Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

„Die Sender müssen aufpassen, den Markt nicht kaputt zu machen“

| 3 Lesermeinungen

Zattoo zeigt hunderte Fernsehsender im Internet, doch die Sender drängen mit eigenen Internetportalen selbst zum Zuschauer vor. Mancher Konkurrent hat aufgegeben. Jetzt reagiert Zattoo und ändert auch den Preis.

© UnternehmenFernsehen mit Zattoo

Der Internetfernsehdienst Zattoo rühmt sich selbst damit im Gegensatz zu konkurrierenden Angeboten profitabel zu sein. Doch auch das ist bisher wohl nicht genug. Das Züricher Unternehmen mit Deutschland-Büro in Berlin bemüht sich darum, dass seine Kunden mehr zahlen, um im Internet das Programm der Fernsehsender zu verfolgen. Dafür passt das Unternehmen seine Bezahlangebote an und senkt den Preis des teuren Produkts, das bislang seltener als das günstigere Produkt genutzt wurde.

„Heute sehen wir, dass es schwierig ist, einen Dienst wie Zattoo für 10 Euro wirtschaftlich zu betreiben, weil wir hohe Lizenzkosten haben“, sagt Zattoo-Manager Jörg Meyer (Chief Officer Content and Consumer) im Interview. „Das war unserer Einschätzung nach auch der Grund, warum es sich für TV Spielfilm und Magine nicht gerechnet hat.“ Zattoo hat im Monat in Europa drei Millionen Nutzer und in Deutschland etwa 500.000 bis 600.000 Nutzer, wovon mehr als ein Viertel für das Fernsehprogramm zahlt, das sich dem Computer, dem Handy und ebenso auf Fernsehgeräten abspielen lässt. Die Schweizer Mediengruppe Tamedia besitzt die Hälfte der Anteile an Zattoo.

Zattoo stört sich am Vorpreschen der Fernsehsender im Internet, für deren Verbreitung Zattoo selbst zahlt. „Die Sender müssen aufpassen, diesen Markt nicht kaputt zu machen, weil sie die eigenen Angebote bevorteilen und kostenlos oder ohne Registrierung anbieten und dadurch andere Distributionsplattformen aus dem Markt drängen“, sagt Meyer. Ähnliche Internetfernsehanbieter haben den Dienst eingestellt.

Um den Zuschauer balgen sich noch mehr Unternehmen: Die Streaming-Dienste Netflix und Amazon starten viele eigene Serien, amerikanische Konzerne wie Apple oder Disney kommen mit ihren Inhalten hinzu und in Deutschland achten die Fernsehsender auf eigene Fernsehportale. Pro Sieben Sat 1 hat dafür Joyn mit anderen Sendern gestartet, die RTL Mediengruppe hat TV Now und die Telekom zeigt mit Magenta TV nicht nur den Telefonkunden das Fernsehprogramm. Die Fülle an Sendern, Serien und Shows lässt manchen schon fragen, wer das alles noch sieht.

Jörg Meyer

Im Internet drängen sich immer mehr Videoanbieter mit immer mehr Programm. Ist es nicht mal langsam genug, Herr Meyer?

Mit der Verteilung der Inhalte über die verschiedenen Plattformen ist es bestimmt genug. Sinnvoll ist es aber, die Inhalte auf einer Plattform zusammenzufassen. Das macht es dem Konsumenten einfacher.

Netflix, Amazon und Disney zeigen genauso wie die deutschen Fernsehsender ihr Programm im Internet. Wozu braucht es dann noch andere Anbieter, die nur Fernsehinhalte verbreiten?

Solange wir daran glauben, dass klassisches Fernsehen geschaut wird, macht es Sinn die Inhalte zu verbreiten. Die reinen Video-Auf-Abruf-Dienste von Netflix, Amazon und Disney wachsen deutlich stärker, während die Fernsehnutzung insgesamt eher sinkt. Trotzdem wird heute aber immer noch  sehr viel fern gesehen, meist über Satelliten- oder Kabelfernsehen. Von diesen Empfangswegen werden in den nächsten Jahren sehr viele zum Internetfernsehen wechseln. Dies bietet uns große Wachstumsmöglichkeiten. Das gilt genauso für unsere Konkurrenten Waipu, Magenta TV oder Joyn.

Wie viele Menschen zahlen denn für Zattoo?

Die Zahl verraten wir nicht. In Deutschland haben wir jeden Monat 500.000 bis 600.000 Nutzer auf der Plattform. Das Ziel für dieses Jahr war, dass wir davon ein Viertel zahlende Nutzer haben, und das Ziel haben wir übererfüllt.

