Moskauer Monitor

Dostojewski in der Metro: zu depressiv für den Berufsverkehr?

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Die neue Metrostation, die dem 1821 in Moskau geborenen Fjodor Dostojewski gewidmet ist, wurde trotz öffentlich geäußerter Sorgen der Metroleitung über ihre angeblich allzu depressive Ausgestaltung, unzensiert eröffnet. Der große Romanschriftsteller, der in seiner Heimat oft für seinen „schlechten Stil“ gerügt wird und erst nach seiner begeisterten Aufnahme im deutschsprachigen Raum zum Klassiker wurde, ersann Horrorgeschichten von ideologisch gerechtfertigtem Mord und Totschlag, die geradezu beängstigend aktuell bleiben. Vor kurzem erst wurde in einem Dorf nahe der Uralstadt Perm eine alte Frau mitsamt ihrem behinderten Sohn von Leuten, die ihre Enkel hätten sein können, ihrer hohen Rente wegen erschlagen. Die Täter dachten womöglich, wie Dostojewskis Raskolnikow, der in dem Roman „Schuld und Sühne“ eine alte Pfandleiherin und deren kindische Schwester erschlägt, sie könnten, da sie das Leben noch vor sich haben, das viele Geld besser gebrauchen. Die „Dämonen“, wo Söhne der Bildungsschicht eine sozialistische Despotie vorhersagen und wo eine revolutionäre Zelle per Mord zusammengeschweißt wird, nehmen beklemmend hellsichtig die Turbulenzen des zwanzigsten Jahrhunderts vorweg. Und sogar der Typus des kristallenen Schönlings, den die Zentralfigur der „Dämonen“, Stawrogin, verkörpert, der einen ganzen Pfauenschweif von Doktrinen ausstreut, während an ihm selbst das Leben abzuperlen scheint wie an Glas, ist in aktuellen Wiedergängern wie den Ideologiekünstlern des Kreml Wladislaw Surkow und Sergej Naryschkin zu bewundern.

Der U-Bahn-Künstler Nikolai Iwanow vergegenwärtigt Dostojewski als Visionär mit besonderer Nachtsehfähigkeit. Auf dem Treppenabsatz begrüßt den Fahrgast Iwanows bedeutsam in Richtung Zugplattform starrendes Intarsien-Ikonenantlitz des Schriftstellers, das beinahe die gesamte Tunnelwand einnimmt. Mit Dostojewskis Blick im Rücken geht man von hier aus weiter in eine Halle, die getäfelt ist mit anthrazitfarbenem Marmor. Nur auf zwei Pfeilerwände treten Scherenschnittszenen aus Dostojewski-Romanen aus dem dunklen Stein hervor. Es sind schwarzweiße Steinfresken im Stil russischer Ikonenmalerei. Auf der mit „Schuld und Sühne“ (Prestuplenie i nakasanie) überschriebenen Bildwand holt in einer Ecke das schwarze Schemen Raskolnikows mit dem Beil zum Schlag gegen sein zweites, unschuldweißes Opfer aus. In der anderen liest eine schmale Lichtgestalt, die Prostituierte Sofja Marmeladowa, ihm aus der Heiligen Schrift vor. Bei den „Dämonen“ (Besy) sieht man den schwarzen Antihelden, Pjotr Werchowenski, mit der Pistole auf den konvertierten Christen Schatow zielen. Schatows Figur erstrahlt hell, wie vom Geist erleuchtet, und erscheint, gemäß der sakralen Bedeutungsperspektive, größer als sein Peiniger. Etwas entfernt liegt die ebenfalls weiße Leiche der Gottesnärrin Maria Lebjadkina, die Stawrogin aus einer Laune geheiratet hatte, und die der Mörder, um sich ihm anzudienen, ihm vom Hals schaffte. Die Hände Stawrogins, der fast allen Verbrechern in dem Roman das ideologische  Motiv geliefert und damit am meisten Schuld auf sich geladen hat, bleiben sauber.

Metrodirektor Gajew fand die Bilder kaum erträglich und dachte laut über eine Demontage der Mosaiken nach. Ein Moskauer Psychologe befürchtete, sie könnten sich ungünstig auf den Seelenhaushalt der Passagiere auswirken. Der Künstler Iwanow rechtfertigte sich, er habe Dostojewskis tragische Inhalte ohne Lügen vermitteln wollen. Um Tragödien verdauen zu können, braucht man freilich, was nicht bei jedem Moskauer vorauszusetzen ist, eine eiserne Reserve von Glück.

 

 

 

 

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