Moskauer Monitor

Russlands Modernisierungstragödie in den "Fremden Fotos" von Alexej Schulgin

Der Charme der russischen Landschaft liege in ihrer Entropie, dem Eindruck erdgeschichtlicher Erschöpfung, den sie meistens vermittle, findet die Moskauer Video-Künstlerin Olga Tschernyschowa. Dadurch könne sie ein eigentümliches Gefühl intimer Zärtlichkeit vermitteln, Bauprojekte wirken dafür hier schon vor ihrer Fertigstellung oft überanstrengt und hinfällig, hat Frau Tschernyschowa beobachtet. Einen ähnlichen Reiz des Schon-Verbrauchtseins, multipliziert um das Bewusstsein räumlicher Unendlichkeit, besitzen die sowjetischen Industriefotos, die der Multimediakünstler Alexej Schulgin im Moskauer Institut für Spezialkonstruktionen für die Ölindustrie, Giproneftespezmontasch, fand, als er während der achtziger Jahre dort als Werksfotograf tätig war. Schulgin nahm die Bilddokumentationen, die namenlose Fotografen auf Industriebaustellen in russischen Ölgebieten während der sechziger Jahre angefertigt hatten, wie zweckfreie Kunstwerke wahr. Als solche hat er Abzüge der längst brüchig gewordenen Schwarzweiß-Negative unter dem Titel „Fremde Fotografien“ (Tschuschie fotografii) mehrfach publiziert und ausgestellt.

Die Aufnahme, die in heroischer Untersicht einen Arbeiter zeigt, der die Montage einer halbkreisförmigen Konstruktion dirigiert, verrät mit ihrem beinahe suprematistischen Bildaufbau noch die dynamisch unvollkommene Details überspielende Seh-Schule der Avantgarde-Fotografie wie sie von Rodtschenko oder Ignatowitsch geprägt wurde.

Doch schon auf dem stimmungsvoll zerkratzten Bild des Arbeiters im Gegenlicht, der eine Art Brückenpylon mit ausgespannten Trossen halb verdeckt, verdeutlicht die symmetrisch kreuzförmige Komposition vor allem, dass nicht nur die ganze Stahlkonstruktion schief hängt, sondern sogar der Horizont

Bei der himmellosen Aufnahme des vom Planierfahrzeug zerwühlten Erdboden, auf dem vier kräftige Arbeiter irgendwie ratlos einander gegenüber hocken, suggeriert der nach vorne rechts kippende Kamerablick dem Betrachter, dass er aus diesem Schlammloch nie wieder herauskommt.

Auf einem Bild, in das von rechts der abgebrochene Stumpf einer Pipeline hineinragt, sieht das Erdreich, aus dem die Ecke eines verbogenen Stahlblechs emporragt wie die Flosse eines Fisches, vollends verflüssigt aus. Vor der Skyline aus rätselhaften Zylindern, die aus der Ferne an Grabmale erinnern, werden die versehrten geometrischen Formen zum Memento mori eines Fortschrittstraums. Die Abzüge der „Fremden Fotos“ werden in der XL-Galerie im Galeriezentrum Vinzavod aufbewahrt.

 

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