Netzwirtschaft

Netzwirtschaft

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

United Internet spürt Schwäche auf dem DSL-Markt

Nach der gescheiterten Freenet-Übernahme kann sich United Internet nun wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren. Dort gibt es genug zu tun: Das DSL-Geschäft schwächt sich ab. Statt der von Analysten erwarteten 85.000 DSL-Kunden legte United Internet im zweiten Quartal nur um 60.000 Kunden zu. [UPDATE: Spin-Doktor Hering Schuppener soll es richten]

United Internet hat seine Umsatzprognose wegen der Abkühlung am Online-Werbemarkt und dem schwächeren DSL-Geschäft gesenkt. Finanzchef Norbert Lang stellte am Mittwoch für 2008 noch ein Umsatzplus von 16 Prozent in  Aussicht, das sich währungsbereinigt auf 18 Prozent belaufen soll. Bislang hatte UI ein Wachstum von 20 Prozent in Aussicht gestellt. 

United Internet spürt vor allem die Abschwächung des DSL-Marktes. Im zweiten Quartal holte das Unternehmen nur 60000 neue DSL-Kunden. Analysten hatten mit einem Anstieg um 85 000 Kunden gerechnet. Die nachlassende Wachstumsdynamik, mit der alle Unternehmen in der Branche zu kämpfen haben, zeigt sich auch im Vorjahresvergleich: Gegenüber der Jahresmitte 2007 wuchs die DSL-Kundenzahl um 340.000 auf 2,76 Millionen. In dem Jahr zuvor hatte United Internet noch 480.000 DSL-Kunden gewinnen können. Für das dritte Quartal rechnet das Unternehmen nur noch mit 20.000 neuen DSL-Kunden, weil rund eine halbe Million Verträge auslaufen und UI damit rechnet, dass rund 100.000 Kunden den Anbieter wechseln werden. Damit also 20.000 Netto-Neukunden übrig bleiben, rechnet das Unternehmen mit etwa 120.000 Kunden im dritten Quartal. 

Die Prognoserevision hat den Aktienkurs einbrechen lassen. Analysten zeigten sich überrascht, dass United Internet die Prognoserevision in einer Pressekonferenz verkündete und nicht in der adhoc-Mitteilung bekannt gab.

Der Umsatz legte im zweiten Quartal um 14,2 Prozent auf 412,4 Millionen Euro zu; Analysten hatten mit 421 Millionen Euro gerechnet. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen wuchs um 12 Prozent auf 88 Millionen Euro. Erwartet worden waren 89,5 Millionen Euro. Erste Einschätzung von Marcus Sander, Analyst bei Sal. Oppenheim: „Die Zahlen sind ordentlich, viel mehr aber auch nicht. Die Kundenzahlen im Hosting-Geschäft sind vor allem im Ausland sehr gut. Im DSL-Geschäft war nicht viel mehr zu erwarten, da das zweite Quartal generell schwierig ist und der Wettbewerber Vodafone aggressiv am Markt tätig war. Das Bitstream-Angebot der Deutschen Telekom ist zudem erst spät gestartet“, sagte Sander der FAZ.

Die Beteiligungen an Freenet und Versatel schlagen sich negativ auf die Bilanz nieder. „In Folge der strategischen Beteiligungen an der MSP Holding (freenet), Versatel und Drillisch wurden das Konzernergebnis sowie das Ergebnis pro Aktie (EPS) durch höhere Zinszahlungen in Höhe von rund 10 Mio. EUR sowie einen im Saldo negativen Ergebnisbeitrag der at-equity bilanzierten Unternehmensbeteiligungen in Höhe von 10,2 Mio. EUR belastet“, heißt es in der Adhoc-Mitteilung. Eine Abschreibung auf die Freenet-Beteiligung, die von Analysten für möglich erachtet wurde, erwähnt United Internet in der Mitteilung nicht.

Wachstumstreiber ist das Webhosting-Auslandsgeschäft. Die Zahl der kostenpflichtigen Kundenverträge wurde im 1. Halbjahr um 270.000 auf 1,82 Millionen gesteigert.

Mit dem Online-Marketing ist das Unternehmen nicht zufrieden. Die Marken Adlink und Affilinet leiden darunter, dass der Online-Werbemarkt  in diesem Jahr schwächer wächst als erhofft. Das margenstarke Domain-Marketing-Geschäft (Sedo) blieb unter den Ergebnissen des Vorjahres. Zwar stieg der Umsatz in diesem Segment noch um 7,9 Prozent gesteigert wurde, aber das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen sank um 21 Prozent.

