Netzwirtschaft

Netzwirtschaft

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Wachablösung: Web 2.0 läuft Web 1.0 den Rang ab

| 11 Lesermeinungen

Im Internet bahnt sich einen Generationswechsel an: Web 2.0 Angebote gewinnen an Reichweite, Web 1.0 Portale verlieren Reichweite. Im Kampf der Web-Kulturen sehen vor allem die klassischen Portale alt aus.

Soziale Netzwerke sind auf dem Weg, zur dominanten Kraft im Internet zu werden. Keine andere Kategorie wächst so schnell, so dass schon zwei Drittel der Online-Bevölkerung jeden Monat ein soziales Netzwerk besuchen. Damit ist das Web 2.0 auf Rang 4 der beliebtesten Online-Tätigkeiten vorgedrungen und hat dabei die E-Mail überholt, wie eine Studie von Nielsen Online ergeben (PDF) hat. 10 P Bild zu: Wachablösung: Web 2.0 läuft Web 1.0 den Rang abrozent der gesamten Online-Zeit fließen inzwischen in diese Web-2.0-Seiten; die Verweildauer steigt dreimal schneller als im Durchschnitt aller Websites. „Obwohl schon zwei Drittel der globalen Online-Bevölkerung auf diese Websites zugreifen, scheint sich das Wachstum der Verbreitung und Nutzung nicht zu verlangsamen“, sagte John Burbank, Vorstandschef von Nielsen Online. Deutschland ist erst spät auf den Zug Richtung Web 2.0 aufgesprungen, holt aber schnell auf. 51 Prozent der Onliner in Deutschland besuchen jeden Monat soziale Netzwerke, hat Nielsen Online ermittelt. In Deutschland ist die Web-2.0-Zeit im vergangenen Jahr um 140 Prozent gestiegen. Drei von fünf Internetnutzern sind hierzulande in sozialen Netzwerken aktiv. Die schnell wachsenden Netzwerke treffen in Deutschland auf die noch dominanten klassischen Portale aus der Web-1.0-Welt, die im vergangenen Jahr allesamt an Reichweite eingebüßt haben, also von einem immer geringer werdenden Teil der Internet-Nutzer besucht werden. Freenet hat wegen seiner hausgemachten Probleme aufgrund von Berechnungen auf Basis der AGOF-Studien 3,3 Prozentpunkte seiner Reichweite verloren. Auch United Internet hat noch kein Rezept gefunden: Web.de hat 2,6 Prozentpunkte eingebüßt; bei GMX sind es 0,7 Prozentpunkte. T-Online hat zwar weiterhin die größte Reichweite unter den Portalen, gehört aber ebenso zu den Verlierern.

Bild zu: Wachablösung: Web 2.0 läuft Web 1.0 den Rang ab

Keines der klassischen Portale hat bisher eine überzeugende Antwort auf die Herausforderer aus dem Web-2.0-Lager gefunden, obwohl diese Unternehmen gerade dabei sind, den Portalen einen wichtigen Teil der Online-Tätigkeit wegzunehmen: die Kommunikation. Statt E-Mails senden vor allem die jungen Menschen heute häufiger Nachrichten im SchülerVZ, StudiVZ, Wer-kennt-wen oder Facebook. Neuartige Dienste wie Twitter haben inzwischen gar das „Echtzeitinternet“ eingeläutet, in dem Nachrichten ohne Zeitverzögerung um die Welt gehen. Da kann die E-Mail kaum noch mithalten. Web.de-Chef Jan Oetjen sieht jedoch keine Gefahr für sein Unternehmen. „Soziale Netzwerke und Instant Messenging sind Teenager-Phänomene“, sagt Oetjen. Die Schallgrenze liege bei 25 Jahren; danach lasse die Nutzung von StudiVZ und Co. nach. „Mit dem Eintritt ins Berufs- und Familienleben wird die schnelle, flache Kommunikation mit Bekannten unwichtig. Längere Nachrichten an den Lebenspartner, an feste Freunde, Behörden und Internet-Shops erhalten größere Bedeutung“, sagt Oetjen.

Bild zu: Wachablösung: Web 2.0 läuft Web 1.0 den Rang ab

Tägliche Unique User der Portale

Obwohl er das Web 2.0 nicht als Gefahr sieht, will er sein Unternehmen zur Web-2.0-Zentrale machen. Dort sollen Nutzer alle ihre Passwörter ablegen, damit alle Nachrichten aus den verschiedenen Netzwerken an einer Stelle zusammenlaufen. Doch die Portale, die die Internetsuche schon an Google und die Nachrichten an die klassischen Medien verloren haben, werden sich mehr einfallen lassen müssen, um dem Web 2.0 auf Dauer Paroli bieten zu können. Beispiele sind Cloud-Dienste, die Dateien automatisch zwischen Heimrechner, Handy und Online-Festplatte synchronisieren, innovative Musikangebote wie Spotify oder wirklich gute mobile E-Mail-Lösungen. Auch Web-2.0-Funktionen, die die Verteilung der Portal-Inhalte über Schnittstellen oder sogenannte Widgets im Internet ermöglichen, sind Mangelware. 


11 Lesermeinungen

  1. Der Begriff "Web 2.0" war ein...
    Der Begriff „Web 2.0“ war ein Arbeitstitel, um zu verdeutlichen, dass der ursprüngliche Nutzen des Internets, nämlich die hierarchie-freie Kommunikation, auf einem für die Allgemeinheit erfassbaren Technik-Niveau umgesetzt wurde.
    Die kurze Phase des Internets, in der alte und neue Filter-Hoheiten das Web für sich entdeckten, war abgeschlossen (aka Web 1.0) und wurde ergänzt durch die Möglichkeit, dass alle aktiv an der Kommunikation teilnehmen können.
    Wie es auch zu Übertreibungen (Dotcom-Blase) in der 1.0-Phase gab, kam und kommt es auch in der 2.0 Phase zu diesen (z.B. Noise).
    web.de hat sicherlich, wenn sie sich beeilen, eine Chance, zu einer guten Einstiegsseite zu werden, wenn sie RSS-Feeds (info und friend-related) einbinden und einen openid-standard auswählen, statt hier eine eigene Suppe zu kochen…
    Für diejenigen, die sich mit dem Netz auskennen, werden Angebote wie Netvibes oder Friendfeed und deren Weiterentwicklungen wichtig bleiben, aber ähnlich wie wer-kennt-wen sich zur erschreckend umfassenden Volks-Community entwickelt hat, kann web.de sicher auch in der mitlaufenden Bevölkerung „innovative“ Standards setzen.
    Ein wirkliches Verständnis von den gesellschaftlichen wie kommerziellen Chancen des Web 2.0 erwarte ich von einer Platform, die einfach ihrem Freemail-Service einige einfache News-Services und viele kommerziell ausgelegte Service-Widgets hinzugefügt hat, allerdings nicht. Und das ist sehr schade, weil das Potential von Web 2.0 nicht in „alle können jetzt miteinanderreden – gleichzeitig“ liegt, sondern in der damit optional einhergehenden geistigen Anregung(für was auch immer) liegt.
    ja, und wie schon gesagt, die am schnellsten wachsende Gruppe bei facebook ist über 30. „Das ist nur ein Jugendphänomen“ als (selbst-beruhigende) Begründung für „Wir haben da was übersehen“ aus dem Munde eines Online-Managers zu hören, zeigt, dass es falsch war Krawatten-Träger im Online-Geschäft zu zulassen.
    Die verstehen nie etwas, egal wo sie sind.

Kommentare sind deaktiviert.