Ihre Konkurrenten sind günstiger wie Magenta TV von der Telekom oder auch die Kombination von Joyn von Pro Sieben Sat 1 mit TV Now der RTL-Gruppe. Warum zahlen Kunden trotzdem bei Ihnen?

Mit Joyn und TV Now hat der Zuschauer auch alle TV-Inhalte, aber verteilt über zwei Apps. Ist das komfortabel? Es ist praktischer, wenn alle Sender in einer App integriert sind. In der Einfachheit bringen wir den Nutzern viele Vorteile. Der Preis von Magenta TV ist für uns als reinen Fernsehverbreiter nicht darstellbar. Magenta TV ist ein richtig gutes Produkt mit einem sehr umfangreichen Inhalte-Angebot. Das lässt sich bei dem Preis unserer Einschätzung nach nur in Gesamtkalkulation mit den verkauften Internetanschlüssen abbilden.

TV Spielfilm und andere haben den Dienst eingestellt, der ähnlich war wie das Angebot von Zattoo. Profitieren Sie davon?

Ja, insgesamt haben drei Wettbewerber in diesem Jahr ihren Dienst eingestellt und jeweils mit Zattoo zur Überführung ihrer Kunden zusammengearbeitet. Aber das ist nicht unser Haupttreiber und über mangelnden Wettbewerb können wir uns nicht beklagen. Der Markt für Internetfernsehen wächst schnell. Viele Zuschauer mit Kabel- oder Satellitenfernsehen merken, dass es übers Internet komfortabler ist.

Warum ist Internetfernsehen besser? Die Übertragung ruckelt doch und ist abhängig von der Internetverbindung.

Es wäre gelogen zu sagen, dass es überhaupt nie mehr ruckelt. Es ruckelt aber nur noch in wenigen und eher seltenen Fällen. Und die Verbindung ist dann in der Regel nicht das Problem. Wer eine ordentliche Breitbandverbindung von 2 Megabit in der Sekunde hat, kann Zattoo gut nutzen.

Zattoo hat ein kostenloses Angebot mit weniger Inhalten und unterschiedliche Bezahlangebote mit mehr Sendern und Funktionen. Warum wollen Sie für das teure Produkt nun die Preise senken?

Heute sehen wir, dass es schwierig ist, einen Dienst wie Zattoo für 10 Euro wirtschaftlich zu betreiben, weil wir hohe Lizenzkosten haben. Das war unserer Einschätzung nach auch der Grund, warum es sich für TV Spielfilm und Magine nicht gerechnet hat. Bei uns rechnet sich das. Das hat andere Gründe, aber auf Dauer brauchen wir einen höheren Preis. Deswegen nehmen wir unser teures Ultimate-Angebot, erweitern es mit mehr Funktionen und senken den Preis auf 13,99 Euro. Das soll unser neues Kernprodukt werden.

Was ist mit dem heutigen Hauptprodukt für 10 Euro?

Dort nehmen wir die Möglichkeit heraus, dass man dort Fernsehen aufnehmen kann. Der Preis bleibt gleich.

Wollen Sie sich auch mal an exklusive Inhalte wagen und selbst produzieren, oder ist das alles zu teuer?

Davon lassen wir die Finger. Wir haben keine Ahnung von der Inhalteproduktion. Das ließe sich beheben, aber das wäre bei dem erforderlichen Qualitätsniveau so teuer, dass wir da nicht mitspielen können.

Sind Sie als kleiner Anbieter mit einer geringen Kundenbasis zufrieden, wenn Magenta TV von 3,5 Millionen Kunden spricht?

Wir sind von der Größenordnung zu klein, um in der Liga mitzuspielen. Aber ist es der richtige Weg, mit exklusiven, teils selbstproduzierten Inhalten mehr Kunden für ein Live-Fernsehprodukt zu gewinnen? Das löst eine Spirale aus. Der Zuschauer erwartet immer die nächsten Eigenproduktionen. Wir überlassen die Herstellung der Inhalte gerne den Sendern und anderen Inhalte-Partnern und konzentrieren uns auf den stetigen Ausbau unseres Wissens in der Aggregation und Verbreitung dieser Inhalte.

Wie viele Zuschauer wollen Sie denn erreichen?

Schaut man nur auf unser Endkundengeschäft in Deutschland, sind wir heute vergleichbar mit einem kleinen Kabelunternehmen mit einer zunehmend relevanten Größe. Im nächsten Schritt wollen wir uns als nachhaltig profitables Unternehmen positionieren. Deswegen ist der Schritt zu einem hochpreisigen Produkt für uns wichtig, um profitabler zu werden. Von den Sendern wollen wir als relevante Einheit wahrgenommen werden. Dafür brauchen wir noch die ein oder anderen hunderttausend Nutzer mehr.

Wie hoch ist der Gewinn von Zattoo?

