rolle spielen? Wir leben in einer Gesellschaft, die viel vereinzelter ist als vor achtzig Jahren. Die Meute rottet sich anders zusammen. Demokratie ist länger gewachsen. Trotzdem habe ich das Gefühl, auch an einer Art Vorabend zu leben, an dem sich politisch vieles zum Autoritäten ändert und der politische Diskurs verroht.

1931 war vor der Nazizeit, was im Film von Fritz Lang anklingt. Jetzt würden Sie sagen, dass es in gewissen Teilen in eine ähnliche Richtung geht?

Nein. Das fände ich übertrieben. Aber es wird an vielen Bürgerrechten gekratzt, die Politik des starken Mannes wird in der westlichen Welt immer popülärer und es werden bürgerliche Konsense in Frage gestellt. Wir leben in einer Wendezeit, in der sich Politik neudefiniert und es einen klaren Rechtsruck in der Gesellschaft gibt.

Ist das ein Thema für die nächsten Projekte oder brauchen Sie erstmal Ruhe?

Ich schreibe aus meinem Roman „Schwere Knochen“ eine Serie. Das versuchen wir gerade zu finanzieren.

Sie versuchen weiter, Serien zu machen…

… wenn man mich lässt.

Sind Netflix und Amazon und Co. dann ein Vorteil und kommen dadurch immer mehr deutschsprachige Serien auf den Markt?

Jede neue Möglichkeit der Finanzierung ist gut. Aber manches ist besser bei öffentlich-rechtlichen Sendern aufgehoben, anderes widerum bei den neuen Streaming-Diensten. Die Serie hat so viele Farben und unterschiedliche Schattierungen – wir können gar nicht mehr von der Serie sprechen, weil es so viele Unterschiede gibt.

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist die erste eigene Serie für den RTL-Internetvideodienst TV Now. Ist es schön, dass die Serie auf einem Streamingdienst läuft, oder schade, dass es nicht ins klassische Fernsehen kommt?

Die Frage stellt sich gar nicht mehr. Alles kommt irgendwann auf alle Plattformen. Wichtig ist, dass die Serie unter die Leute kommt. Heute sind Serien länger sichtbar und über Jahre auf unterschiedlichen Medien konsumierbar. Keiner muss abwarten, bis sie im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Was ändert sich durch die Streamingdienste im Filmgeschäft?

Die neuen Kanäle bieten mehr Möglichkeiten. Durch den Serienboom hat das Fernsehen das Kino auf vielen Ebenen eingeholt oder abgelöst. Was früher Arthouse-Kino war, hat sich in die Serie verlagert. Ich bevorzuge es Serien zu machen, um unökonomischer erzählen zu können als in Filmen. Aber Serie und Kino stehen einander nicht im Weg, sondern befruchten einander.

Sie mögen die Serie, weil es mehrere Teile gibt und man damit in die Länge gehen kann oder weil eine Serie an sich stärker auch eine Nische bedienen kann?

Beides eigentlich. Das Interessante an der Serie ist, dass ich mit meinen Figuren nicht so selektiv umgehen muss. Ich kann inhaltlich auf vielen Ebenen gleichzeitig in die Tiefe gehen. Und was früher eine Nische war, ist heute Mainstream, weil so viele Leute Serien schauen.

Im Fernsehgeschäft ist die Quote entscheidend. Für die Streamingdienste sind Zahlen nicht zu erfahren. Wissen Sie, ob Sie mitbekommen, wie viele Menschen M gesehen haben?

Das weiß ich nicht. Das ist schwer festzustellen, weil das Programm auf so vielen Kanälen und Portalen zu sehen ist. Nach vier Jahren ist gar nicht mehr klar, wie viele Leute eine Serie tatsächlich gesehen haben. Im klassischen Sinn sollte die Quote kaum noch Relevanz haben. Eine Serie bekommt Relevanz, wenn die Menschen darüber reden.

Interessiert Sie eine Quote denn noch?

Mich interessiert ein Quotenerfolg, um weitermachen zu können. Das ist ja leider oft noch immer der Maßstab, um das Geld für das nächste Projekt zu bekommen.

Sie schreiben Buch, machen Regie und sind Produzent – was ist der Vorteil alle drei Rollen in sich zu vereinen?

Der Vorteil ist, dass ich mehr Freiheiten habe und wir selbst die Entscheidung treffen können, wo und wann wir ins Risiko gehen und das Budget überziehen. Der Nachteil ist, dass wir persönlich dafür haften.

Wofür haben Sie mit „M“ gehaftet?

Das Projekt ist weit über das Arbeitsbudget gegangen, aber wir sind zuversichtlich, das Geld wieder durch Verkäufe im Ausland hereinzuholen. Wir haben nicht so viel Geld ausgegeben, dass wir pleitegehen. Aber gemeinsam mit meinem Partner John Lüftner kann ich entscheiden, ob wir auf Gewinne verzichten und das Geld in eine Serie hineinstecken. Das kann ich nur mit meiner eigenen Firma machen, aber wenn ich mit einer fremden Produktionsfirma arbeite, kann ich das nicht entscheiden.

Sie haben mehr Geld hineingesteckt, als sie bezahlt bekommen haben?

Sagen wir so: Wir haben die Grenzen mehr als ausgereizt. Das wäre mit einer fremden Produktion nicht gegangen.

Brauchen Sie jetzt Geld?

Nein, wir sind eine gesunde Produktion mit zwei Standorten und können so etwas zum Glück verkraften. Das Ergebnis hat sich gelohnt. Das ist das Wichtigste. Uns war es wichtig, dass es dem Original gerecht wird. Für uns steht die Qualität im Vordergrund. Wir haben noch nie etwas produziert, von dem wir nicht überzeugt gewesen wären. Das können wenige Produktionen von sich behaupten. Für uns gilt: Eine Bilanz hat es noch selten in den Kanon der Weltliteratur geschafft. Am Ende hat das alles mit Selbstausbeutung zu tun. Und das macht man nur für Dinge, die einem wichtig sind.

Ist das mit ein Grund gewesen, warum sie 2006 die Produktionsfirma Superfilm gegründet haben?

Erstens, weil ich mit meinem Partner zusammen Filme machen wollte. Und zweitens, weil ich diese Freiheit haben möchte. Künstlerisch hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

Finanziell weniger?

Reich wird man in dem Beruf ohnehin selten. Das ist auch nicht der Grund, warum man es macht. Um reich zu werden, muss man einen anderen Beruf ausüben oder nach Amerika gehen.

Aber man muss sich jetzt nicht Sorgen um Sie machen?

Nein. Das sind alles Luxusprobleme.

Das Gespräch führte Jan Hauser.

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