Moskauer Monitor

Wolkenkratzer aus Holz

Bild zu: Wolkenkratzer aus HolzEs war ein Symbol der Epoche unbegrenzter Möglichkeiten und wurde zum Symbol der Kurzlebigkeit ihrer Denkmäler. Das höchste Holzhaus der Welt, das im nordrussischen Archangelsk in der ersten Hälfte der neunziger Jahre emporgewachsen war, brachte es ins Guiness-Buch der Rekorde und zog Touristen an, entsetzte jedoch die Nachbarn und die Feuerschutzbehörde. Der Unternehmer Nikolai Sutjagin, dem seinerzeit ein Sägewerk und eine Lebensmittelladenkette gehörten, wollte an der Wostotschnaja-Straße eigentlich ein Hotel für gehobene Ansprüche errichten. Das Erdgeschoss sollte Empfangssäle beherbergen, der erste Stock Schlafräume, der zweite Arbeitszimmer. Sutjagin baute wild drauflos, ohne Modell, ohne Rücksicht auf die Bauvorschrift, die für Holzhäuser eine Maximalhöhe von drei Etagen vorschreibt. Aber immer wenn er eine Bauphase abgeschlossen hatte, fand Sutjagin sein Gebäude irgendwie unförmig und setzte zur Verschönerung noch eine Etage drauf. Schließlich war es mit zwölf Stockwerken 38 Meter hoch, und der Bauherr hatte seinen Traum vom Haus mit Meeresblick verwirklicht. Vom obersten Turmzimmer aus konnte man das vierzig Kilometer entfernte Weiße Meer als dünnen Streifen am Horizont ausmachen.

Doch dann wurde Sutjagin erpresserischer Geschäftsmethoden verdächtigt, angeklagt und kam in Haft. „Ich ging als Millionär ins Gefängnis und kam praktisch als Bettler wieder heraus“, sagt der ehemalige Unternehmer, der versichert, das Verfahren gegen ihn sei inszeniert gewesen. Während er hinter Gittern saß (1998 bis 2002), wurde Russlands erster Präsident Jelzin von Putin abgelöst, verschwand das Geld aus Sutjagins Büros, fünf seiner Autos wurden im Dwina-Fluss versenkt, seine Baumaschinen gestohlen. Und kaum war er entlassen, da entsannen die Behörden sich der Bauvorschriften, die sie früher ignorierten, entrüstet sich der jetzige Privatier. Sutjagin hatte es nicht mehr geschafft, seinen hölzernen Wolkenkratzer mit Zimmerdecken, Zwischenwänden und Fenstern auszustatten. Nach seiner Freilassung war der Rohbau hinfällig geworden. Vor allem bei windigem Wetter hatten die Nachbarn Angst, lose Bretter vom „Sutjagin-Turm“ oder der ganze „grandiose Holzstoß“, wie das Bauwerk in Archangelsk auch hieß, könne auf sie herabfallen.

Der Hausherr bewohnte in den letzten Jahren mit seiner Gattin die unteren zwei Etagen. Doch Ende 2008 verpflichtete ihn ein Archangelsker Gericht, sein gemeingefährliches Lebenswerk abzubrechen. Sutjagin stellte sich taub. Da bestellten die Stadtbehörden eine Abrissfirma, um für zweieinhalb Millionen Rubel (62.500 Euro) das in uriger Heimwerkertechnik aus dem urrussischen Baumaterial hergestellte Hochhaus dem Erdboden gleichzumachen. Fünf Stunden benötigte im Januar 2009 ein Bulldozer, den stolzen Sutjagin-Turm zum Einsturz zu bringen. Die erdnäheren Strukturen trug man dann in Handarbeit ab. Die Kosten des Zerstörungswerks wollen Archangelsker Gerichtsvollzieher später dem Schöpfer des Bretterpalastes in Rechnung stellen.

Die mobile Version verlassen