Wir sind profitabel, aber nennen keine Zahlen. Wir sind mit unserem eigenen Endkundenangebot in Deutschland und der Schweiz vertreten. Das hilft uns, die Kosten für die Technik auf zwei Länder zu verteilen. Dazu kommt, dass wir seit Jahren auch erfolgreich unsere Technologie weiterverkaufen. In Deutschland wird beispielsweise das Fernsehprodukt von 1&1 technisch komplett von Zattoo betrieben. Ebenso läuft es in der Schweiz und Irland mit anderen Unternehmen. Das erlaubt uns die Plattformkosten über die Geschäftsfelder zu teilen. Wir sind insgesamt und auch im Deutschlandgeschäft profitabel. In Deutschland dürften wir der einzige Anbieter sein, der mit einem reinen Fernsehprogramm über das Internet profitabel agiert.

Sie sagen, dass Magenta TV der größte Konkurrent ist. Gleichzeitig starten viele Fernsehsender eigene Internetplattformen. Wollen die Sender nicht die Kontrolle über ihr Angebot haben?

Die Fernsehsender wollen schon lange dichter an den Endkunden heran. Pro Sieben Sat 1 versucht sich ein relevantes Endkundengeschäft aufzubauen, in dem es mit Joyn eine im weiteren Sinne mit Magenta TV oder Zattoo vergleichbare Aggregationsplattform am Markt positioniert. Für die RTL-Gruppe laufen auf TV Now in erster Linie die RTL-Sender und deren Inhalte. Damit bauen die Sender direkte Konkurrenten zu ihren wichtigsten Partnern, den Distributionsplattformen, auf. Die Sender müssen aufpassen, diesen Markt nicht kaputt zu machen, weil sie die eigenen Angebote bevorteilen und kostenlos oder ohne Registrierung anbieten und dadurch andere Distributionsplattformen aus dem Markt drängen. Einfach ist das Endkundengeschäft nicht. Wenn die Nutzerzahlen der Sender im Internet nicht stimmen, werden diese wieder zurückrudern und nach großen Aggregationspartnern suchen – aber dann ist die Frage, wer noch da ist oder wer die entstandene Lücke füllt. Da fallen mir mindestens zwei große Internetkonzerne ein, die bis dahin in den Startblöcken stehen dürften, um auch als Fernsehplattform am Markt aktiv zu sein, aber das muss nicht im Interesse der Sender sein.

Sie meinen, dass Google dann Internetfernsehen anbietet?

Google hat heute schon in Amerika „Youtube TV“, was nichts anderes ist. Auch Amazon ist dafür mit dem eigenen Videoportal und ihren Aktivitäten rund um die „Amazon Channels“ prädestiniert. Wenn irgendwann der Punkt da ist, dass die Sender merken, wie teuer eigenes Internetfernsehen ist und bisherige Partner aufgegeben haben, wer soll es dann machen?

Die Sender sind aber zufrieden mit dem, was Sie im Internet machen.

Joyn ist gerade erst mit einem Bezahlangebot am Markt gestartet. Jetzt müssen sie dafür zahlende Nutzer finden. Für ein Produkt, in dem eine sehr wichtige Sendergruppe fehlt.

Das Gespräch führte Jan Hauser.


3 Lesermeinungen

  1. Internet Fernsehen
    Es wäre schön, wenn Sie erklären würden, was Internet Fernsehen ist? Das gesamte Programm aller deutschsprachigen Sender? Für einen 14- Tage-Zeitraum?

    • Fernsehen im Internet
      Im Internet können Menschen ebenfalls Fernsehen. Zattoo zeigt hunderte Fernsehsender im Internet.

  2. Braucht man überhaupt TV?
    Welcher halbwegs intelligente Mensch benötigt denn überhaupt TV? Ich habe in meinen vielen Lebensjahrzehnten sowas noch nie benötigt. Dafür bin ich aber der deutschen Sprache ganz gut mächtig. Wenn ich abschalten will, lese ich zum Beispiel oder unterhalte mich mit Menschen, die ebenfalls noch kommunizieren können und auch wollen.
    Meine Devise ist: Lesen verhindert die Dummheit und Fernsehen fördert die Dummheit. Damit bin ich bis heute auch beruflich sehr gut gefahren. Für mich ist die TV-Gebühr eine staatlich erpresste Zwangsabgabe zur Volksverblödung. Wenn man stattdessen eine pauschale Mediengebühr einführen würde und jeder Zahler entscheiden kann, ob er dafür seriöse Zeitschriften/Magazine oder die Glotze nutzen will, würde ich nicht abgeneigt sein, diese Gebühr freiwillig zu bezahlen. Dann hätten sogar die im Artikel erwähnten Sender eine größere Chance. Technisch wäre das kein Problem.

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