Netzwirtschaft

Google und Web 2.0 treiben klassische Portale in die Enge

Bild zu: Google und Web 2.0 treiben klassische Portale in die EngeIm Internet verblasst Ruhm schnell. Portale wie T-Online, Yahoo oder Web.de waren am Anfang der Internetzeit noch die großen Aggregatoren, die die Massen anzogen. Heute sind sie die Dinosaurier, die wegen ihrer E-Mail-Dienste zwar noch eine hohe Reichweite haben, aber nicht mehr wachsen. Da die Zahl der Internetnutzer weiter steigt, wird der Anteil der erreichten Nutzer sogar immer kleiner. Das wird zu einem Problem auf dem Online-Werbemarkt, denn unter den Werbetreibenden ist die Reichweite entscheidend, um zum Beispiel Budget vom Fernsehen ins Internet zu übertragen. Da Google inzwischen von rund 37 Millionen deutschen Internetnutzern im Monat aufgesucht wird und seine Reichweite ebenso stetig ausbaut wie die Web-2.0-Anbieter Facebook oder Wer-kennt-wen, stehen die klassischen Portale unter Handlungsdruck. Fusionen oder Kooperationen zur Ausweitung der Reichweite werden in diesem Jahr wohl das Mittel der Wahl sein, um der schnell wachsenden Konkurrenz in der Online-Werbung Paroli zu bieten.

Dabei ist im Markt der sozialen Netzwerke die Welt auch nicht mehr so rosig, wie sie einmal war. „Ich hätte StudiVZ längst verkauft”, sagte Nico Lumma, Fachmann für soziale Medien, schon vor Monaten. Facebook hatte im vergangenen Jahr für sein deutsches Pendant geboten. Jetzt ist es dafür wohl zu spät: Erstens muss Facebook in Zeiten der Wirtschaftskrise sein Geld beisammenhalten, und zweitens hat es der Weltmarktführer unter den sozialen Netzwerken auch nicht mehr nötig, StudiVZ zu übernehmen. Denn Facebook wächst inzwischen auch in Deutschland von ganz allein. Zwischen Mai 2008 und Februar 2009 hat Facebook seine Reichweite in Deutschland um 260 Prozent auf 2,5 Millionen Menschen ausgebaut, die von zu Hause aus auf die Seite zugegriffen haben, hat das Marktforschungsunternehmen Nielsen Online für die FAZ errechnet. 

Die Reichweite von StudiVZ ist in diesem Zeitraum gerade einmal um 2,7 Prozent auf 3,77 Millionen gestiegen. Auch der Ableger MeinVZ, der im vergangenen Sommer noch Kopf an Kopf mit Facebook lag, kann trotz ordentlicher Zuwächse nicht mehr mit den Amerikaner mithalten. Bis zum Marktführer Wer-kennt-wen, der seine Reichweite seit dem vergangenen Mai immerhin um 55 Prozent auf 4,4 Millionen Menschen ausgedehnt hat, ist es für Facebook aber noch ein ganzes Stück.

Im Kriterium der Verweildauer auf der Seite, das für die Online-Werbung ebenfalls große Bedeutung hat, ist Facebook schon an beiden VZ-Netzwerken vorbeigezogen. Auch in diesem Kriterium liegt der RTL-Ableger Wer-kennt-wen mit 154 Minuten durchschnittlicher Verweildauer noch vorn. Allerdings spricht die Dynamik klar für Facebook, denn mit steigender Nutzerzahl wächst deren Verweildauer, während sie bei Wer-kennt-wen sinkt.

Die Aufholjagd der technisch überlegenen Amerikaner kann nicht überraschen, denn mit inzwischen 200 Millionen Mitgliedern in aller Welt ist Facebook klar am Rivalen Myspace vorbeigezogen, der auch in Deutschland kaum noch zulegen kann. In Europa ist Facebooks Anteil an der gesamten Online-Zeit innerhalb eines Jahres von 1,1 Prozent auf 4,1 Prozent gestiegen, hat das Marktforschungsunternehmen Comscore gemessen. Der Anteil an der Zeit, die von den Nutzern  in sozialen Netzwerken verbracht wird, hat in diesem Zeitraum von 12,3 auf 30,4 Prozent zugelegt. Mit Ausnahme Deutschlands ist Facebook in allen großen europäischen Ländern das meistgenutzte Netzwerk.

Doch der Erfolg hat seinen Preis. Denn je mehr Nutzer sich auf der Plattform tummeln, dort Fotos hochladen und tauschen, desto höher sind die Kosten für Netzwerkrechner (Server) und Datenübertragung. Facebook hat inzwischen eine fünfstellige Zahl an Servern im Einsatz und muss seine Kapazitäten stetig ausbauen. Genaue Zahlen über seine Infrastrukturkosten macht Facebook nicht, doch wie teuer Popularität sein kann, zeigte jüngst eine Analyse des Schweizer Bank Credit Suisse, die dem Videoportal Youtube 470 Millionen Dollar Verlust in diesem Jahr vorhersagte. 240 Millionen Dollar Werbeumsatz sollen 710 Millionen Dollar Infrastrukturkosten für Server und Datenübertragung gegenüberstehen, da Videos sehr große Datenmengen enthalten, schätzen die Banker. Steigenden Infrastrukturkosten stehen in diesem Jahr nur moderat wachsende Werbeeinnahmen gegenüber, denn die Konjunkturkrise belastet vor allem die graphische Online-Werbung. Den Beweis, dass die Geschäftsmodelle im Web 2.0 funktionieren, werden die meisten Anbieter auch in diesem Jahr nicht antreten können. Das gilt ebenso für den Mikro-Blogging-Dienst Twitter, der auch in Deutschland sprunghaft wächst. Im Februar haben 340.000 Nutzer die Startseite Twitter.com besucht, hat Nielsen Online gemessen. Auch die Verweildauer auf der Seite wächst schnell, liegt aber noch auf niedrigem Niveau. 

Allerdings hat sich nur ein kleiner Teil der 340.000 Besucher tatsächlich angemeldet. Offenbar ist die Hemmschwelle für viele Nutzer noch recht groß oder sie wissen nicht, was sie mit Twitter anfangen sollen. 

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