Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Feindbild Google

Deutsche Medienmanager prügeln auf Google ein. Und verdrehen dabei schon mal die eine oder andere Tatsache.

Deutsche Medienmanager prügeln auf Google ein. „In zehn Jahren ist Google tot”, behauptet Verleger Christian DuMont Schütte, ohne allerdings seine Aussage zu begründen.

 

Und legt nach: „Es kann nicht sein, dass die Medienhäuser in Deutschland grob geschätzt neun Milliarden Euro für Nachrichteninhalte ausgeben, die sie dann kostenlos ins Internet stellen. Wir bezahlen Suchmaschinen sogar dafür, dass sie uns oben listen. Bei uns bröckeln Auflage wie Anzeigen, und Google schöpft mit unserer Hilfe den Werbemarkt ab. Das ist pervers”, sagte er der F.A.S.

Auch Guillaume de Posch, Chef des Fernsehsenders ProSieben Sat.1, schlägt auf Google ein. „Google bedrängt uns zusehends stärker. Die Internetsuchmaschine hat heute eine Macht wie Microsoft vor 20 Jahren”, sagte de Posch. Vor allem im Kampf um die Werbekunden sei die amerikanische Internetsuchmaschine ein Konkurrent. Zudem würde das Angebot von Google oder der Videoplattform Youtube viele Jugendliche vor den Computerbildschirm statt vor den Fernseher locken.

Ohne Googles Marktmacht herunterreden zu wollen, sollten ein paar Aussagen mit den Fakten konfrontiert werden:

  • Google hat im vergangenen Jahr mehr als 10 Milliarden Dollar mit Online-Werbung umgesetzt. Dieser Werbemarkt ist aber weder Zeitungen noch dem Fernsehen verloren gegangen, sondern weitgehend neu entstanden. Die direkte Konkurrenz für Zeitungen und Fernsehen sind die Online-Rubrikenmärkte und die Websites, die graphische Werbung zeigen und Markenkampagnen fahren. Hier hat der Verlagerungsprozess von klassischen Medien ins Internet gerade erst begonnen. Google ist in diesen Märkten bisher kaum vertreten (was nicht heißt, dass Google natürlich in diese Märkte eintreten möchte).
  • Herr DuMont Schütte bezahlt Suchmaschinen dafür, dass er oben gelistet wird. Diese Aussage halte ich für einen groben Irrtum seinerseits. Wenn es tatsächlich so wäre, wäre Google in zehn Jahren wirklich tot.
  • Niemand zwingt die klassischen Medien, ihre Inhalte kostenlos ins Internet zu stellen. Sie tun dies, um am schnell wachsenden Online-Werbemarkt zu partizipieren. Sogar das Wall Street Journal, lange Zeit die Ikone das Paid Content, geht diesen Weg.
  • Google News führt den Internetseiten der klassischen Medien einen großen Teil ihrer Nutzer zu; hält aber auch viele Menschen davon ab, diese Seiten direkt anzusteuern, weil sie sich mit den Headlines begnügen. Das Verhältnis der klassischen Medien zu Google News ist also gespalten. Wer aber nicht möchte, dass seine Beiträge bei Google News gezeigt werden, kann sie sperren lassen. (Allerdings gilt das alte Argument von Google, mit fremden Inhalten kein Geld zu verdienen, da auf Google News keine Werbung eingeblendet werde, nicht mehr. Die neue “Universal Search” kombiniert die Suche in den Nachrichten mit der Web-Suche und blendet auf den Trefferlisten Werbung ein.)
  • Das Abbröckeln der Auflage und Anzeigen liegt nicht an Google, sondern am geänderten Mediennutzungsverhalten vor allem junger Menschen und der Tatsache, dass die werbetreibende Wirtschaft ihrer Zielgruppe nun ins Netz folgt. Das mag ein Verleger bedauern, aber so ist die Welt.

Unbedingt lesenswert sind die Leserkommentare auf FAZ.NET zu DuMont Schütte.

Nachtrag: Inzwischen hat Googles Nordeuropachef Philipp Schindler auf DuMont Schütte reagiert. „Wenn ich mir die Schecks anschaue, die wir an Medienunternehmen für die Ausschüttung der Werbeeinnahmen ausstellen, dann ist das ein signifikantes Geschäft“, sagte Schindler vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten in Hamburg. Allein im jüngsten Quartal habe Google etwa eine Milliarde Dollar (733 Mio Euro) an Medienhäuser ausgeschüttet.