Moskauer Monitor

Geschenke vom Olymp

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Der vielleicht einzige krisensichere Hafen in Russland ist heute die Staatsduma. Im ehemaligen Palast der sowjetischen Wirtschaftsplanungsbehörde, wo kremltreue Abgeordnete des „Einheitlichen Russland“ und der Ultranationalistenpartei LDPR das neue Korruptionsbekämpfungsgesetz verwässerten und verabschiedeten, um dann die gesetzliche Definition von Vaterlandsverrat und Spionage zu erweitern, paaren sich Überfluss und stabil niedrige Preise. Während draußen die Restaurants teurer und ihre Qualität schlechter wird, isst man in der Duma-Cafeteria Kaviarbrote für anderthalb Euro oder gebratene Leber mit Kartoffelpüree und Brot für einen Euro siebzig. Die Abgeordneten, die die Cafeteria seit der Krise intensiver frequentieren, brauchen das, glaubt Kellnerin Tamara, die den Chef der Kommunisten Sjuganow, dessen Fraktion allein für mehr Korruptionskontrolle und weniger Jagd auf Volksfeinde eintrat, zärtlich Sjusenka nennt. Wenn wenigstens in der Duma die Welt in Ordnung scheint, haben sie das Gefühl, so Tamara, sie arbeiteten nicht umsonst.

   Vor Neujahr breitet sich auf zwei Fluren ein Weihnachtsmarkt aus, wo, wer exklusive einheimische Geschenke erwirbt, damit russische Produzenten unterstützt. Die Firma „Russischer Silberfuchs“ bietet Pelzmäntel, -mützen und Stiefel aus Rentierfell, bei den „Hölzernen Motiven“ nebenan gibt es Küchengerät aus Lindenholz. Der Renner der Saison sind allerdings maßgeschneiderte Heiligenbilder, welche die Werkstatt „Sodtschi“ (Baumeister) aus dem berühmten Ikonenmalerdorf Mstjora auf Bestellung fertigt. Dem Künstler Valeri, der sich als Hersteller von V.I.P.-Souvenirs empfiehlt, füllt die Krise die Auftragsbücher. Viele Abgeordnete, die dem neuen Korruptionsbekämpfungsgesetz zufolge ab dem kommenden Jahr theoretisch die Einkommen von Ehegatten und Kindern offen legen müssen, schenken sich Bildnisse, die sie selbst, manchmal auch die ganze Familie in Gestalt ihrer Namensheiligen vergegenwärtigen. Maßikonen für Neugeborene werden auf einem Holzbrett von der Körperlänge des Kindes gemalt. Das Foto zeigt das Bild des im vergangenen Sommer zur Welt gekommenen Alexander, der in Gestalt seines Schutzpatrons, eines römischen Legionärs, auftritt, allerdings vor den Kirchen des Moskauer Kreml, zum Zeichen des Wohnorts des Kleinen. Am rechten und linken Rand erscheinen seine Eltern Galina und Igor, ebenfalls vertreten durch ihre himmlischen Beschützer. Auf der Rückseite der Ikone, deren Anfertigung 35 000 Rubel oder 900 Euro kostet, verraten goldene Lettern, der Gottesknecht Igor und Gottesmagd Galina aus Moskau hätten sie gestiftet. In Krisenzeiten betrachten viele gern ihre ganze Sippe durch den spirituellen Filter. Für nur 40 000 Rubel oder tausend Euro malt Valeri Familienikonen, auf denen in der Mitte unten das Elternpaar steht, in zweiter Reihe dahinter und darüber die Kinder und noch weiter oben die Kindeskinder. Die Traube frommer Figuren dehnt sich wie ein Baum nach oben aus. Gleich drei Abgeordnete orderten solche Gruppenporträts, die sie samt Verwandtschaft geistig verklärt statt irdisch sündig verewigen, freut sich Valeri. Nachnamen und Partei seiner Kunden verrät der V.I.P.-Ikonenmaler nicht, der, wie er beteuert, nur den christlichen Namen seiner Brüder und Schwestern erinnert.

 

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