Moskauer Monitor

Heilige Allegorie: Raffaels "Dame mit dem Einhorn" und AES+F in der italienischen Botschaft in Moskau

Das Jahr der italienischen Kultur in Russland wurde in Moskau mit einem Gastspiel von Raffaels „Dame mit dem Einhorn“ eröffnet, die zunächst ein paar Tage in der Residenz des italienischen Botschafters verweilte, bevor sie ins Puschkin-Museum weiterwanderte, wo das Publikum ihr noch bis zum 10. Mai seine Aufwartung machen kann. Der Besuch aus der römischen Galleria Borghese ist den Moskau umso willkommener, als von den vier Raffael-Gemälden, die die russische Zarensammlung in der Eremitage einst besaß, die zwei vielleicht großartigsten, die Madonna Alba und der mit dem Drachen kämpfende Sankt Georg, Anfang der dreißiger Jahre von den Bolschewiken verkauft wurden. Beide Bilder sind heute in der Washingtoner National Gallery zu bewundern. Die Eremitage besitzt „nur“ noch die Madonna mit dem lesenden Jesusknaben und die Heilige Familie mit bartlosem Joseph.

Um die geometrisch vollkommen geformte und mit ihrem zotteligen Fabeltierchen wie aus der Zeit gefallene Dame auf dem Boden des Dritten Rom würdig zu begrüßen, gab die italienische Botschaft unter dem Titel „Un caffè con Raffaello“ ihr zu Ehren ein Champagner-Frühstück mit Croissants und Erdbeeren für führende Vertreter der russischen Kultur – den legendären Theaterregisseur Juri Ljubimow, die Direktorin des Fotomuseums Olga Swiblowa, den Fotografen Igor Muchin, die Künstler Alexander Brodski, Juri Awwakumow sowie die Mitglieder der Gruppe AES+F, Tatjana Arsamassowa, Lew Jewsowisch, Jewgeni Swjatski und Wladimir Fridkes. Bei der Gelegenheit zeigten AES+F, um zu illustrieren, wie aktuell die fast unheimliche Perfektion des Bildes für das zeitgenössische Kunstschaffen ist, Videobilder von ihren jüngsten Arbeiten, dem „Gelage des Trimalchio“ sowie dem „Letzten Aufstand“, wo gläsern gut aussehende Modelmenschen Choreographien des Begehrens beziehungsweise des Tötens nachstellten, ohne miteinander in Kontakt zu treten. Neben dem Corps de ballet der Heutigen, die jenseitig oder narzisstisch in sich selbst versunkenen scheinen, wirkte der hochlebendige Blick von Raffaels fünfhundert Jahre altem Mädchen geradezu durchdringend.

Der Bildsprache des römischen Gastgemäldes besonders nah erschienen die Fotomontagen aus der neuen, noch unvollendeten Arbeit von AES+F, „Allegoria sacra“, die unmittelbar von dem gleichnamigen Gemälde von Giovanni Bellini in den Uffizien inspiriert ist. Es sind Visionen heutiger apokalyptisch-außerzeitlicher Räume, welche die Künstler in undefinierbare Flugverkehrstransitzonen verlegen. Idealisierte Emblemfiguren, ein Zentaur, ein schwarzer Priester, ein alter Hiob mit Atemmaske, engelhaft futuristische Stewardessen beschwören einen Zustand der Erwartung und des Übergangs, wo alles Wirkliche irreal wird, weshalb AES+F ihn mit dem Fegefeuer gleichsetzen.

 

Abgetrennte Köpfe, die frühere oder künftige Bürgerkriege und Märtyrerschicksale vergegenwärtigen, schweben wie Planeten, als reine Zeichen – wie das später hinzugefügte und inzwischen wieder entfernte symbolische Rad, das Raffaels Dame eine Weile zur heiligen Märtyrerin Katharina machte.

 

Dass auch das worauf wir warten und wofür unsere Kultur sich so hoch gerüstet hat, sich auflöst, suggerieren die Bilder von Flugzeugflotten, die von Schneewehen bedeckt, von Urwaldpflanzen überwachsen werden oder in den Lethefluss davonschwimmen.

 

Im Herbst wollen AES+F ihre fertige „Allegoria sacra“ auf der Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst vorführen.

Bildquelle: ALLEGORIA SACRA by AES+F, italienische Botschaft Moskau

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