Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Ebay für Zocker

Spieltheoretiker nennen es Glücksspiel; das Unternehmen spricht von "Spaß und Nervenkitzel bei der Jagd auf hochwertige Markenprodukte". Die Rede ist von Telebid, einem Auktionshaus, bei deren Auktionen am Ende nur ein Bieter gewinnen kann, alle unterlegenen Bieter aber draufzahlen.

Wem Ebay zu langweilig ist, der kann sich auf Telebid.de in einer Mischung aus Auktion, Glücksspiel und Schnäppchenjagd versuchen. Das Besondere: Jedes Gebot kostet 50 Cent und steigert den gebotenen Preis um 10 Cent. Wer zuletzt bietet, gewinnt die Auktion. Der Gewinner kann dann ein Schnäppchen machen wie Nutzer Kaiserlein99, der eine Spielekonsole Nintendo Wii für 61,40 Euro ersteigert hat, die im Laden rund 250 Euro kostet. Im Durchschnitt sparen die Gewinner 65 Prozent gegenüber dem Ladenpreis, sagt Telebid-Chef Gunnar Piening. Aber es kann nur einen Gewinner geben. Alle anderen Mitbietenden sind Verlierer, denn sie müssen für ihre Gebote trotzdem zahlen.

Versteigert werden vor allem Technikprodukte wie Handys, Computer oder Spielekonsolen, aber auch Haushaltsgeräte, manchmal Autos und sogar 100-Euro- oder 700-Euro-Geldgutscheine – alles zusammen im Wert zwischen 30 000 und 35 000 Euro am Tag. Je höher der Warenwert, desto mehr Menschen bieten mit und desto größer ist das Missverhältnis zwischen dem einen Gewinner und den vielen Verlierern. „Die Obergrenze für den Warenwert liegt daher meist bei 1500 Euro“, sagt Piening.

Rund 20 000 Bieter sind jeden Monat auf der Plattform aktiv, bieten per Internet oder Telefon mit. „Mit 40 Prozent der Auktionen verdienen wir Geld, bei 60 Prozent legen wir drauf“, sagt Piening. Telebid erhält 50 Cent je abgegebenes Gebot und – bei einer Festpreis-Auktion – zusätzlich noch den angegebenen Preis. Am Jahresende bleiben auf diese Weise zwei Millionen Euro als Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen hängen.

„Telebid kann nur Gewinn machen, wenn alle Bieter zusammen im Durchschnitt mehr zahlen, als die Ware wert ist“, sagt Axel Ockenfels, Spieltheoretiker an der Universität Köln, der das Telebid-System eher als Glücksspiel denn als Auktion sieht. „Das Modell hat ein hohes Suchtpotential, denn es gibt Anreize, gutes Geld dem schlechten Geld hinterherzuwerfen“, sagt Ockenfels. Bieter, die bereits häufig geboten und viel Geld eingesetzt haben, wollen dann unbedingt gewinnen – koste es, was es wolle.

Piening hält die Kritik, dass am Ende meist nur der Auktionator gewinnt, für falsch. „Ein System, das systematisch nur Verlierer hervorbringt, wird auf Dauer nicht funktionieren. Es gibt keine Garantie, dass nur wir gewinnen“, sagt er. Die Mehrheit der Bieter verhalte sich diszipliniert. „Die Gebote müssen vor der Auktion gekauft werden. Das stellt eine Grenze dar, an der viele Bieter aufhören“, sagt Piening. Genau das ist aber auch der Fehler der unerfahrenen Bieter. „Die meisten Nutzer kaufen 20 Gebote und hören dann auf.

Die erfahrenen Nutzer bieten häufiger und setzen dazu oft den Bietagenten ein“, erklärt Piening eine Erfolgsstrategie. „Andere Nutzer beschäftigen sich sehr intensiv mit einer Auktion, warten immer, bis der Countdown fast auf null ist, und setzen immer nur das Minimum“, ist die zweite erfolgversprechende Strategie. „Um zu vermeiden, dass einige wenige Profi-Bieter alle Auktionen von Telebid gewinnen, um die Produkte dann anschließend auf Ebay weiterzuverkaufen, dürfen sie nur acht Auktionen im Monat gewinnen.“

Die Sofina GmbH, die Telebid betreibt, hat das Geschäftsmodell inzwischen auch in Großbritannien und Spanien eingeführt. In den drei Ländern melden sich jeden Tag 3000 neue Nutzer an, die allerdings nicht alle gleich mitbieten. Um Verlierer zu motivieren, bekommen sie Tipps für die richtige Bietstrategie oder Freigebote. Am Ende, gibt Piening zu, gibt es aber mehr Verlierer als Gewinner.

Das Unternehmen, das vom Risikokapitalgeber Wellington Partners unterstützt wird, will schon im August auch in die Vereinigten Staaten expandieren. „2009 wollen wir nach Asien gehen. Korea, Japan und China stehen auf der Liste“, sagt Piening.