Dommermuth will die Konsolidierung am DSL-Markt vorantreiben. Der Fokus liege aber jetzt auf organischem Wachstum. Ein Auge hat Dommermuth dennoch auf das Internet-Geschäft des Konkurrenten Freenet geworfen, das zum Verkauf steht. Dommermuth wollte nicht sagen, wie viel UI bereit ist zu bieten. Interesse zeigte der Manager auch an der Telecom-Italia-Tochtergesellschaft Hansenet, die zum Verkauf steht. „Sollte Hansenet zum Verkauf  stehen, würde sich UI das ansehen, sagte Dommermuth.“ Hansenet sei wegen der größeren Kundenbasis interessanter als das DSL-Geschäft von Freenet. Aber auch teurer: Mindestens eine Milliarde Euro will Telecom Italia haben. Denn die Italiener haben fast 600 Millionen Euro in den Netzausbau investiert und weitere 675 Millionen Euro für den Kauf der AOL-Zugangssparte ausgegeben. Da Hansenet in der Zwischenzeit weitere Kunden gewonnen hat, dürfte der geforderte Kaufpreis die Eine-Milliarde-Euro-Marke wohl deutlich übersteigen. Allerdings wird Vodafone nicht als Käufer gesehen, da das Unternehmen mit seiner Sparte Arcor bereits über ein gut ausgebautes Netz verfügt. Auch Telefónica hat ein Netz, aber keine Kunden. Sollten die Spanier in Deutschland noch in das Endkundengeschäft einsteigen wollen, müssen sie kaufen. Sonst ist der Markt verteilt. Das Endspiel um das DSL-Markt läuft.

UPDATE: 

Inzwischen fangen die ersten Analysten an, sich Gedanken über die Strategie des Unternehmens zu machen. Nicolas Didio, Analyst von Exane BNP Paribas, stufte die Aktie von „outperform“ auf „underperform“ zurück. Im Zuge der Senkung der Gewinnerwartungen werde auch das Kursziel von 17,80 auf 11,90 Euro nach unten revidiert. Auch nach dem jüngsten Kursrutsch sei das Chance/Risiko-Profil nicht günstig. Die Umsätze seien gefährdet und das Unternehmen stehe unter Druck, seine Position durch Zukäufe zu sichern. Das zweite Quartal sei für Reseller negativ verlaufen. Die Aussichten für das zweite Halbjahr seien auch nicht optimistisch. Sowohl hinter der Strategie als auch deren Kommunikation würden Fragezeichen stehen, begründete Didio die Herabstufung. Auch Björn Stübner, Analyst der WestLB, senkte sein Kursziel von 20 auf 15,10 Euro. Nach dem Quartalsbericht und der gesenkten Umsatzprognose habe man die Gewinnerwartungen nach unten korrigiert. Vor allem das DSL-Geschäft, wo der Wettbewerb derzeit sehr intensiv geführt werde, und das Online-Marketing stünden unter Druck. Neben der DSL-Schwäche werde zudem der schwache Beitrag der Online-Vermarktungstochtergesellschaft Adlink die Umsätze und Gewinne von United Internet belasten.

UPDATE:

Zumindest für ihre Kommunikationsprobleme hat sich United Internet Hilfe geholt: Hering Schuppener (das sind die Spin-Doktoren, die gerade auch für Conti unterwegs sind) soll im Auftrag von UI die Kastanien aus dem Feuer holen. 

Die Selbstdarstellung von Hering Schuppener passt prima zur Situation von United Internet:

„HERING SCHUPPENER hat sich auf strategische Kommunikationslösungen für Unternehmen insbesondere in erfolgskritischen Situationen spezialisiert. Darunter verstehen wir M&A-Transaktionen, Kapitalmaßnahmen, die kommunikative Begleitung von Restrukturierungsprozessen sowie Veränderungs- und Krisensituationen.“

Bei der Schlammschlacht um Freenet haben die neuen Helfer eher wenig gebracht. Aber die Konsolidierung auf dem deutschen Markt ist noch nicht zu Ende. Und der Ruf von UI-Chef Ralph Dommermuth, der in den vergangenen Monaten arg gelitten hat, lässt sich sicher gut wieder aufpolieren.